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Hartmann spricht erstmals über das Ende bei Dynamo

Dynamos Ex-Kapitän wollte noch ein Jahr spielen, durfte aber nicht. Was er darüber denkt und was er nun plant, verrät er im exklusiven Interview.

Von Sven Geisler
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Seit Sommer ist Marco Hartmann kein Profi-Fußballer mehr, kümmert sich um seine berufliche Zukunft und um die geplante Weltreise.
Seit Sommer ist Marco Hartmann kein Profi-Fußballer mehr, kümmert sich um seine berufliche Zukunft und um die geplante Weltreise. © Matthias Rietschel

Dresden. Der Abschied war emotional. 16.000 Fans jubelten Marco Hartmann Ende August noch einmal zu, das Stadion war unter Corona-Auflagen ausverkauft. Mit Tränen in den Augen und emotionalen Worten verabschiedete sich einer, der acht Jahre für die Dresdner die Knochen hingehalten hatte. Bei kaum einem trifft es diese Formulierung so genau wie bei dem 33-Jährigen, der 146 Pflichtspiele bestritt und die Mannschaft 73-mal als Kapitän auf den Platz führte.

„Egal, wo ich in Zukunft mein Handtuch an den Strand lege, ob in der Südsee oder an der Ostsee, es wird schwarz-gelb sein“, sagt Hartmann an diesem Nachmittag. Danach hat er sich nicht mehr geäußert. Im exklusiven Interview spricht er nun über seine Karriere, das Ende und die Pläne für die Zukunft. Reisen mit seiner Frau Jule und den Söhnen Carlie (vier Jahre) und Mats (eins) steht dabei ganz oben – und kommt doch nicht zuerst.

Marco Hartmann, haben Sie Abstand gewonnen zum Fußball und Dynamo?

Ja, auf jeden Fall. Es ging erstaunlich gut. In den gut zwei Wochen nach der Entscheidung bis zu meiner Verabschiedung ist es mir super schwergefallen. Es hat mich schon ziemlich mitgenommen. Ich war sehr enttäuscht und habe gegrübelt, wieso es so gelaufen ist, warum ich mich überhaupt darauf eingelassen habe.

Gibt es darauf Antworten?

Weil ich den Traum nicht aufgeben wollte, dass es für mich noch ein Jahr weitergeht als Profi-Fußballer und bei Dynamo. Diese Chance wollte ich nicht herschenken, auch wenn es nur zehn Prozent Wahrscheinlichkeit gewesen wären, dass es klappt. Ich würde es rückblickend nicht anders machen, auch wenn es eine sehr frustrierende Zeit gewesen ist.

Wieso haben Sie die Chance nicht bekommen?

Für die Mannschaft lief es zu dem Zeitpunkt sehr gut, sie hatte in den ersten vier Spielen in der zweiten Liga zehn Punkte geholt, im Pokal die zweite Runde erreicht. Zudem waren für meine Positionen sowohl in der Abwehr als auch im defensiven Mittelfeld im Sommer neue Spieler geholt worden. Mir wurde es so begründet, dass keine Notwendigkeit besteht, mich dazuzunehmen. Ich brauche mir natürlich nichts vorzumachen, meine Verletzungsgeschichte ist nicht wegzudiskutieren.

Dann hätte man die Entscheidung aber auch nach der vorigen Saison klar treffen können, oder?

Das ist auch mein Fazit, und das habe ich Ralf Becker (Sportgeschäftsführer/d. Red.) gesagt. So, wie es gelaufen ist, wäre es besser gewesen, wenn es im Juni entschieden worden wäre, weil es mir sehr viele negative Emotionen erspart hätte.

Wie haben sich diese negativen Emotionen gezeigt?

Ich stand permanent unter Druck, konnte zum Trainingsstart nicht dabei sein, hatte nach der Reha noch Probleme. Immer wieder habe ich gedacht: Das tue ich mir nicht mehr an. Im Hinterkopf spukte die Unsicherheit: Egal, wie es läuft, ich habe nichts in der Hand und weiß nicht, ob es weitergeht. Es ist extrem schwer, sich unter diesen Voraussetzungen zu motivieren.

Warum haben Sie nicht selbst entschieden, Ihre Karriere zu beenden?

Weil ich gehofft habe, dass ich aus der Verletzung gut rauskomme – und weil ich noch Lust auf dieses eine Jahr hatte. Jedes Mal, wenn ich zurück war wie zuletzt bei den Spielen im Herbst 2020, habe ich gespürt, was es einem als Mensch gibt, zum Erfolg der Mannschaft und des Vereins beizutragen. Das wollte ich wieder haben.

Sie haben Ihre Verletzungsgeschichte angesprochen. Machen Sie sich Sorgen wegen gesundheitlicher Spätfolgen?

Das war ein Grund, warum ich nach dem Aus bei Dynamo Schluss gemacht habe. Ja, mein Körper hat gelitten. Und es irgendwie noch mal zu probieren, wäre es mir nicht wert gewesen. Für Dynamo – ja. Aber irgendwo anders – nein.

Hätte es denn Möglichkeiten gegeben?

Ich hatte meinem Berater gesagt, er braucht mit keinem zu sprechen, solange die Option bei Dynamo besteht. Dann habe ich ein paar Anrufe bekommen, eher aus der Regionalliga, bei denen ich klar gesagt habe: Das will ich nicht mehr. Eine Woche nach meiner Verabschiedung war ich mit Ralf Minge (Sportdirektor Hallescher FC/d. Red.) spazieren und habe ihm erklärt, wieso ich nicht weiter Fußball spielen will. Von daher war auch das kein Thema.

Über eine Rückkehr nach Halle, von wo Sie im Sommer 2013 zu Dynamo gekommen waren, wurde spekuliert …

Ja, die Geschichte gab es her. Wenn ich es gewollt hätte, wäre es sicher möglich gewesen. Aber ich wollte es nicht.

Ende August stand er bei seiner Verabschiedung das letzte auf dem Rasen des Rudolf-Harbig-Stadions. Feucht war der Auftritt nicht nur wegen der eingeschalteten Sprenger.
Ende August stand er bei seiner Verabschiedung das letzte auf dem Rasen des Rudolf-Harbig-Stadions. Feucht war der Auftritt nicht nur wegen der eingeschalteten Sprenger. © dpa-Zentralbild/Robert Michael

Ist Ihre Karriere damit unvollendet geblieben oder sind Sie dankbar, dass es so lange ging?

Unvollendet nicht. Wenn es mit dem Jahr geklappt hätte, wäre es nicht so gewesen, dass ich die Mannschaft als Kapitän mit 30 Spielen in die Bundesliga führe. Ich hätte phasenweise sicher helfen können, das war mein Ziel. Aber die Zeit davor war etwas Großes, mich hat keiner aus Mitleid mitgeschleift, sondern es war verdient.

Sie wurden beim Zweitliga-Spiel gegen Paderborn Ende August offiziell verabschiedet. Was hat Ihnen das gegeben?

Der Tag war unglaublich emotional, auf dem Weg vom Parkplatz zum Stadion wollten viele Fans ein Foto mit mir machen. Da hatte ich schon Tränen in den Augen. Egal, wer mir gute Wünsche mit auf den Weg gegeben hat, das ging mir sehr nahe – genau wie die Verabschiedung im Stadion. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob ich mich darauf einlassen soll, aber Henry Buschmann (damaliger Pressesprecher/d. Red.) hat mich überzeugt und alles organisiert, um mir diesen wunderbaren Abschied zu ermöglichen. Das hat mir sehr, sehr gutgetan. Danach habe ich mich mit der Entscheidung sehr gut zurechtgefunden, damit war es abgeschlossen.

Ihre Familie war mit im Stadion – und Ihre Frau vielleicht sogar froh über den Schlussstrich?

(lacht) Sie war auf der einen Seite enttäuscht, weil sie mit mir gelitten hat, wie für mich der Sommer lief. Auf der anderen Seite hat sie sich schon immer darauf gefreut, endlich Wochenenden verplanen zu können. Ich konnte mir dann schon am Montag anhören, wann sie im September, Oktober, November mit ihren Mädels unterwegs ist und ich unsere Kinder betreuen darf. Sie hat wieder angefangen, Volleyball zu spielen. Das sind die kleinen Einschnitte, die man gar nicht so wahrnimmt, weil klar war, dass ich mein Training oder ein Spiel nicht verschieben kann. Darüber gab es keine Diskussion und sie musste sich danach richten. Jetzt kommt das wieder mehr ins Gleichgewicht.

Jahrelang trug Marco Hartmann Dynamos Kapitänsbinde. Um als Identifikationsfigur und Führungsspieler wahrgenommen zu werden, brauchte er die jedoch nicht.
Jahrelang trug Marco Hartmann Dynamos Kapitänsbinde. Um als Identifikationsfigur und Führungsspieler wahrgenommen zu werden, brauchte er die jedoch nicht. © dpa-Zentralbild/Robert Michael

Sie waren 3.032 Tage bei Dynamo – was bedeutet Ihnen diese Zahl?

Die Zahl an sich gar nichts, die Zeit aber sehr viel. Es macht mich stolz, dass ich so lange bei einem besonderen Verein spielen durfte und nicht einfach nur dabei war, sondern eine prägende Figur – trotz der Verletzungen.

Gab es einen schönsten Tag?

Das ist schwierig. Der schönste Moment, weil er der emotionalste war, den ich im Fußball erlebt habe, war dieser letzte Elfmeter im Pokalspiel gegen RB Leipzig (August 2016; Dynamo gewinnt 7:6 nach Elfmeterschießen/d. Red.). Diese Emotionen, die die Menschen im Stadion rausgelassen haben, waren nicht nur das Glücksgefühl, dieses Spiel gewonnen zu haben, sondern es schwang etwas Größeres mit. Es war wahnsinnig zu spüren. Das mitzuerleben, war verrückt.

Wie stehen Sie zu dieser Rivalität?

Ich finde Rivalität im Fußball sehr wichtig. Sie muss Grenzen haben, die leider ab und zu überschritten werden. Aber grundsätzlich macht es den Fußball doch aus, dass du montags nach einem Derby auf Arbeit gehst und dich mit deinem Kollegen belöffeln kannst, wessen Mannschaft besser war. Ansonsten wird das Interesse am Fußball schwinden, das merke ich an mir selber. Ich kann nicht mehr mitfiebern, außer, wenn mein Sohn Carlie bei Borea im Training spielt. Da bin ich voll dabei, endlich wieder mit Anspannung und Nervosität. Ein Spiel im Profi-Fußball schaue ich mir rein sachlich an, aber ohne die Emotionalität. Damit fehlen 90 Prozent dessen, was es für mich früher ausgemacht hat.

Verletzungen begleiteten ihn vor allem in den letzten Jahren bei Dynamo. Hier wird er im August 2014 beim Heimspiel gegen den SC Preußen Münster in den Krankenwagen geschoben.
Verletzungen begleiteten ihn vor allem in den letzten Jahren bei Dynamo. Hier wird er im August 2014 beim Heimspiel gegen den SC Preußen Münster in den Krankenwagen geschoben. © Robert Michael

Woran liegt das?

Bei mir hängt es damit zusammen, dass sich mein Stellenwert verändert hat. Je mehr man für etwas in der Verantwortung steht, desto mehr lebt man das. Durch die vielen Verletzungen war ich oft zum Zuschauen gezwungen. Als ich Kapitän war, bin ich auf der Tribüne fast verrückt geworden, aber das ist weniger geworden, weil du kaum noch Einfluss nehmen kannst. Du kennst zwar alle Blickwinkel und Probleme, kannst aber wenig dazu beitragen, sie zu lösen. Dann stumpft man etwas ab. Das ist traurig, weil man sich sagt: Das darf nicht sein, du bist Teil der Mannschaft.

Es ist also eher persönlich begründet und weniger mit der Entwicklung im Profi-Fußball?

Beides. Wenn ich mir vorstelle, dass die Bayern wahrscheinlich die nächsten 15 Jahre deutscher Meister werden, frage ich mich: Was wird aus dem Fußball, wenn es keinen fairen Wettbewerb mehr gibt, der eine gewisse Spannung garantiert? Wir wissen schon zu Weihnachten, wer am Ende der Saison oben steht. Sogar die Champions League wird erst spannend ab dem Viertelfinale. Das System ist darauf angelegt, dass die Großen größer werden und die Kleinen klein bleiben. So sehr ich diesen Traum von Dynamo mag, ich weiß nicht, wie es gehen soll.

Den Traum vom Europapokal?

Ja. Viele nennen Union Berlin als leuchtendes Beispiel. Aber auch die haben viel Geld investiert. Das haben sie richtig gut gemacht, das freut mich sehr, andere Vereine machen mit viel Geld auch viel Mist. Trotzdem ist es die absolute Ausnahme.

Müsste man auch in Deutschland die 50+1-Regel kippen und Investoren zulassen?

Vielleicht hätte der eine oder andere Investor eine Idee, einen kleineren Verein größer zu machen. Aber das wäre nicht mein Wunschszenario, wenn ich ehrlich bin. Dazu bin ich zu sehr Traditionalist. Ich würde mir wünschen, dass es einen Finanzausgleich gibt, mit dem man wieder mehr Wettbewerbsgleichheit herstellt. Aber welcher Verein, geschweige denn Bayern München, würde seine Position jemals aufgeben, die man sich ja auch erarbeitet hat.

Der rote Teppich ist eigentlich nicht die Bühne, auf der sich Marco Hartmann wohlfühlt. Beim Semperopernball 2017 machte er mit seiner Frau Julia eine Ausnahme.
Der rote Teppich ist eigentlich nicht die Bühne, auf der sich Marco Hartmann wohlfühlt. Beim Semperopernball 2017 machte er mit seiner Frau Julia eine Ausnahme. © Robert Michael

Wo ist Ihr neuer Platz im Fußball?

Im Moment gibt es keinen. Den Sport finde ich nach wie vor faszinierend. Wenn ich das jetzt bei meinem Sohn wieder sehe, ist das eine große Freude. Der Profi-Bereich hat viele schwierige Seiten, weshalb ich in den vergangenen Jahren gesagt habe: Weiß ich nicht. Und ich weiß es immer weniger. Im Moment bin ich weit weg davon.

Was schreckt Sie denn ab?

Der Umgang im Profi-Bereich ist echt nicht ohne. Was dort hintenrum gemauschelt wird, fand ich nicht unbedingt cool und weiß nicht, ob ich dafür der richtige Typ wäre. Ich hatte mich beworben für einen Trainerschein, den ich gerne bei Dynamo im Nachwuchs gemacht hätte. Das Training mit Kindern möchte ich unbedingt lernen, darauf hätte ich super Lust.

Warum haben Sie es nicht bekommen?

Es lag an einer Formalie, aber das will ich nach der Reise nachholen.

Wie weit ist der Plan für die Weltreise nach der Karriere, die Sie unternehmen wollen?

Wir wollen im Sommer in Kanada starten, sofern es möglich ist unter Corona-Bedingungen. Im März beginne ich erst einmal das Referendariat am Sportgymnasium in Dresden. Über die Zusage habe ich mich super gefreut. Ich freue mich auf einen neuen Input, andere Themen, aber auch, dem Sport verbunden zu bleiben.

Sie haben ein Studium als Gymnasiallehrer für Sport und Mathematik absolviert. Ist das jetzt Ihre berufliche Perspektive?

Ich hatte Glück, dass mir nach der Entscheidung von Dynamo noch ein paar Tage blieben, mich für das Referendariat zu bewerben. In Deutschland gibt es zum Glück das super Angebot der Elternzeit, die man mit kleinen Kindern jederzeit nehmen kann. Also kann ich es beginnen, ab Juli gehen wir für ein Jahr auf Reisen und ich führe es anschließend zu Ende. Das gibt mir ein gutes Gefühl im Hinblick auf die Zukunft. Wenn ich jetzt grübeln würde, was ich machen soll, wäre es wahrscheinlich nicht so einfach.

Bleibt Dresden für Sie der Lebensmittelpunkt – oder ist es schon Heimat?

Lebensmittelpunkt auf jeden Fall, aber es ist auch ein Stück Heimat geworden. Deshalb wollen wir nach der Reise in Dresden bleiben, mindestens für die Grundschulzeit von Carlie.

Das erste Foto als Dynamo-Spieler: Im Juni 2013 bestreitet Marco Hartmann (vorn ganz rechts) seine erste Einheit im Großen Garten - damals noch unter Trainer Peter Pacult.
Das erste Foto als Dynamo-Spieler: Im Juni 2013 bestreitet Marco Hartmann (vorn ganz rechts) seine erste Einheit im Großen Garten - damals noch unter Trainer Peter Pacult. © Robert Michael

Was gibt Ihnen die Zeit als Fußball-Profi für das Leben danach?

Super viel. Sie hat mich als Mensch geprägt und gefestigt, als Typ und Charakter eine Standfestigkeit entwickelt. Es ist ein Abschnitt in meinem Leben, von dem ich so viel erzählen kann, dass meine Söhne wahrscheinlich irgendwann sagen: Papa, nerve mich nicht mit deinen alten Geschichten.

Haben Sie auch Ihren Frieden geschlossen mit der Art des Abschiedes?

Ja. Ich kann so etwas schnell abschließen und lasse mich davon nicht mehr emotionalisieren. Wenn ich daran zurückdenke, empfinde ich keine negative Energie, auch wenn mir mein Kopf sagt, dass es für mich hätte klarer laufen können. Deshalb bin ich aber auf niemanden böse oder sauer.