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Warum Dynamos Australier gerne früh aufsteht

Brandon Borrello hat beim Angeln auf dem Ozean Haie gesehen, die deutsche Sprache schnell gelernt und den Mitspielern die Haare gestutzt. Der Neuzugang im Porträt.

Als Frohnatur präsentiert sich Brandon Borrello bei Dynamo. Der Neuzugang ist jetzt richtig in Dresden angekommen.
Als Frohnatur präsentiert sich Brandon Borrello bei Dynamo. Der Neuzugang ist jetzt richtig in Dresden angekommen. © Matthias Rietschel

Dresden. Das Handy klingelt morgens um Fünf, was selbst für einen Frühaufsteher wie Brandon Borrello ungewöhnlich ist. „In Australien scheint die Sonne sehr früh, ich mag es, zeitig aufzustehen“, sagt er. Zum Beispiel, um Fische zu fangen. Er ist in Adelaide nahe des Strands aufgewachsen und als Kind oft mit seinem Vater zum Angeln auf den Gulf Saint Vincent am Indischen Ozean rausgefahren.

„Ich habe damals zwar noch nicht so gerne geangelt, fand es aber cool, mit dem Hund auf dem Boot zu sitzen und zu beobachten, was um uns herum passiert“, erzählt er. „Manchmal hat man einen Hai gesehen. Beim Surfen ist mir das zum Glück nie passiert, da waren nur Delfine und Meeresschildkröten, nichts Gefährliches.“ Der Anruf in der frühen Morgenstunde ist auch ein erfreulicher, denn seine Freundin Kristine meldet: Der Umzug nach Dresden kann starten.

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Sie hat in Düsseldorf die Kisten gepackt, während Borrello das erste Spiel für seinen neuen Verein in der zweiten Liga bestreiten konnte. Bei Dynamos 3:0-Sieg gegen den FC Ingolstadt hat der Stürmer zwar kein Tor erzielt, aber einen sehr starken ersten Eindruck hinterlassen mit seinem Tempo, seinen Dribblings, seiner leidenschaftlichen Spielweise. „Ich bin der Typ: Wenn es mit dem Ball mal nicht rund läuft, gebe ich einfach alles und laufe, bis es nicht mehr geht“, meint er über sich selbst.

Wegen italienischer Wurzeln doch Fußball statt Rugby

Bei Dynamo ist Borrello der dritte Australier nach Torwart Mark Schwarzer, der zwei Bundesliga-Spiele bestritt, und Joshua Kennedy, der von 2004 bis 2006 in der zweiten Liga insgesamt 16 Tore für die Schwarz-Gelben erzielte. Fußball ist in Down under zwar kein Nationalsport, aber Borrello hat italienische Wurzeln. „Die Eltern meines Vaters stammen aus Kalabrien – und wenn man einen Italiener in der Familie hat, spielt man nicht Rugby oder Cricket, sondern Fußball“, erklärt er seine Wahl.

In der Heimat, wo er für Brisbane Roar spielte, wurde er 2013/14 als bester Nachwuchsspieler ausgezeichnet, nach vier Jahren in der höchsten Liga wechselte er 2017 zum damaligen Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern nach Deutschland.

Brandon Borrello beim Testspiel gegen Union Berlin vor dem Saisonstart im Zweikampf mit Ex-Dynamo Robert Andrich (r.).
Brandon Borrello beim Testspiel gegen Union Berlin vor dem Saisonstart im Zweikampf mit Ex-Dynamo Robert Andrich (r.). © dpa/Andreas Gora

Wenn man diese Daten kennt, erscheint es verblüffend, wie gut Borrello Deutsch spricht. „Meiner Meinung nach ist das eine Frage des Respekts“, sagt er. „Ich lebe und arbeite jetzt in Deutschland, also kann ich nicht nur Englisch reden.“ Deshalb hat er sich von Anfang an dahintergeklemmt und weiß, Papa hört das nicht gern, aber so ist es nun mal: „Ich bin durch die Sprache inzwischen mehr deutsch als italienisch. Italienisch hat er mir leider nie beigebracht.“ Trotzdem würde er auch jetzt gerne noch eine Stunde in der Woche Unterricht nehmen, „damit es perfekt wird“.

Dieser Anspruch zeichnet ihn aus. Uwe Rösler, einst Stürmer bei Dynamo und zuletzt Trainer bei Fortuna Düsseldorf, hat den Dresdnern Borrello nicht nur wegen seiner fußballerischen Möglichkeiten, sondern ausdrücklich auch wegen seiner charakterlichen Stärke empfohlen. In der Vorsaison war der Angreifer vom SC Freiburg an die Fortuna ausgeliehen, dort aber auch nicht die erste Wahl. Trotzdem habe er sich nie hängenlassen, sei im Training immer vorangegangen und voll da gewesen, wenn er gebraucht wurde.

Als Friseur findet er bei Dynamo seinen Meister

Das gilt auf wie neben dem Platz. Während des Corona-Lockdowns zeigte Borrello ein Talent, von dem er vorher selbst nichts wusste. „Weil kein Friseur öffnen durfte, fragten mich die Jungs, ob ich Haare schneiden kann“, erzählt Borrello – und fügt lachend hinzu: „Ich habe ein bisschen geflunkert und gesagt: Klar, kann ich, kein Problem.“ Vermutlich hätten ihm die Kollegen eine Glatze verpasst, wenn es schiefgegangen wäre, aber: „Ich habe es ganz gut hingekriegt.“

Trotzdem hat er diese parallele Karriere schon wieder beendet, weil er bei Dynamo sozusagen seinen Meister gefunden hat. „Bei uns gibt es jetzt einen, den Seo (der Südkoreaner Jong-Min Seo/d. A.), der es richtig gut kann. Also setze ich den Rasierer ab und lasse ihn das machen.“

Borrello konzentriert sich auf das, was er noch viel besser kann, nämlich Fußball zu spielen. Sein Wechsel nach Dresden ging ratzfatz. Er war nur einen Tag nach der Sommerpause in Freiburg, als ihn sein Berater anrief und mit Dynamo als Option überraschte. „Ich musste nicht lange überlegen, das ging schnell.“ Mit seiner Freundin ist er durch die Stadt gebummelt, hat sich das Trainingszentrum angeschaut, die besondere Atmosphäre im Stadion brauchte ihm niemand zu erklären.

"Diese Leidenschaft ist etwas Besonderes in Dresden

Die hatte er im November 2017 erlebt, als er mit Kaiserslautern hier 2:1 gewonnen hat. „Das war“, sagt er und sucht für einen Moment nach dem passenden Wort: „Boah! Ganz ehrlich, bei der Kulisse war ich schon ein bisschen aufgeregt.“ Nun hat er das Publikum hinter sich, auch wenn es zum Auftakt keine 28.000 Fans waren wie damals, sondern nur gut 7.000. „Trotzdem merkst du diese Leidenschaft, das ist etwas Besonderes in Dresden. Wir haben uns gegenseitig gepusht.“

Dynamo passt für Borrello – und umgekehrt, denn er bringt etwas mit, was viele im Kader erst sammeln müssen: Erfahrung. Die Statistik liest sich zwar wenig spektakulär, aber in jetzt 42 Zweitliga-Spielen und vor allem in den zwei Jahren beim SC Freiburg mit 16 Einsätzen in der Bundesliga hat er sich weiterentwickelt. Eigentlich sollte er bereits vor zwei Jahren nach Dresden kommen, damals legte Freiburg jedoch ein Veto ein. Diesmal einigten sich die Vereine und vereinbarten Stillschweigen über die Modalitäten des Transfers. Die Ablösesumme soll 250.000 Euro betragen, was bei einem Offensivspieler als Schnäppchen gelten kann.

Borrello war australischer Juniorennationalspieler und hat bereits drei A-Länderspiele für sein Heimatland bestritten, gehörte im Juni zum Aufgebot für die Spiele in der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar, bereitete beim 5:1 gegen Taiwan einen Treffer vor. In der ersten Vorrunde hat Australien alle acht Spiele gewonnen, jetzt warten die stärkeren Gegner wie Japan und Saudi Arabien. „Hoffentlich schaffen wir’s“, sagt Borrello, denn er wäre nächstes Jahr zur Adventszeit gern in der Wüste dabei.

Dafür muss und will er sich über Dynamo empfehlen. „Wenn ich mich hier durchsetze und gut spiele, kommt irgendwann vielleicht der Anruf vom Nationaltrainer: Brandon, pack deine Sache und ab nach Katar!“

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Erst einmal packt er die Umzugskartons aus, um sich mit seiner Freundin, die im Fernstudium Social-Media-Marketing studiert, in der Wohnung mit Blick auf den Zwinger einrichten. Wie früh er aufsteht, hängt dann auch davon ab, ob er einen findet, der mit ihm zum Beispiel an die Elbe geht. „Bisher hatte ich meine Angelsachen nicht hier und habe die anderen noch nicht gefragt“, sagt Borrello. In Düsseldorf war Edgar Prib sein Begleiter am Morgen, aber er weiß auch: „6 Uhr aufzustehen, um 6.30 Uhr am See oder Fluss zu sein, das ist nicht für jeden etwas.“

Dynamo spielt am Sonntag, 13.30 Uhr, beim Hamburger SV - hier geht es zum Liveticker.

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