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Dynamo und RB - darum gibt es so viele Gegensätze

Fußballprofessor Harald Lange erklärt, was die beiden besten sächsischen Klubs trennt und warum der Einstieg von Investoren auch in Dresden möglich wäre.

Die Fans von Dynamo Dresden und RB Leipzig verbindet wenig und trennt viel, sagt der Fanforscher Harald Lange
Die Fans von Dynamo Dresden und RB Leipzig verbindet wenig und trennt viel, sagt der Fanforscher Harald Lange © Fotos: dpa, Montage: SZ-Bildstelle

Seit dem Bundesliga-Aufstieg 2016 ist RB Leipzig die unangefochtene Nummer eins im sächsischen Fußball – gemessen an den sportlichen Erfolgen. Nimmt man die Zahl der Mitglieder und Fanclubs, liegt Dynamo vorn. Beide Vereine trennt einiges, für viele schwarz-gelbe Anhänger steht der Red-Bull-Verein für die Kommerzialisierung des Fußballs, den sie weitgehend ablehnen. Im Interview erklärt Professor Harald Lange, warum sich die Fanszenen nicht annähern und wie sich die beiden Klubs in einer sich verändernden Fußballlandschaft entwickeln werden.

Herr Professor Lange, was verbindet Dynamo und RB Leipzig?

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Wenig – eigentlich nur, dass beide Vereine in Sachsen Fußball spielen. In Sachen Vereinskultur, Tradition und Werten unterscheiden sie sich diametral.

Was trennt sie besonders?

Die Mitgliederstruktur. Derzeit sind es bei Rasenballsport Leipzig wohl 21 Mitglieder, die mitbestimmen dürfen. Die Beiträge sind so exorbitant hoch, dass man daraus schlussfolgern kann: Sie wollen auch keine. Der Verein agiert da eher wie die PR-Abteilung eines Wirtschaftsunternehmens. Das ist bei Traditionsvereinen wie Dynamo natürlich ganz anders.

Ist dies auch der Grund, warum Dynamo-Sympathisanten RB nicht als regionalen Konkurrenten sehen, sondern eher als Feindbild betrachten?

Die aktive Fanszene möchte sich von solchen Vereinen, die man gerne abwertend als Projekt bezeichnet, abgrenzen. Und am liebsten hätte man es, es würde sie überhaupt nicht geben.

Schwingt da auch die Sorge mit, dass RB durch die Millionen von Red Bull einen Platz in einer Liga besetzt, in die Dynamo aufsteigen will?

Den Einstieg von Investoren in den Fußball wie in Leipzig empfinden Fans klassischer Vereine generell als Wettbewerbsverzerrung. Wobei man auch festhalten muss: Leipzig hat bei Weitem nicht den höchsten Etat in der Bundesliga. Und trotzdem ist der Klub so erfolgreich, dass er in den nächsten Jahren wohl mal deutscher Meister wird.

Der Gesprächspartner: Harald Lange (53) ist Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg und Gründer des Instituts für Fankultur e.V.
Der Gesprächspartner: Harald Lange (53) ist Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg und Gründer des Instituts für Fankultur e.V. © Universität Würzburg

RB wurde vor zwölf Jahren nicht von Männern gegründet, die gerne Fußball spielen, sondern von einem Milliardär, der eine Werbeplattform für seine Produkte etablieren will. Dies könnte man als Geburtsfehler bezeichnen. Wie lange wird dieser Makel am Verein haften?

Für immer, ganz gleich, was jetzt noch passiert. Das ist nun mal deren Gründungsgeschichte. Und ich glaube auch nicht, dass in 100 Jahren aus einem Retorten- ein Traditionsverein werden wird. Das liegt auch daran, dass RB weiterhin nichts tut, um eine übliche Mitglieder- oder Fankultur zu etablieren.

Was muss passieren, damit die bundesweiten Proteste gegen RB aufhören?

Sie werden aufhören, weil sich die traditionell gewachsene Fankultur früher oder später verläuft. Das kann man an vielen Beispielen beobachten. Die Bundesliga ist in den Medien dauerpräsent, deshalb zieht es Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft in die Stadien. Es ist chic, sich dort unterhalten zu lassen. Und diese Unterhaltungsindustrie, so würde ich sie nennen, breitet sich immer mehr aus. Da stören traditionelle Fans nur. Sie werden nach und nach zurückgedrängt. Diesen Prozess wird es wahrscheinlich nicht in den nächsten zwei, drei Jahren geben, aber in 15 bis 20. Und dann ist ein Verein wie RB womöglich nur einer von vielen – und wir hätten in Deutschland eine ganz andere Fußballkultur. Das ist ein Szenario, das ich mir vorstellen könnte.

Welche Folgen hätte das?

Wenn der Fußball zur Vermarktungsindustrie wird, würde er aus meiner Sicht ganz massiv an Faszination und Reiz verlieren. Ohne eine traditionelle, kritische, stimmungsgeladene, emotionalisierte Fankultur würde der Fußball seine Vorherrschaft unter all den vielen Formaten, von denen wir uns am Wochenende unterhalten lassen können, einbüßen. Dann sind womöglich andere Sportarten und andere Freizeitaktivitäten weitaus attraktiver.

Die Entwicklung, die Sie da prognostizieren, ist in England längst Realität. Dort sind die Stadien aber weiterhin voll und die Mannschaften international extrem erfolgreich.

Stimmt, die Premier League ist die erfolgreichste Liga weltweit, da wird auch keiner so schnell rankommen. Dort ist das meiste Geld, weil dort die finanzkräftigen Investoren agieren. Die Stadien sind voll – und das, obwohl die Ticketpreise in den vergangenen Jahren nahezu explodiert sind. Gleichzeitig ist die Stimmung massiv zurückgegangen. Das Durchschnittsalter der Zuschauer liegt zwischen 45 und 50 Jahren, da verdient man am besten. Das sind Menschen, die sich das leisten können und die unterhalten werden wollen. Das Modell funktioniert – dort. Doch ich bezweifle, dass man es genauso kopieren kann.

Warum sollte das in Deutschland nicht funktionieren?

Wir wissen, dass die Stadionatmosphäre eine zentrale Säule des Erfolgsproduktes Bundesliga-Fußball ist. Genau darum werden wir europaweit beneidet. Es wäre deshalb töricht, ein Modell kopieren zu wollen. Nur wenn man die gesellschaftliche Verbundenheit im Fußball weiter vertieft, entsteht ein authentisches, unverwechselbares Erfolgsprodukt.

Zurück in die Bundesliga: RB liegt laut Umfragen hinter dem FC Bayern und Borussia Dortmund auf Platz drei der beliebtesten Fußballvereine in der Bundesliga. Ist das nicht ein Widerspruch zu den bundesweiten Protesten und der, so scheint es, kollektiven Ablehnung?

Es gibt keine homogene Fanszene, sondern unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichen Zielen und Traditionen. Die Gruppe derer, die ins Stadion gehen, sich unterhalten lassen, nach einem Sieg kurz freuen und dann das Fansein sofort wieder abstreifen, wird immer größer. Und deshalb schneidet RB in solchen Umfragen nicht schlecht ab. Das liegt natürlich auch daran, dass sie einen attraktiven und erfolgreichen Fußball spielen. Was da auf der sportlichen Ebene innerhalb kürzester Zeit geschafft und erreicht wurde, kann man bewundern. Und das tun viele – bundesweit.

Bei Dynamo sind Fans und Mitglieder das Herzstück, der Verein vermarktet sich als basisdemokratisch. Kann man damit noch erfolgreich sein?

Nur bedingt. Eine Strategie mit einem potenten Investor wäre sicher vielversprechender. Für die Marke Dynamo ist das Festhalten am Mitgliedermodell mittel- und langfristig aber Gold wert. Wenn sich der Profi-Fußball in Deutschland tatsächlich so entwickelt, wie ich es skizziert habe, dann werden die Vereine an Bedeutung gewinnen, bei denen die Geschichte und Tradition authentisch rübergebracht wird.

Aber wo spielen diese Vereine dann? Dynamo ist gerade erst in die 2. Bundesliga zurückgekehrt.

Solche Vereine gibt es in allen Ligen, wie man an Union Berlin oder dem FC St. Pauli sieht. Ganz ohne Kommerz läuft es im professionellen Fußball aber natürlich nicht.

Dynamo ist nicht nur basisdemokratisch aufgestellt, sondern auch ein Wirtschaftsunternehmen mit einem Jahresumsatz von inzwischen 35 Millionen Euro. Kann man es sich da erlauben, Fans bei strategischen Entscheidungen mitbestimmen zu lassen?

Ich sehe da keinen großen Widerspruch. Ein Beispiel: Besonders angefeindet wird RB von den Fans von Borussia Dortmund. Dabei war der BVB die erste Aktiengesellschaft im deutschen Fußball, also Kapitalismus pur. Dennoch kann man in Dortmund ganz gut beobachten, wie es gelingen kann, über eine kritische und manchmal auch problematische Fanszene Identifikation herzustellen. Von solchen Vorbildern kann man lernen.

Bei RB Leipzig sind nur die 59 offiziellen Fanclubs verzeichnet. Dieser Titel wird unter bestimmten Voraussetzungen vergeben. Bei Dynamo gibt es keine solche Unterscheidung, allerdings kann der Verein einige der 150 Fanclubs geografisch nicht einordnen. S
Bei RB Leipzig sind nur die 59 offiziellen Fanclubs verzeichnet. Dieser Titel wird unter bestimmten Voraussetzungen vergeben. Bei Dynamo gibt es keine solche Unterscheidung, allerdings kann der Verein einige der 150 Fanclubs geografisch nicht einordnen. S © SZ Grafik

Eine Ausgliederung der Profiabteilung in eine GmbH, wie es die allermeisten Bundesligisten getan haben, lehnen die Dynamo-Anhänger komplett ab.

Alles andere wäre für mich auch schwer vorstellbar. Aber ich bin mir sicher, dass es Modelle geben könnte, die einerseits die Mitbestimmung der Mitglieder garantieren und gleichzeitig ermöglichen, dass eine ähnliche große Finanzkraft angezogen wird wie bei den großen Klubs. Hannover, Hoffenheim und Hertha BSC, wo einzelne finanzkräftige Personen nahezu das alleinige Sagen haben, sind aus meiner Sicht keine Zukunftsmodelle. Andere müssen erst noch entwickelt werden. Denn eins ist auch klar: Ohne eine entsprechende Finanzkraft kann man dauerhaft nicht in der Bundesliga mitspielen.

Dynamos aktive Fans entsenden ihre Kandidaten in die einzelnen Klubgremien, haben insgesamt großen Einfluss auf die Vereinspolitik. Warum ist ihnen diese Mitbestimmung so wichtig?

Da wird es fast philosophisch, weil dahinter die Frage steht: Wem gehört der Fußball? Wer hat die Deutungshoheit? Wer kann sagen, was richtig und was falsch ist, wie es laufen soll? Wenn man sich so sehr wie die Ultras mit einem Verein identifiziert, dann möchte man nicht der Willkür irgendwelcher Manager oder Funktionäre ausgeliefert sein. Die Fans möchten nicht vor vollendete Tatsachen gestellt, sondern gehört werden. Weil sie ganz einfach der Meinung sind, dass es ohne sie den Verein gar nicht geben würde.

Warum interessiert die RB-Fans Mitbestimmung offensichtlich überhaupt nicht?

Weil der Verein Anhänger anzieht, denen das egal ist. Ein Problem könnte entstehen, wenn es mal – wie zuletzt – nicht so gut läuft und die Stadien wieder voll ausgelastet werden dürfen. Dann müsste man mal auf die Zuschauerzahlen achten. Ich prognostiziere: Das Stadion wäre nur noch gegen Bayern oder Dortmund voll. Erfahrungen von der Nationalmannschaft zeigen: So schnell wie diese emotional wenig gebundenen Fans im Erfolgsfall da sind, sind sie bei Misserfolgen wieder weg.

Wie werden sich die Fanszenen von Dynamo und RB in den kommenden Jahren entwickeln?

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Sie werden sich nicht annähern. Und RB bekommt noch mehr Zuspruch. Wenn es den Leipzigern irgendwann tatsächlich gelingen sollte, den FC Bayern zu überholen, werden sie deutschlandweit unheimlich viele Sympathien ernten, weil sich viele Menschen freuen, dass endlich mal nicht München Meister ist. Ich glaube, RB hat auch viele Sympathisanten außerhalb von Leipzig, weil es ja Menschen gibt, die gut finden, dass man die traditionelle Fanszene ausschließt.

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