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„In meinem Kopf war die 3. Liga einfach nicht präsent“

Niklas Kreuzer war nach dem Abstieg mit Dynamo vereinslos. Jetzt ist er zurück und spricht im exklusiven Interview über seine Fehler, Erkenntnisse und Ziele.

Nachdenklicher ist Niklas Kreuzer sicher geworden in den vergangenen sechs Monaten, für ihn eine Zeit der Ungewissheit. Freundin Melanie und die im August 2020 geborene Tochter Emily sind sein Rückhalt.
Nachdenklicher ist Niklas Kreuzer sicher geworden in den vergangenen sechs Monaten, für ihn eine Zeit der Ungewissheit. Freundin Melanie und die im August 2020 geborene Tochter Emily sind sein Rückhalt. © Foto: Jürgen Lösel

Dresden. Bei einem Testspiel im Training hat es am Montag sofort klasse geklappt. Niklas Kreuzer erzielte gleich zwei Tore fürs „Team Rot“, dabei ist der 27-Jährige eigentlich ein Verteidiger – und als solchen hat ihn Dynamo Dresden nach einem halben Jahr zurückgeholt. Von 2014 bis zum Sommer vorigen Jahres stand er bereits bei der SGD unter Vertrag, bestritt in dieser Zeit 160 Pflichtspiele und führte die Mannschaft zehnmal als Kapitän auf den Platz.

Am Freitag verpflichtete ihn Dynamo zunächst befristet bis zum Saisonende. Und Kreuzer hat viel vor.

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Niklas Kreuzer, wie verlief Ihr Neustart bei Dynamo bisher?

Es ist wirklich ein Neustart: Mit der modernen Trainingsakademie, die Mannschaft ist fast komplett neu mit Ausnahme von Marco Hartmann, Patrick Wiegers und ein paar jungen Spielern. Auch einige Verantwortliche sind neu wie Sportgeschäftsführer Ralf Becker, den ich jetzt kennenlernen durfte. Ich bin überglücklich, wieder mit den Jungs trainieren zu dürfen, und mit sehr viel Freude und Euphorie dabei. Das hat mir brutal gefehlt in den vergangenen sechs Monaten.

Wie kam es jetzt zustande?

Es ist kein Geheimnis, dass sich der Verein nach der schlimmen Verletzung von Robin Becker nach einem passenden Ersatz umgeschaut hat. Ich wünsche ihm alles Gute, wir haben uns zufällig im Krankenhaus gesehen, als er zur Untersuchung war und ich zum Medizincheck. Ich hoffe, dass er bald wieder auf die Beine kommt. Mitte voriger Woche hat sich der Verein entschieden, mich zu verpflichten, und ich musste nicht lange überlegen.

Sie hatten nach dem Abstieg vorigen Sommer keinen Vertrag für die 3. Liga – waren Sie enttäuscht, kein Angebot von Dynamo bekommen zu haben?

Nein, es schien sowohl für den Verein als auch für mich an der Zeit zu sein, etwas Neues zu machen. Ich hatte hier sechs Jahre lang eine überragende Zeit mit dem Aufstieg 2016, wir haben vier Jahre lang in der zweiten Liga gespielt. Es war dann ein schleichender Prozess, sodass es am Ende nicht mehr funktioniert hat. Mein Anspruch war es, trotzdem weiter in der zweiten Liga zu kicken. Es kamen auch drei, vier Anfragen rein, ich war vor Ort, hatte Gespräche mit Trainern und Geschäftsführern. Deshalb habe ich mir keine großen Gedanken gemacht, dass es schiefgehen könnte. Dabei habe ich sicher die Auswirkungen der Corona-Krise unterschätzt.

Wieso hat es bei den Vereinen letztlich doch nicht geklappt?

Das war für mich eine neue Erfahrung. Ich hatte bei Vertragsgesprächen mit Ralf Minge gelernt: Wenn er etwas sagt, zählt sein Wort. Das war diesmal anders. Sie erzählen dir, dass sie dich unbedingt haben wollen, schicken sogar ein Vertragsangebot, entscheiden sich aber anders. Vielleicht wäre es besser gewesen, den Schritt zu wagen ins Ausland oder in die 3. Liga zu gehen.

Wieder an Bord. Hier kommt Niklas Kreuzer mit Dynamo in einem früheren Trainingslager an - nun kehrt er zu den Schwarz-Gelben zurück.
Wieder an Bord. Hier kommt Niklas Kreuzer mit Dynamo in einem früheren Trainingslager an - nun kehrt er zu den Schwarz-Gelben zurück. © Robert Michael

Hatten Sie entsprechende Angebote?

In meinem Kopf war die 3. Liga einfach nicht präsent, das habe ich mir gar nicht angehört. Ich habe ja mit Zweitligisten gesprochen und war überzeugt, mit meiner Qualität und Erfahrung würde es klappen.

Welche Erkenntnis haben Sie aus der Situation gewonnen?

Es gibt nicht nur eine. Man muss die gesamte Situation bewerten und nicht vor Ehrgeiz und, ja, auch Stolz darauf zu beharren, in der zweiten Liga zu bleiben. Die meisten Vereine hatten vor der Corona-Pandemie einen Kader von 30, 32 Spielern, die meisten haben das auf 24, 25 reduziert. Ich bin von vornherein falsch in die Transferphase reingegangen. Umso größer ist das Glück, jetzt wieder bei Dynamo zu sein.

Sie haben aber nur einen Vertrag für ein halbes Jahr oder stecken bereits Optionen drin?

Ich war ein halbes Jahr lang zu Hause. Deshalb ist es für den Verein schwer einzuschätzen, wie ich körperlich drauf bin. Das war auch für mich ein großes Fragezeichen. Es geht über die Leistung. Wenn ich bis Sommer einen ordentlichen Job mache, steht zumindest von meiner Seite einem weiteren Engagement nichts im Wege. Mein Ziel ist es, auf hundert Prozent zu kommen, um der Mannschaft zu helfen.

Wie weit sind Sie davon weg, und wie haben Sie sich fit gehalten?

Ich habe mit Frank Friedl, einem Athletiktrainer, sehr gut gearbeitet. Deshalb bin ich körperlich auf einem guten Level. Aber der Fußball bringt natürlich eine komplett andere Belastung, als wenn du am Tag 15 Kilometer durch den Wald rennst.

Wie sehen Sie Ihre Rolle?

Die Mannschaft hat bisher einen hervorragenden Job gemacht. Ich will mich einbringen, aber es soll nicht der Eindruck entstehen: Es kommt ein gestandener Zweitliga-Spieler, der muss jetzt gesetzt sein. So ist es nicht. Ich will mit meiner Erfahrung vor allem den jüngeren Spielern helfen, sei es auf oder neben dem Platz. Es zählt nicht, dass Niklas Kreuzer wieder hier ist, sondern dass Dynamo Dresden aufsteigt.

Am 16. April 2016 macht Dynamo mit einem 2:2 beim 1. FC Magdeburg den Aufstieg in die zweite Liga perfekt. Niklas Kreuzer gehört zu den Leistungstrainern im Team von Trainer Uwe Neuhaus.
Am 16. April 2016 macht Dynamo mit einem 2:2 beim 1. FC Magdeburg den Aufstieg in die zweite Liga perfekt. Niklas Kreuzer gehört zu den Leistungstrainern im Team von Trainer Uwe Neuhaus. © Robert Michael

Die Fans haben auf Ihre Rückkehr vorwiegend positiv reagiert.

Ja, aber ich verstehe auch die Skepsis derer, die sagen: Der ist nach einem katastrophalen Jahr mit abgestiegen. Die positiven Reaktionen machen mich natürlich stolz, weil sie mir zeigen: Ich habe hier etwas geleistet, was die Fans respektieren, und werde nicht wegen eines schlechten Jahres in die negative Schublade gesteckt.

Haben Sie im Rückblick eine Erklärung, warum es vorige Saison nicht funktioniert hat?

Es war ein sehr verrücktes Jahr. Wenn du in der Winterpause mit 13 Punkten dastehst, ist das erschreckend, zumal wir fußballerisch eine gute Qualität hatten. Was unser großes Problem war, dass wir gerade in der Hinrunde charakterlich ein Sauhaufen waren, gespickt von einigen Egoisten, die auf Deutsch gesagt ihren Arsch retten wollten. Wir waren nicht in der Lage, als Team zu agieren. Dabei ist es wichtig, dass du – egal in welcher Situation – als Einheit auftrittst: nicht nur die Elf auf dem Platz, sondern alle drumherum. Das war immer das Erfolgsrezept der SGD, gefühlt eine ganze Armee zu sein. Ich glaube, das ist auch der große Vorteil der aktuellen Mannschaft.

Sie sind im August zum ersten Mal Vater geworden. Wie sehr hat Ihnen das in der Zeit ohne Verein geholfen?

Meine Freundin Melanie war eine besondere Stütze, ich war für sie in der Zeit nicht einfach, weil ich viel gegrübelt und gezweifelt habe. Das hat sie sicher viele Nerven gekostet, trotzdem war sie für mich so etwas wie ein Luftballon, der mich immer wieder hochgezogen hat. Die kleine Maus, unsere Emily, zu erleben, ist natürlich ein riesiges Glück. Du hast aber auch eine andere Verantwortung. Als es ein Thema war, vielleicht nach England zu gehen, habe ich mir das dreimal überlegt: Wagst du den Schritt mit einem zwei Monate alten Baby? So froh ich bin, sie zu haben, den Satz, jetzt hast du ganz viel Zeit mit deiner Tochter, konnte ich irgendwann nicht mehr hören. Ich wollte wieder Fußball spielen. Ich denke, die Mama und die Kleine sind auch froh, dass der Papa mal wieder arbeiten geht.

Hatten Sie Zukunftsängste?

Die hätte ich gehabt, wenn mein Telefon stumm geblieben wäre. Die Anfragen waren auch eine Motivation, aber klar: Je länger es dauerte, desto mehr Gedanken habe ich mir gemacht.

Insgesamt zehnmal führte Niklas Kreuzer die Mannschaft in der zweiten Liga als Dynamo-Kapitän auf den Platz. Seine bitterste Erfahrung war der Abstieg im vorigen Sommer.
Insgesamt zehnmal führte Niklas Kreuzer die Mannschaft in der zweiten Liga als Dynamo-Kapitän auf den Platz. Seine bitterste Erfahrung war der Abstieg im vorigen Sommer. © PICTURE POINT

Hat Ihre Freundin Sie gefragt, was Sie machen, wenn es mit dem Fußball nicht mehr funktionieren sollte?

Natürlich. Ich glaube, ich habe meine Qualitäten unter Beweis gestellt und weiß, was ich kann. Aber nach einem Jahr auf der Couch interessiert das keinen mehr. Deswegen war es für mich wichtig, im Winter wieder Fuß zu fassen, dass es beim Herzensverein klappt – umso schöner.

Hatten Sie im Kopf eine Alternative?

Ich hatte auf keinen Fall den Gedanken, die Schuhe an den Nagel zu hängen. Möglicherweise hätten wir dann doch in den sauren Apfel beißen und ins Ausland gehen müssen.

Wie haben Sie es eigentlich mit der Wohnung in Dresden gemacht?

Ich war im Sommer mit zwei Vereinen soweit, dass ich mir dort schon Wohnungen rausgesucht hatte. Gleichzeitig hatten wir hier zu Hause alles gepackt in der Hoffnung, dass es bald losgeht. Meine Hausverwaltung hatte großes Verständnis für meine Ausnahmesituation, sodass ich den Mietvertrag monatlich verlängern konnte.

Das heißt, Sie haben ein halbes Jahr lang auf gepackten Koffern gesessen?

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Ja, auch die Umzugskartons stehen in der Wohnung. Das war nicht so komfortabel, wie man es sich vorstellt, und für den Kopf nicht einfach. Deshalb bin ich Dynamo dankbar für die Chance, möchte aber noch mal betonen, dass sie sich leider durch die Verletzung eines anderen ergeben hat.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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