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Mai zum Aufstiegsspiel: „Das tat richtig weh"

Sebastian Mai kehrt vor einem Jahr als verlorener Sohn zu Dynamo zurück und erlebt nicht nur wegen Corona eine besondere Saison.

Sebastian Mai feierte das zweite Mal in seiner Karriere einen Aufstieg. Nach dem ersten Mal verließ er den Verein.
Sebastian Mai feierte das zweite Mal in seiner Karriere einen Aufstieg. Nach dem ersten Mal verließ er den Verein. © dpa-Zentralbild/Robert Michael

Dresden. Die Situation ist nicht einfach für einen, der immer vorangehen, Führung übernehmen will. Bei den entscheidenden Spielen um Aufstieg und Meisterschaft bremst ihn eine Innenbandverletzung im Knie aus. Der Kapitän muss von der Tribüne aus zuschauen. „Das tat richtig weh, war sehr schlimm“, sagt Sebastian Mai. Den letzten Schritt müssen seine Mitspieler machen und er kann nicht eingreifen. Es ist nicht allein dieses Gefühl, das ihn umtreibt. Er sei „so nervös und zappelig gewesen wie schon lange nicht mehr“, erzählt er. Auf dem Platz, da ist er sich sicher, wäre er ruhiger gewesen.

Für den Verein, die Mannschaft steht viel auf dem Spiel, aber auch für Mai. Zwar war er vor fünf Jahren bereits mit dem FSV Zwickau aufgestiegen, das aber etwas anderes. Damals ging es nur hoch in die 3. Liga, nach den beiden Relegationsspielen gegen den SV Elversberg verließ er den Verein, ging zu Preußen Münster. Jetzt, im Mai 2021, ist es „etwas ganz besonderes“, so formuliert es Mai, „weil ich es ja mit meinem Jugendverein geschafft habe“.

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Er ist Neun, als er bei Dynamo mit dem Kicken anfängt, und 19, als er den Verein verlässt. Bei den Spielen im Rudolf-Harbig-Stadion erlebt der Junge als Ballholer Steffen Heidrich, damals der Aufstiegskapitän. Geboren ist Mai in Dresden, aufgewachsen im Stadtteil Briesnitz. Hier hat er sich vor vier Jahren eine Wohnung gekauft, hierhin ist er immer wieder zurückgekehrt, als er noch für andere Vereine spielte.

Sein Vater Lars war Aufsichtsrat bei Dynamo, sein kleiner Bruder Lars Lukas – jetzt beim FC Bayern unter Vertrag – war wie er im Nachwuchs der Schwarz-Gelben. Mehr Verbundenheit mit einem Verein und einer Stadt geht kaum. Ein Dresdner als Kapitän, das gab es bei Dynamo lange nicht mehr. Als er im vergangenen Sommer vom Halleschen FC zu Dynamo wechselt, ist das wie die Rückkehr des verlorenen Sohnes – und dass ihn Trainer Markus Kauczinski zum Kapitän bestimmt, fast schon die logische Konsequenz. Es geht auch traumhaft los. Bei seinen ersten beiden Einsätzen, im Pokal gegen den Hamburger SV und in der Liga gegen Kaiserslautern, schießt er jeweils ein Tor. Es bleiben allerdings seine beiden einzigen Treffer.

Rückkehr zu den Wurzeln: Sebastian Mai vor seiner Grundschule im Dresdner Stadtteil Merbitz. ,
Rückkehr zu den Wurzeln: Sebastian Mai vor seiner Grundschule im Dresdner Stadtteil Merbitz. , © dpa-Zentralbild/Robert Michael

Wie die Mannschaft strauchelt auch Mai zwischenzeitlich. Mal verletzt er sich, mal brummt er nach einem Frustfoul eine Rotsperre ab. Nur bei 25 der 38 Punktspiele steht der Kapitän auf dem Platz. Doch nicht nur ihn trifft es.

Immer wieder fallen im Laufe der Saison Stammkräfte aus, einige langfristig. „Da wurden uns schon einige Steine in den Weg gelegt“, findet er. „Doch mit der Qualität des Kaders konnten wir das kompensieren. Wir waren in der Breite bestens aufgestellt. Andere Drittligisten hatten 14, 15 gute Spieler, bei uns waren alle Leute extrem gut“, vergleicht er. „Das war am Ende ausschlaggebend.“

Und es war wichtig für den Kopf. „Bei jeder schlechten Nachricht haben wir uns gesagt: Na gut, kommt halt der Nächste rein und springt ein. Das hat uns Sicherheit und Selbstvertrauen gegeben.“ Dennoch gibt es immer wieder Rückschläge. Die im April gegen Schlusslicht Unterhaching und den Halleschen FC kosten Kauczinski den Trainerjob. „Trotzdem hat er einen großen Anteil am Erfolg“, findet Mai. „Wie es gekommen wäre, wenn er bis zum Schluss auf der Bank gesessen hätte, kann ich nicht sagen. Fakt ist, dass wir nach dem Wechsel zu Alexander Schmidt neue Energie bekommen haben. Er hat uns gut getan und viel bewirkt.“

In die Entscheidung eingebunden wurden weder er noch der Mannschaftsrat. Das, findet der 27-Jährige, sei auch nicht ihre Aufgabe, sondern einzig die der sportlichen Leitung. Wobei sich Mai in seiner Rolle als Schaltstelle zwischen Mannschaft und Trainer sowie dem Sportchef sieht. „Wenn es irgendwas gab, habe ich mal kurz an die Tür geklopft. Man muss als Kapitän wissen, was gut für die Mannschaft ist und was nicht, und wo man mal die Klappe aufmachen muss. Es gehört schon mehr dazu als das Tragen der Binde.“

Nach seinem Verständnis zum Beispiel auch, dass er als verletzter oder gesperrter Spieler zu jeder Auswärtspartie mitfährt. „Das gehört sich einfach so“, findet er. Von der Tribüne aus gibt er lautstark Kommandos, regt sich über Schiedsrichterentscheidungen auf. Zu verstehen ist Mai bestens, weil die Stadien seit Anfang November leer bleiben müssen. Ein klarer Nachteil für Dynamo, da sind sich viele angesichts der zahlreichen und stimmgewaltigen Fans einig. Mai stimmt dem zu. „Sie können uns noch mal einen Push geben“, sagt er.

Die letzten und entscheidenden Spiele um den Aufstieg musste Sebastian Mai von der Tribüne aus verfolgen. Hinter ihm Sportchef Ralf Becker, neben ihm Marco Hartmann und Ransford-Yeboah Königsdörffer.
Die letzten und entscheidenden Spiele um den Aufstieg musste Sebastian Mai von der Tribüne aus verfolgen. Hinter ihm Sportchef Ralf Becker, neben ihm Marco Hartmann und Ransford-Yeboah Königsdörffer. © dpa-Zentralbild/Robert Michael

Man könnte es auch andersherum auslegen: In den Phasen, in denen es nicht so lief, wurde das hinter dem FC Bayern II zweitjüngste Drittliga-Team durch Pfiffe nicht noch weiter verunsichert. Die Wucht von den Rängen kann sich in Dresden auch so entladen. Doch Mai erhebt Einspruch. „Ich glaube, es wären keine Pfiffe gekommen, weil man meiner Meinung nach immer sehen konnte, dass die Mannschaft alles gegeben und ihr Herz auf dem Platz gelassen hat“, erklärt er. Alle Spiele zu gewinnen, schaffe keine Mannschaft.

Neun Niederlagen sind es am Ende – und damit mehr als bei den Verfolgern Rostock und Ingolstadt. Doch entscheidender ist eine andere Statistik: Dynamo kassiert die mit Abstand wenigsten Gegentore der Liga. Das ist die Basis für den Aufstieg, und daran hat Mai seinen Anteil. „Wir haben uns immer wieder aus den Tiefs herausgezogen, das war beeindruckend“, findet er.

Zumindest in einem Verletzungstief steckt er gerade. Bis zum Start der neuen Saison am 23. Juli sei er aber wieder fit, verspricht er. Kapitän würde er in der 2. Bundesliga gerne bleiben. „Es ist weiter mein Anspruch, Führungsspieler zu sein“, sagt er, entscheiden müsse das aber der Trainer. „Ich kenne den Verein und das Umfeld ziemlich gut und habe von Anfang an gesagt, dass ich vorangehen und Führung übernehmen will.“ Und nächste Saison möchte er bei den entscheidenden Spielen auf dem Platz stehen. Allein schon der Nerven zuliebe.

Die Serie über Dynamos Aufstiegskapitäne im Überblick:

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