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Ist Dynamos Kapitän nur eine Notlösung?

Sebastian Mai soll Tim Knipping in der Abwehr ersetzen. Der Trainer hätte offenbar eine andere Variante favorisiert. Aber warum sagt er das öffentlich?

Sebastian Mai wird am Sonntag in Heidenheim wahrscheinlich wieder als Innenverteidiger auf dem Platz stehen. Die Aussagen seines Trainers dürften ihm nicht gefallen haben.
Sebastian Mai wird am Sonntag in Heidenheim wahrscheinlich wieder als Innenverteidiger auf dem Platz stehen. Die Aussagen seines Trainers dürften ihm nicht gefallen haben. © Marko Förster

Dresden. Der Platz auf dem Podium ist ein sicherer Hinweis, dass es am Sonntag endlich klappen könnte mit dem Startelfdebüt in der 2. Bundesliga. Sebastian Mai sitzt bei der Pressekonferenz vor dem Duell beim 1. FC Heidenheim neben Cheftrainer Alexander Schmidt, benutzt aber vorsichtshalber den Konjunktiv. „Ein Einsatz in der Startelf wäre schon etwas besonderes für mich“, sagt der Innenverteidiger.

Dass Mai, der Kapitän, den am Knie operierten Vize-Kapitän Tim Knipping ersetzen wird, scheint logisch und alternativlos zu sein. Doch so selbstverständlich ist das gar nicht. Zu Beginn der Saison fiel Mai selbst mit Knieproblemen aus, die Mannschaft feierte ohne ihn in Meisterschaft und Pokal Siege. „Da gab es keinen Grund zu reagieren oder zu wechseln“, sagt Mai.

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Nach Knippings Kreuzbandriss musste der Trainer reagieren, trotzdem saß Mai gegen Paderborn zunächst auf der Bank, dafür rückte Michael Akoto in die Innenverteidigung. Er habe bei ihm ein gutes Gefühl gehabt, „weil wir wussten: Der Gegner hat zwei Pfeile vorne drin“. Und Akoto sei ein sehr schneller Spieler. Was der Trainer damit sagt, ohne es auszusprechen: Mai ist zu langsam für rasante Angreifer.

Allerdings ging Schmidts Plan nicht auf, nach nicht mal einer halben Stunde lagen die Dresdner 0:3 zurück, wenig später wurde Mai eingewechselt. „Ich musste mich korrigieren, Basti hat Stabilität reingebracht“, erklärte Schmidt. Auf ein weiteres Experiment, etwa mit einer Dreierkette, wird der Trainer am Sonntag in Heidenheim wohl verzichten. Mai ist gesetzt.

Und trotzdem ist er bei Schmidt offensichtlich nicht die erste Wahl als Ersatz für den womöglich bis zum Saisonende ausfallenden Knipping. Gerne hätte der 52-Jährige den gebürtigen Dresdner Toni Leistner verpflichtet, dessen Vertrag beim Hamburger SV aufgelöst worden war. „Von der Leistung her ist er ein Spieler, der uns mit Sicherheit weitergeholfen hätte. Ich halte sehr viel von ihm“, erklärte Schmidt. Der Transfer scheiterte schließlich am Geld, der 31-jährige Leistner wollte wohl länger in seiner Heimat bleiben als nur eine Saison. Und das hätte den Verein einiges gekostet. „Es gibt Dinge, da muss ich mich als Trainer unterordnen“, so Schmidt.

Diese Offenheit und Ehrlichkeit ist selten geworden im Geschäft Profifußball. Vielleicht wundert man sich deshalb so darüber. Das gilt auch für eine weitere Aussage. Angesprochen auf den ebenfalls verletzten Innenverteidiger Kevin Ehlers, der sich in der Vorbereitung eine Muskelverletzung am Hüftbeuger zugezogen hatte und immer noch nicht mit der Mannschaft trainieren kann, erklärte Schmidt: „Bis er zurückkommt, müssen wir die Zeit überbrücken.“

Überbrücken? Ist Mai also nur eine Art Notnagel, weil es keinen anderen mehr im Kader gibt, der die Position ausfüllen könnte? Aber warum wurde Mai dann vor der Saison erneut zum Kapitän bestimmt? Das ungeschriebene Gesetz, dass der Mann mit der Armbinde automatisch eine Stammplatzgarantie bekommt, gilt zwar schon längst nicht mehr. Dennoch provoziert es Fragen, wenn der Kapitän Dauergast auf der Bank ist. Und das wiederum könnte für Unruhe sorgen.

Hohe Identifikation mit dem Verein

Schmidt hat trotzdem Mai die Binde gegeben – und dafür gibt es auch gute Gründe. Der gebürtige Dresdner identifiziert sich als Spieler, der bei Dynamo ausgebildet wurde, mehr mit diesem Verein als andere. Und er ist ein Teamplayer. Als er vergangene Saison verletzt fehlte, reiste er trotzdem zu den Auswärtsspielen, war auf der Tribüne der lauteste Antreiber. Auf dem Platz ist er kämpferisch ein Vorbild, dirigiert seine Nebenleute energisch.

Doch es gibt auch Punkte, die die abgesehen vom Tempo nicht für ihn sprechen: Der 27-Jährige hat vorher noch nie in der 2. Bundesliga gespielt, auf diesem Niveau also keine Erfahrung. Dass Dynamo im Sommer mit dem Österreicher Michael Sollbauer viel Routine für die Innenverteidigung einkaufte, war deshalb verständlich.

Hinzu kommt die Ausfallquote. Mai pausierte in den vergangenen Jahren öfter wegen Knieverletzungen. „Deshalb weiß ich, dass es ein bisschen dauert, bis man wieder in die Mannschaft reinrutscht“, sagt er. In der vergangenen Saison fehlte er zudem wegen einer Rot-Sperre, die Mannschaft gewann alle drei Partien ohne ihn, spielte dabei zweimal zu null. Bei der nächsten Partie wechselte ihn der damalige Trainer Markus Kauczinski erst kurz vor Schluss ein. Komplett neu ist die Diskussion um seine Person also nicht.

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Nun liegt sein letzter Startelf-Einsatz auch schon etwas länger zurück – mehr als vier Monate. „Tim zu ersetzen, ist nicht einfach. In die Rolle muss der Basti jetzt schlüpfen. Er hat das Zeug dazu von seiner ganzen Ausstrahlung her“, findet der Trainer. Und Mai weiß: „Wenn man einen Einsatz bekommt, muss man liefern.“ Das kann er nun, sehr wahrscheinlich, am Sonntag in Heidenheim – und beweisen, dass er mehr ist als eine Notlösung.

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