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Das Trikot von Stübner bleibt unverkäuflich

Sex-Shops, Ost-Schokolade und West-Geld: Was die Stasi bei Dynamos West-Duellen alles beobachtet hat – Abschluss unserer großen Dynamo-Serie.

Dynamos im Juni 2019 verstorbener Mittelfeld-Motor Jörg Stübner (l.) entwischt im Europapokal-Halbfinale 1989 Michael Schröder vom VfB Stuttgart. Ob er sein Trikot getauscht hat, ist nicht bekannt, aber ein Fan hatte schon eins.
Dynamos im Juni 2019 verstorbener Mittelfeld-Motor Jörg Stübner (l.) entwischt im Europapokal-Halbfinale 1989 Michael Schröder vom VfB Stuttgart. Ob er sein Trikot getauscht hat, ist nicht bekannt, aber ein Fan hatte schon eins. © imago/Ferdi Hartung

Wenn das Thema nicht so ernst wäre, könnte man über manchen Eintrag lachen. Natürlich ist es unangebracht, die Stasi-Berichte ins Lächerliche zu ziehen oder zu verharmlosen, trotzdem erscheint manches, was rund um Dynamos Europapokalspiele gegen westdeutsche Mannschaften aktenkundig geworden ist, durchaus kurios, gerade weil es sich scheinbar um absurde Banalitäten handelt – möglicherweise aber mit unerfreulichen Folgen für diejenigen, die angeschwärzt worden sind. Die Konsequenzen gehen aus den Akten nicht hervor.

Von einer Verkäuferin im Kiosk der Autobahnraststätte Wilsdruff wurden Name, Geburtsdatum und Adresse durch die Kreisdienststelle Meißen in einem „operativen Hinweis“ vom 10. November 1973 festgehalten, in den Kopien der Außenstelle Dresden des Archivs natürlich geschwärzt. Sie habe „beim Verkauf von Genussmitteln an BRD-Touristen, die zum Fußballspiel in Dresden weilten“ geäußert, „dass die Westschokolade besser sei als unsere. Sie forderte die Touristen auf, unsere Schokolade aus diesem Grunde nicht zu kaufen.“

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Ob die Fans des FC Bayern verzichteten oder dennoch von einer „Schlagersüßtafel“, „Bambina“ oder anderen Ost-Schokolade genascht haben, ist nicht überliefert. Dagegen wurde ein Vorfall beim Hinspiel in München von Mitgliedern der Freitaler Delegation „als ein Versuch der politisch-ideologischen Einflussnahme gewertet“, wie es im Abschlussbericht vom 29. Oktober 1973 heißt. Vor dem Spiel sei im Olympiastadion eine Schallplatte „mit dem Gesang der Nationalmannschaft der BRD“ abgespielt worden, „in dem sinngemäß zum Ausdruck kommt, dass die Deutschen immer und überall siegen“.

War es diese Schallplatte, die ein Stasi-Informant in München anstößig fand?
War es diese Schallplatte, die ein Stasi-Informant in München anstößig fand? © privat

Das wäre sehr frei interpretiert, wenn der Song „Fußball ist unser Leben“ jener Stein des Anstoßes gewesen sein sollte, wovon auszugehen ist. In dem Schlager wird „König Fußball“ gehuldigt, der die Welt regiert. „Wir kämpfen und geben alles, dann ein Tor nach dem ander’n fällt“, heißt es im Refrain. Die DDR-Auswahl trat ein Dreivierteljahr später bei der WM 1974 in Westdeutschland mit dem von Frank Schöbel gesungenen „Ja, der Fußball ist rund wie die Welt“ an: „Und wenn einer zum anderen hält, trifft der Ball – klarer Fall.“ Finden Sie den Unterschied?

Der Besuch der Dresdner in München wurde geradezu musikalisch umrahmt: „In der Gaststätte selbst wurden wir von einer bayerischen Blaskapelle empfangen, die während der Zeit der Esseneinnahme Marschmusik spielte“, hielt ein Informant für die Kreisdienststelle Dippoldiswalde fest. „Sie brachten jedoch keine anstößigen Titel aus der Vergangenheit.“ Und auch sonst haben sich die Gäste in den „Mathäser Bierstuben“ wohlgefühlt: „Es wurde rasch von vielen Kräften bedient. Zuvorkommend und höflich.“

Anschließend blieb etwa eine Stunde Zeit für einen Stadtbummel, der in Gruppen erfolgte, die in der Umgebung der Gaststätte nicht zu übersehen gewesen seien, „speziell an Zeitungskiosken und Sex-Shops“, wie es im persönlichen Bericht eines Stasi-Mitarbeiters heißt. „Ich schätze heute ein, dass sich die Gruppen des Ministeriums diesen Dingen gegenüber als erhaben gaben und andere Gruppen etwas belächelten, da für uns eine Illustrierte dieser Aufmachung nichts Unbekanntes oder Besonderes war.“

Ärger über Stau und Preise

Wie jetzt? Wurden bei der Stasi also die bei der Zollkontrolle kassierten Sexheftchen aufmerksam betrachtet?

Die Versorgung, besonders die der eigenen Einsatzkräfte, ist für das MfS ein wichtiges Thema – auch vor dem Spiel des Hamburger SV in Dresden am 11. Dezember 1974. In einer handschriftlichen Aktennotiz werden für die „Aktion Vorstoß“ 3.000 „Verpflegungsbeutel“ zu je 5,50 Mark sowie 3.500 Mittagessen zu je einer Mark – Erbsensuppe aus der Gulaschkanone? – bestellt. Sicher ist sicher. Der Einsatz ist bis ins kleinste Detail geplant.

Im April 1989 musste sich ein Pressefotograf, der Dynamo zum Spiel in Stuttgart begleiten darf, selbst kümmern und klagte in seinem Bericht an die Stasi: „Dieser ständige, sich dahinschiebende Verkehr kann einen verrückt machen. Das ist für einen DDR-Bürger belastend ... Am Abreisetag müssen wir wieder durch Stuttgart durch, da war wieder Stau, wir haben anderthalb Stunden gebraucht.“

Das war allerdings nicht sein einziges Ärgernis. „Zimmerservice war sehr gut, war alles im Kühlschrank bestückt, Sekt, Bier, aber horrende Preise von 5 DM bis 12 DM, da muss man schon einen hohen Tagessatz haben, um sich das zu kaufen.“ Er und seine drei Begleiter konnten sich das nicht leisten. „Wir hatten im Auto noch Berliner Pils und Hermsdorfer Tonic-Wasser, da sind wir auch hingekommen, auch unsere mitgebrachten Schnitten haben wir abends gegessen.“

Immerhin hatte er wohl 55 D-Mark Taschengeld, war aber erstaunt, „wie teuer die Sachen sind“, wie er schreibt: „Ein T-Shirt unter 20, 30 DM war kaum zu bekommen, höchstens in Zeiten des Sommerschlussverkaufs, wo sie etwas billiger sind.“ Im Stadion habe das Programmheft mit „weit über 25 Seiten“ kostenlos ausgelegen, dafür habe der Eintritt bis zu 60 DM gekostet und auch die Souvenirs seien sehr teuer gewesen. „Unsere Fans hätten sich gerne etwas mitgenommen, aber erschraken, was man ausgeben muss.“ Er zählt auf: Schlips 35 DM, Sporttasche 19 DM, Uhr 300 DM, „selbst ein Handtuch 15 DM“. Immerhin: „Sie haben dann Mannschaftsfotos geschenkt bekommen.“

Der Genosse verkauft sein Halstuch

Aber auch für ein Dynamo-Trikot wird ein stolzer Preis geboten. In der „Information über Erkenntnisse der Dienstreise“ der SGD nach Stuttgart vom 13. April 1989 heißt es: „Zu dem als Tourist mitgereisten Ordner der SG Dynamo … wurde bekannt, dass dieser ein Angebot, das durch ihn getragene Dresshemd mit der Nr. 7 (Stübner) für 100 DM zu verkaufen, mit der Bemerkung ,unverkäuflich‘ abgelehnt und damit sichtlichen Eindruck erzielt habe.“ In eigener Sache: Lieber Fan, wenn Sie sich wiedererkennen, gerne melden.

Ein Genosse, laut Bericht „Mitarbeiter Organisation und Leiter der Ordnereinsätze der SG Dynamo (VP-Angehöriger)“ habe dagegen bereits vor dem Spiel „sein ,Dynamo-Halstuch‘ für 10 DM verkauft“.

Am Abend vor dem Rückspiel in Dresden ging es dann wohl lustig zu bei einer Dampferfahrt auf der Elbe für die Vereinsspitze mit den Präsidenten Alfons Saupe von Dynamo und Gerhard Mayer-Vorfelder aus Stuttgart. Die Stasi hatte danach nichts zu beanstanden. „Dem Alkohol wurde angemessen zugesprochen (25 Personen = 9 Flaschen Wein und ca. 40 Flaschen Bier). Es wurden Volkslieder gesungen. Von VfB-Seite wurden Souvenirbeutel übergeben.“

Über das bevorstehende Spiel sei kaum gesprochen worden, allerdings: „Von Stuttgarter Seite wird ein 1:1 erwartet.“ Und genau so sollte es kommen. Karl Allgöwer traf wie beim 1:0 im Hinspiel für den VfB, der Ausgleichstreffer von Frank Lieberam war für Dynamo zu wenig, um ins Finale einzuziehen. In den damals noch zwei Endspielen unterlag Stuttgart dem SSC Neapel mit Diego Maradona.

Lesen Sie hier die bisher erschienen Teile:

Teil 1: Die Operation „Vorstoß“ nach dem Bayern-Los. (SZ+)

Teil 2: Die Sorge der Westpresse vor zu braven Dynamo-Fans. (SZ+)

Teil 3: Als das Losglück zur Flucht in den Westen verhalf. (SZ+)

Teil 4: Als Genscher den Aufpassern der Stasi entwischt (SZ+)

Teil 5: Was die Stasi über die Schmach von Uerdingen dachte (SZ+)

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