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Wehlends erster Kassensturz bei Dynamo

Wie der neue Geschäftsführer versucht, die Verluste durch Corona möglichst gering zu halten – und schon weiter plant.

Jürgen
Wehlend ist seit Anfang des Jahres
Geschäftsführer bei Dynamo Dresden.
Jürgen Wehlend ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführer bei Dynamo Dresden. © Steffen Kuttner

Dresden. Eine 100-Tage-Frist wäre noch lange nicht abgelaufen, aber Jürgen Wehlend wusste, dass ihm keine Zeit bleibt. Mit dem neuen Jahr startete der 55 Jahre alte Dresdner als Geschäftsführer bei Dynamo in einer Krise, die nicht hausgemacht ist. Was seinen Verantwortungsbereich, die Finanzen, betrifft, steht der Verein sehr gut da. Mehr als zehn Millionen Euro betrug das Eigenkapital bei der bislang letzten offiziellen Abrechnung zur Mitgliederversammlung im November 2019.

Doch seitdem schmilzt der Betrag auf dem Konto wegen der Corona-Krise wie der Schnee in der Sonne. „Ich bin ja erst seit wenigen Wochen hier, auch wenn es sich anfühlt wie eine halbe Ewigkeit“, sagt Wehlend und bittet um Verständnis, dass er nur wenige konkrete Zahlen präsentieren kann.

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Sein erster Kassensturz bei Dynamo fällt einerseits positiv aus: Die Reserven reichen für diese und die nächste Saison – und das ausdrücklich unter dem, wie er sagt, „mutigen“ Ziel, spätestens nach zwei Jahren wieder in die zweite Liga aufgestiegen zu sein.

Geisterspiele kosten fünf Millionen Euro

Allerdings hatte der Verein das Geld seit der Entschuldung 2016 nicht dafür auf die hohe Kante gelegt, um es jetzt mit vollen Händen rauszuwerfen. So ist es auch nicht und das passende Bild eher: Es rinnt durch die Finger. „Wir haben schon an vielen Rädern gedreht und geschaut: Wie können wir das Ergebnis trotzdem positiv beeinflussen?“, berichtet Wehlend.

Kurzarbeit ist ein wichtiges Instrument, beispielsweise in der Kartenstelle, für die es seit der überaus erfolgreichen Geisterticket-Aktion keine Arbeit gibt. Fürs DFB-Pokalspiel gegen Darmstadt waren vor Weihnachten 72.269 virtuelle Eintrittskarten verkauft worden, etwas mehr als 270.000 Euro blieben dadurch als Gewinn stehen.

Damit sind aber gerade mal annähernd die Einnahmeverluste für ein Heimspiel vor leeren Rängen ausgeglichen, die der Verein mit rund 300.000 Euro beziffert. Lediglich in der ersten DFB-Pokalrunde beim 4:1-Sieg gegen den Hamburger SV (10.053) sowie in der 3. Liga gegen Mannheim (10.035), Magdeburg, Zwickau (je 999) und Meppen (820) war eine eng begrenzte Zahl an Zuschauern zugelassen. „Allein durch die Geisterspiele verlieren wir fünf Millionen Euro gegenüber der ursprünglichen Planung“, erklärt Wehlend. In der Vor-Corona-Saison 2019/20 hatte Dynamo im Durchschnitt 27.232 Besucher.

Verein kann einige Leistungen nicht erbringen

Doch es gibt durchaus Erfolgsmeldungen in dieser wirtschaftlich komplizierten Zeit. So hat der Fanshop im Weihnachtsgeschäft im Online-Handel so viel Umsatz gemacht wie noch nie in einem Dezember. Trotzdem steht fest: „Wir müssen konstatieren, dass wir mit einem Verlust aus der Saison gehen“, sagt der Herr der Zahlen.

Im schlimmsten Fall könnten nach seiner Prognose 7,85 Millionen Euro an Einnahmen fehlen. In einzelnen Bereichen wie etwa für Sicherheitskosten sind zwar auch die Ausgaben geringer, das Minus würde aber zwischen vier und fünf Millionen Euro liegen.

Eine wesentliche Säule für die Finanzierung sind die etwa acht Millionen Euro aus dem Sponsoring, was rund die Hälfte der Erträge einer normalen Drittliga-Saison ausmacht, unter Corona-Bedingungen sogar bis zu 70 Prozent. Der Verein kann aber einige vertraglich fixierte Gegenleistungen derzeit nicht erbringen, Rückforderungen könnten bis zu 2,5 Millionen Euro betragen. Beispielsweise für die regionale Werbung außerhalb des TV-Bildes oder Hospitality-Leistungen in den Logen- und Business-Bereichen. „Hier wurden – anders als im Public-Bereich des Stadions – frühzeitig auch Jahreskarten verkauft, ehe uns der neuerliche Lockdown einen Strich durch die Rechnung gemacht hat“, sagt Wehlend.

Lösungsorientiertes Gespräch mit der Stadt

Seine Strategie: „Wir reden mit allen betroffenen Partnern und Sponsoren, die nicht zuletzt ebenso Dynamo-Fans sind, über die von uns angebotenen Kompensationsleistungen oder auch einen Verzicht zugunsten unseres Weges.“ In der Vorsaison haben 92 Prozent der Sponsoren trotzdem die komplette Summe überwiesen.

Außerdem gibt es finanzielle Sorgen, die mit der Corona-Pandemie nur indirekt zu tun haben. Im Haushaltsentwurf der Stadt Dresden für die Jahre 2021 und 2022 fehlten die seit 2015 jährlich gezahlten 1,5 Millionen Euro als Zuschuss für die Stadionkosten. Ein diffiziles Thema, das keinen Aufschub duldete. Wehlend war direkt nach seiner Vorstellung beim zuständigen Bürgermeister Peter Lames. „Wir haben lösungsorientierte Gespräche geführt.“

Es gab die Sorge, der Zuschuss könnte höher sein als die tatsächlichen Kosten und nicht mehr marktkonform. „Beides ist nicht der Fall. Statt der rund vier Millionen beträgt die Stadionpacht auch ohne Zuschauer immer mehr als zwei Millionen Euro. Dies haben wir nachgewiesen.“

Weitere Corona-Hilfen noch nicht eingeplant

Wehlend strebt außer einer kurzfristigen Einigung eine langfristige Lösung an: „Wir müssen an diese Frage der Stadionverträge ran. Ich weiß, wie schwer das wird, aber wir sind im Vergleich einfach nicht wettbewerbsfähig.“

Am 25. Februar will der Geschäftsführer die Planung für die Lizenz dem Aufsichtsrat vorlegen. „Wie belastbar die ist, werden wir erst im Sommer sehen, wenn wir wissen: Wie stehen wir in der Pandemie und wie haben wir vor allem diese Saison zu Ende gespielt? Und welche Corona-Hilfen gibt es?“

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Die 800.000 Euro, die 2020 als Ausgleich für fehlende Ticket-Erlöse gezahlt wurden, sind verbucht. Die Summe wird derzeit aufgestockt bis maximal 1,8 Millionen zum 31. Dezember 2021. „Wir werden weitere Unterstützung durch Corona-Hilfen geltend machen, aber die haben wir aktuell noch nicht eingeplant für diese Saison“, sagt Wehlend.

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