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"Auf die Mannschaft lasse ich nichts kommen"

Dynamos Sportgeschäftsführer Ralf Becker sagt im exklusiven Interview, warum es für die Dresdner noch nicht perfekt läuft und was jetzt passieren muss.

Sind das schon die ersten Sorgenfalten bei Dynamos neuem Sportgeschäftsführer Ralf Becker? Im Interview schätzt er den Saisonstart ein.
Sind das schon die ersten Sorgenfalten bei Dynamos neuem Sportgeschäftsführer Ralf Becker? Im Interview schätzt er den Saisonstart ein. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Die Erwartungshaltung ist riesig, der direkte Wiederaufstieg das Ziel. Jedenfalls haben die meisten Spieler das bisher genau so formuliert. Doch nach sieben Spielen in der 3. Fußball-Liga ist die Euphorie bei Dynamo Dresden mindestens gebremst, nach zuletzt zwei Niederlagen und teils enttäuschenden Leistungen ist die Stimmung im Umfeld gedrückt: nur Platz neun, bereits vier Punkte Rückstand auf Spitzenreiter 1860 München.

Im exklusiven Interview mit Sächsische.de sagt Sportgeschäftsführer Ralf Becker, wie er die Lage einschätzt und was jetzt passieren muss.

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Herr Becker, der Trainer war nach dem 0:1 in Ingolstadt – Zitat – angepisst wegen der Roten Karte für Max Kulke. Sind Sie das auch noch?

Das war nach dem Spiel sicher so. Wir hatten uns viel vorgenommen und sind früh durch Elfmeter und Platzverweis in eine schwierige Situation gekommen. Wenn man enttäuscht ist oder sauer, sich ein bisschen ungerecht behandelt fühlt, ist das normal. Aber das musst du verarbeiten und nach vorne schauen, also bereiten wir uns jetzt auf die Partie gegen Meppen vor.

Dynamo hat aus sieben Spielen zehn Punkte geholt – ist das ein Fehlstart?

Das ist ein starker Begriff. Wir wussten von Anfang an, auch wenn die Hoffnung groß war und wir ambitionierte Ziele verfolgen, dass wir viele neue Spieler haben, die sich erst einmal zusammenfinden müssen. Wir wissen, dass wir daran arbeiten müssen, was Abläufe und das Zusammenwachsen betrifft. Unter dem Strich ist eines klar: Die vorige Woche war nicht gut mit den Niederlagen gegen Zwickau und in Ingolstadt. Wir müssen eine Reaktion zeigen.

Wie bewerten Sie den Leistungstrend?

Wir brauchen das nicht schönzureden. Mit dem Heimspiel gegen Zwickau waren wir alle unzufrieden, in Ingolstadt lief es unglücklich für uns. Aber für eine erste Bewertung ist es mir zu früh.

Wurde die Qualität der Mannschaft nach dem 4:1-Sieg im DFB-Pokal gegen den Hamburger SV überschätzt, oder hat sie sich sogar selbst überschätzt?

Das war für uns alle ein schöner Abend, aber es ist natürlich etwas anderes, ob du als Außenseiter in ein Pokalspiel gegen den HSV gehst oder in der 3. Liga von Anfang an in einer Favoritenrolle bist. Die Spiele laufen ganz anders. Im Pokal musst du weniger das Spiel machen, kannst gut verteidigen und auf Konter setzen. Das ist in den Punktspielen anders. Deshalb sollte man das nicht vermischen. Trotzdem kann es durchaus sein, dass wir in der Phase – wir haben danach ja auch in Kaiserslautern gewonnen – meinten, dass wir schon ein bisschen weiter sind und gewisse Dinge funktionieren. Das war nicht so, wie sich herausgestellt hat. Aber wir sind nach wie vor hochmotiviert und total überzeugt davon, eine gute Truppe zu haben.

Maske auf und durch? Dynamos neuer Sportgeschäftsführer Ralf Becker hat in vier Monaten bereits die emotionalen Ausschläge erlebt - von der Euphorie nach dem Sieg gegen den Hamburger SV im DFB-Pokal bis zum Unmut nach zuletzt zwei Niederlagen.
Maske auf und durch? Dynamos neuer Sportgeschäftsführer Ralf Becker hat in vier Monaten bereits die emotionalen Ausschläge erlebt - von der Euphorie nach dem Sieg gegen den Hamburger SV im DFB-Pokal bis zum Unmut nach zuletzt zwei Niederlagen. ©  dpa/Robert Michael

Trainer Markus Kauczinski sprach nach dem knappen Sieg in Lübeck davon, dass die Mannschaft in der Favoritenrolle unter Druck steht. Wie muss sie damit umgehen?

Wir sind alle sehr ehrgeizig und überzeugt, dass wir selbst wesentlich dafür verantwortlich sind, wie Spiele ausgehen. Dieses Selbstvertrauen sollten wir haben. Trotzdem – schauen Sie sich die Tabelle an: Mannschaften, die länger eingespielt sind, präsentieren sich sehr gut, andere, die einen größeren Umbruch hatten, tun sich dagegen schwer. Diese Liga ist unheimlich eng. Das kann man nur immer wieder betonen, auch wenn es mancher nicht glauben mag. Wenn gewisse Prozesse nicht perfekt laufen oder du öfter ein Spiel zu zehnt beenden musst, bekommst du Probleme. Das sehen wir jetzt.

In solchen Drucksituationen sind Führungsspieler gefragt. Es hieß vor der Saison, davon habe Dynamo mehr als zuletzt. Wieso zeigen die sich gerade dann, wenn es schlecht läuft wie gegen Zwickau, zu wenig auf dem Platz?

Was den Willen betrifft, die Art und Weise, wie sie Spiele angeht, lasse ich auf die Mannschaft nichts kommen. Sie ist charakterstark und keiner dabei, der nicht alles dafür tut, erfolgreich zu sein – natürlich jeder auf seine Art. Aber wir haben Spieler auf dem Platz, die versuchen, lautstark zu führen und auf die anderen einzuwirken. Wir sollten jetzt nicht Probleme konstruieren. Die Mannschaft funktioniert, sie lebt, sie ist willig und hungrig. Manche Prozesse laufen noch nicht optimal.

Ein Problem ist offensichtlich: die schwache Torausbeute mit erst fünf Treffern. Haben Sie dafür eine Erklärung, und wo sehen Sie Lösungsansätze?

Ja, wir haben zu wenig Tore geschossen. Das müssen wir analysieren und uns entwickeln. Was heißt Lösungsansätze? Wir wissen, dass wir für die Offensive eine gute Qualität besitzen. Wir kommen immer wieder an den gleichen Punkt: Gewisse Abläufe brauchen Zeit. Wenn du weniger Erfolgserlebnisse hast, fehlt vielleicht auch die Überzeugung. Daran müssen wir arbeiten, und am Samstag haben wir die Möglichkeit, den nächsten Schritt zu machen.

Könnte es eine Systemfrage sein, wäre man mit zwei Spitzen torgefährlicher?

Das sehe ich nicht so. Du brauchst eine gewisse Präsenz. Es geht darum, dass wir genügend Leute in gefährliche Positionen bringen. Das kann mit einer Spitze genauso gut funktionieren wie mit zwei oder drei Angreifern.

Zudem hat sich – maßgeblich durch die Verletzung von Chris Löwe – ein personeller Engpass bei den Außenverteidigern ergeben. Warum ist es für Sie keine Option, zum Beispiel den vereinslosen Niklas Kreuzer zu reaktivieren?

Wir haben uns in der Kaderplanung für die vier Außenverteidiger Chris Löwe, Robin Becker, Jonathan Meier und Max Kulke entschieden. Es stimmt, derzeit haben wir wegen Verletzungen und Sperre einen Engpass. Allerdings leben wir in einer wirtschaftlich extrem schwierigen Zeit, in der wir aufpassen müssen. Keiner weiß, wie es in den nächsten Wochen und Monaten weitergeht. Deshalb wäre es komplett der falsche Ansatz, ein finanzielles Risiko einzugehen, weil wir vielleicht mal für ein paar Wochen nicht perfekt besetzt sind. Das werde ich sicher nicht machen, dafür habe ich eine Gesamtverantwortung. Wir bleiben auf jeden Fall bis zum Winter bei dieser Konstellation, wie wir sie haben, und können auf Ausfälle mit unserem Kader flexibel reagieren.

Die emotionalen Ausschläge, die in Dresden besonders groß sein sollen, haben Sie in Ihren ersten vier Monaten bereits ausgekostet: von der Euphorie nach dem Sieg im Pokal bis zu der Enttäuschung jetzt. Wie bewerten Sie das persönlich?

Ich bin bei den Spielen dabei und kriege die Euphorie genauso mit wie die Unzufriedenheit. Beides ist total normal und richtig. Es ist doch das Schöne, dass der Fußball solche Emotionen freisetzt. Für mich persönlich und alle, die wir für den sportlichen Erfolg verantwortlich sind, gilt es dennoch, kühlen Kopf zu bewahren. Es ist genauso wichtig, nicht alles zu verteufeln, wenn ein, zwei Ergebnisse nicht passen, wie zu relativieren, wenn man nach einem Sieg überschwänglich gelobt wird. Ruhig bleiben, arbeiten, Dinge verbessern.

Was erwarten Sie jetzt vom Heimspiel gegen Meppen am Samstag?

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Das Talent hatte bereits in der vorigen Saison seine ersten Einsätze im Profi-Team und ist mit 19 Jahren bereits ein wichtiger Spieler in der 3. Liga.

Wir haben die Liga kennengelernt. Auch dieser Gegner wird alles dafür tun, aus Dresden etwas mitzunehmen. Trotzdem ist klar, erst recht nach den jüngsten Ergebnissen, dass wir unsere Heimspiele gewinnen wollen.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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