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Das schrieb die Stasi über die Schmach von Uerdingen

Dynamo hat den Klassenkampf auf dem Fußballplatz verloren - weil die politisch-ideologische Einstellung fehlte? Teil 5 der neuen Dynamo-Serie.

Diese Forderung neben Dynamo-Fahnen? Das dürfte die Stasi aufmerksam registriert haben. Doch dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen.
Diese Forderung neben Dynamo-Fahnen? Das dürfte die Stasi aufmerksam registriert haben. Doch dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen. © dpa/Franz-Peter Tschauner

Das eine Spiel ist beinahe in Vergessenheit geraten, das andere ist entweder als Wunder oder Schmach in Erinnerung geblieben, je nachdem, auf welcher Seite der Mauer man damals lebte. Insgesamt 98 Mal hat Dynamo Dresden im Fußball-Europapokal gespielt, einige Sternstunden erlebt, aber eben auch dunkle Kapitel. Daran schuld waren aber nicht etwa die fußballerischen Qualitäten der Mannschaft oder die Taktik des Trainers.

Das war so bei dem desaströsen 3:7 bei Bayer Uerdingen im März 1986, aber auch schon knapp zwölf Jahre zuvor: Die Staatssicherheit will den vermeintlich wahren Grund erkannt haben, wie im Bericht über die 1:4-Niederlage beim Hamburger SV am 27. November 1974 dargestellt: „Abgesehen vom tadelsfreien Verhalten der Mannschaft, muss eingeschätzt und vor allem gründlich analysiert werden, dass es offensichtlich im Ergebnis einer ungenügenden Wirkung der politisch-erzieherischen Arbeit durch die Leitung der SG Dynamo Dresden und das Trainerkollektiv gegenwärtig nicht oder nur sehr schwer möglich ist, in solchen, die ganze Potenz der Mannschaft fordernden Spielen, erfolgreich abzuschneiden.“

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Das Fazit der Spitzel: Man habe den politischen Gehalt der Teilnahme am Europacup nicht vollständig begriffen, denn „mit einer ausgeprägten positiven politisch-moralischen Grundposition des Kollektivs und der nur daraus ableitbaren hohen Kampfmoral und taktischen Disziplin, wäre ein besseres Resultat ... möglich gewesen“. Und, das ist die Erwartung, werde es im Rückspiel in Dresden erreicht. Dynamo schaffte zu Hause ein 2:2, hatte aber zu keiner Zeit eine Chance aufs Weiterkommen.

Ein straffes Programm

In der Stasi-Analyse wurde auch auf die Spielstärke des HSV hingewiesen, „einer der gegenwärtig leistungsstärksten Mannschaften der BRD“. Zudem hätten die Bodenverhältnisse beim Hinspiel jeden Zufall zugelassen, aber die Tore in der 6. und 11. Minute seien gefallen, weil einige Spieler den Gegner offensichtlich unterschätzt hätten. Eine Frage der Einstellung also. Dabei war die politisch-ideologische Vorbereitung „mit einer grundsätzlichen Einweisung der Mannschaft am 25.11.74 in Dresden abgeschlossen“. Eine Stunde lang habe der Genosse Oberstleutnant der VP Herrmann darauf hingewiesen, „dass dieses Europa-Cup-Spiel integrativer Bestandteil der sich auf der Basis der Politik der friedlichen Koexistenz vollziehenden Klassenauseinandersetzung ist“.

Spätestens nach einem solchen Satz dürfte auch der letzte Spieler seine Ohren endgültig auf Durchzug gestellt haben. Aber damit nicht genug: „Von dieser grundsätzlichen politischen Orientierung ausgehend und beide Spiele als Einheit betrachtend, wurde der Mannschaft in aller Eindringlichkeit die Aufgabe dargelegt, aus einer sicheren Deckung heraus ein Unentschieden anzustreben und bei Stabilisierung des Spieles ggf. bereits in Hamburg einen Sieg zu erzielen.“ Die Stasi-Offiziere kommen zu dem Schluss: „Diese Konzeption wird nach wie vor für richtig gehalten und hätte bei konsequenter Einhaltung durch die Mannschaft auch die eklatant hohe Niederlage von 1:4 vermieden.“

Was aus dem ausführlichen Bericht ebenfalls hervorgeht: Die Spieler hatten in Hamburg ein ziemliches Programm zu bewältigen: Der Charterflug startete am Tag vor dem Spiel 9 Uhr in Dresden, nach der Landung um 10.10 Uhr ging es ins Sporthotel Quickborn, wo sich die Mannschaft „sofort zum ersten Training“ begab. Nach dem Mittagessen ging es 13.45 Uhr zur Stadt- und Hafenrundfahrt, anschließend Einkaufsbummel.

Da ist die Dynamo-Welt noch in Ordnung: Jörg Stübner, Ralf Minge und Matthias Sammer kommen vor dem Spiel in die Grotenburg-Kampfbahn von Krefeld.
Da ist die Dynamo-Welt noch in Ordnung: Jörg Stübner, Ralf Minge und Matthias Sammer kommen vor dem Spiel in die Grotenburg-Kampfbahn von Krefeld. © Axel Gayk

Einem Sportler – Namen sind in den Kopien aus dem Stasi-Archiv geschwärzt – sei von einem Reporter angeboten worden, „sich in einem Kaufhaus auszuwählen, was er wolle“, er werde das bezahlen. Der Dynamo-Spieler musste wissen, dass er beobachtet wird, und „hat den vom Reporter beglichenen Betrag diesem wieder in die Tasche gesteckt“. Danach wurde im Volksparkstadion ein 20-minütiges Training unter Flutlicht durchgeführt, allerdings nicht auf dem Rasen, sondern wegen des strömenden Regens auf der Aschenbahn.

Am Spieltag wurde, so steht es in den Akten, nach dem Frühstück intensiv trainiert. Möglicherweise ein Fingerzeig dafür, woran es wirklich gelegen haben könnte. Trainer Walter Fritzsch war berühmt-berüchtigt für seine außergewöhnliche Belastungssteuerung. So berichtete der langjährige Mannschaftsleiter Wolfgang Oeser einmal, wie der Chefcoach vor der Partie beim FC Liverpool im Oktober 1977 ein komplettes Übungsprogramm durchgezogen hat.

„Ich war völlig verdutzt und habe ihn gefragt, warum er wenige Stunden vor dem Anpfiff die Spieler bis an die Grenze gehen lässt. Er verwies auf das Oberligaspiel, das am folgenden Sonnabend anstand. Da war mir alles klar“, berichtete der 2013 verstorbene Oeser für das Buch „Dynamo Dresden – Legenden, Schicksale, Geschichten“. Dynamo ging in Liverpool mit 1:5 unter und schied trotz eines 2:1-Sieges im Rückspiel aus.

„Plötzlich hatten alle Angst“

Im März 1986 stehen die Schwarz-Gelben de facto schon Halbfinale, als die Fußball-Welt über ihnen zusammenbricht. Nach dem 2:0-Sieg in Dresden führen sie zur Pause bei Bayer Uerdingen mit 3:1. Doch nun musste Bernd Jakubowski ausgewechselt werden. Wolfgang Funkel hatte den Torwart bei einem Foul die Schulter zertrümmert. „Plötzlich hatten alle Angst“, erzählte Trainer Klaus Sammer in einem SZ-Gespräch: „Ich habe die Spieler auf die andere Seite genommen, damit sie nicht sehen, wie er behandelt wird. Er wollte unbedingt weiterspielen, hat sich mit dem Arzt gestritten. Es ging nicht mehr. Jens Ramme musste ins Tor.“

Den Ersatzmann hatten sie ihm, wie Sammer es nennt „untergejubelt“. Die eigentliche Nummer zwei, Jörg Klimpel, hatte sich in Tschechien mit Westverwandten getroffen, durfte nicht mehr für Dynamo spielen. Nicht der einzige politische Eingriff vor der Saison. „Wir waren in der Vorbereitung im Iran, dort herrschte Krieg, wir konnten kaum trainieren.“ Mit Ramme im Tor wird es eine Kopfsache, zumal auch noch der Schiedsrichter umgefallen sei: „Zwei Elfmeter, ein Abseitstor, die konnten holzen! Da konntest du nicht eingreifen“, meinte Sammer. „Das ist wie ein Alptraum, alles rauscht an einem vorbei“, beschrieb Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner den Untergang in der zweiten Hälfte: sechs Gegentreffer, 3:7, die totale Blamage.

Sammer forderte neue Spieler

Sammer und sein Assistent Dieter Riedel mussten schriftlich Stellung nehmen, ihre sachliche Analyse findet sich in den Stasi-Unterlagen. Darin verweisen sie auf den psychologischen Aspekt. Der Abwehr habe nach der Pause die Organisation durch den Torwart gefehlt, die Unsicherheiten häuften sich, Zweikämpfe gingen verloren, der Druck des Gegners nahm zu. „Durch die sich daraus ableitende schnelle Torfolge wurde die Nervosität, die Kopflosigkeit, die Desorganisation in der Abwehr immer größer“, stellen die Trainer fest.

Sie ziehen vier Schlussfolgerungen: Stärkeren Einfluss auf die psychische Stabilität der Spieler nehmen, die Zweikampfgestaltung, das Abwehrverhalten und das Überwinden von Drucksituationen verbessern, die Anschluss- und Wechselspieler zusätzlich und individuell trainieren lassen. Interessant ist besonders ein Punkt: „Um die Stabilität der Abwehr grundlegend zu verbessern, ist eine Zuführung von Abwehr bzw. Mittelfeldspielern über den 2. Weg erforderlich.“ Eine klare und seinerzeit mutige Forderung nach Verstärkungen, denn die Delegierungen, also Vereinswechsel, wurden maßgeblich durch die Parteifunktionäre in den Bezirken gesteuert.

In der Stellungnahme der Vereinsführung werden dagegen drei Schwerpunkte als Ursache erkannt, die – so heißt es explizit – „nicht die Zustimmung des OL-Trainers (OL für Oberliga/d. Red.) finden“. Punkt eins: „Unzureichende politisch-ideologische Erziehungsarbeit und Einflussnahme auf das OL-Kollektiv durch den Oberligatrainer.“ Zu dessen Verantwortung gehöre „die Vermittlung eines marxistisch-leninistischen Klassenstandpunktes“ – und erst im zweiten Stichpunkt das „bedingungslose Erfüllen der hohen Trainings- und Wettkampfanforderungen“.

Sammer wurde nach der Saison abgelöst und ins Trainingszentrum nach Meißen geschickt. „Ich hätte auch von mir aus aufgehört, das hatte ich der Mannschaft schon gesagt“, erzählte er. „Du wirst als Trainer für alles verantwortlich gemacht, selbst wenn ein Spieler einen Pups lässt.“ Eduard Geyer übernahm als Chefcoach, Dörner musste seine Karriere beenden, mit Torwart Ronny Teuber von Union Berlin und Verteidiger Frank Lieberam von Stahl Riesa kamen tatsächlich zwei neue Spieler.

Lesen Sie hier die bisher erschienen Teile:

Teil 1: Die Operation „Vorstoß“ nach dem Bayern-Los. (SZ+)

Teil 2: Die Sorge der Westpresse vor zu braven Dynamo-Fans. (SZ+)

Teil 3: Als das Losglück zur Flucht in den Westen verhalf. (SZ+)

Teil 4: Als Genscher den Aufpassern der Stasi entwischt (SZ+)

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