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Dynamos Verteidiger spricht über Tod, Trauer und Wut

Mitten im Aufstiegstrubel stirbt der Stiefvater von Tim Knipping. Im Interview redet er offen über seine Gefühle und hat eine klare Botschaft an Corona-Leugner.

Offen und emotional spricht Tim Knipping über die schönen wie schweren Stunden.
Offen und emotional spricht Tim Knipping über die schönen wie schweren Stunden. © dpa-Zentralbild/Robert Michael

Tim, Sie sind mit Dynamo in die 2. Bundesliga aufgestiegen und Meister geworden. Gleichzeitig stirbt Ihr Stiefvater an den Folgen einer Corona-Infektion. Wie verarbeiten Sie diese emotionalen Ausschläge?

Ich fühle mich im Moment leer und fast ein bisschen verloren. Ich habe das bisher Größte mit einer Mannschaft in meiner Karriere erreicht und mit dem Aufstieg einen der schönsten Momente erlebt. Aber ich kann das gerade nicht genießen und nicht feiern. Der Verlust ist einfach brutal, ich denke an nichts anderes.

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Das Leben hat immer zwei Seiten – ist das ein Moment, indem Sie merken, wie wahr dieser Spruch ist?

Ich war schon immer ein Mensch, der jeden Tag bewusst genießt. Und ich wusste auch vorher schon, etwa durch meine schlimme Verletzung, dass beide Seiten zum Leben gehören. Trotzdem war ich auf diese Situation jetzt nicht vorbereitet und weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

Seit wann gehörte Ihr Stiefvater zur Familie?

Seit ich aufs Gymnasium kam, da war ich elf Jahre. Wir haben total viel Zeit zusammen verbracht, waren zusammen im Urlaub. Das Verhältnis war sehr intensiv, er war wie ein zweiter Vater für mich. Deshalb tut es gerade auch unglaublich weh.

War er mal im Stadion?

Ja, wenn es zeitlich passte. Meine Mutter musste leider häufig an den Wochenenden arbeiten. Aber im Fernsehen hat er jedes Spiel von mir gesehen. Als ich vor einem Jahr nach Dresden gekommen bin, haben sie sich das Stadion angeschaut. Wegen Corona war es dann leider nicht möglich, ein Spiel zu besuchen. Das wollten sie in der neuen Saison nachholen, doch das ist nun nicht mehr möglich. Er war einer meiner größten Kritiker. Manchmal hat mich das derart angestachelt, dass ich es ihm unbedingt beweisen wollte. Ich denke, er hat das gemacht, weil er unheimlich stolz auf mich war.

Nach dem Sieg gegen Viktoria Köln bricht Tim Knipping in Tränen aus, wird getröstet. Sein Stiefvater lag da auf der Intensivstation, kämpfte um sein Leben.
Nach dem Sieg gegen Viktoria Köln bricht Tim Knipping in Tränen aus, wird getröstet. Sein Stiefvater lag da auf der Intensivstation, kämpfte um sein Leben. © dpa-Zentralbild/Robert Michael

Konnten Sie ihn zuletzt im Krankenhaus besuchen?

Nein, er wurde kurz vor unserem Spiel gegen den SC Verl (4. Mai/Anm. d. A.) eingewiesen. Da hatten wir eine englische Woche, außerdem war er ja, wie meine Mutter auch, mit dem Virus infiziert. Das ging also nicht. Und das machte es besonders schwer – so weit weg zu sein und nicht helfen zu können. Vor dem Spiel gegen Viktoria Köln wurde er dann auf die Intensivstation verlegt. Ich habe ihm noch Nachrichten geschickt, deshalb war ich nach dem Sieg gegen Köln, mit dem der Aufstieg in greifbare Nähe rückte, so emotional.

Dass Sie nicht richtig Abschied nehmen konnten – ist das ein Punkt, der besonders schmerzt?

Vorher Abschied zu nehmen, ist immer schwierig. Ich habe ihm zwar oft gesagt, was er für mich bedeutet, trotzdem gibt es natürlich Dinge, die ich gerne noch mit ihm unternommen hätte. Dass dies nun nicht mehr geht, ist nur schwer zu akzeptieren.

Wie haben Sie es geschafft, sich in den letzten Wochen auf Ihren Beruf als Profifußballer zu konzentrieren?

Das war nicht einfach. Wenn eine nahestehende Person im Sterben liegt, dann sind die Gedanken natürlich bei ihr. Auf der anderen Seite stand ich mit einer Mannschaft, die fast zu einer zweiten Familie geworden ist, kurz vor dem Aufstieg – und damit in der Verantwortung. Die Momente unmittelbar vor den Spielen waren schwierig, weil da viele Gedanken durch den Kopf schwirrten. Während der 90 Minuten habe ich mir eingeredet, dass er sicher auch will, dass ich eine gute Leistung zeige und Erfolg habe.

Wie alt ist Ihr Stiefvater geworden?

58 Jahre.

Was denken Sie, wenn Sie Menschen sehen, die sich nicht an die Corona- und Hygienevorschriften halten?

Da bin ich enttäuscht, entsetzt, sprachlos und wütend – war das aber auch schon vor dem Todesfall. Auch irgendwelche kruden Verschwörungstheorien zu verbreiten, ist absoluter Schwachsinn. In meiner Familie und meinem Freundeskreis hatten schon einige diese Krankheit. Selbst Fußballer, also junge und gesunde Menschen, hat es einfach umgehauen. Wenn ich dann die Ärzte, Pfleger und Wissenschaftler sehe, die uns – zum Beispiel durch das Impfen – wieder ein einigermaßen normales Leben ermöglichen wollen, verstehe ich nicht, wie ein Teil der Gesellschaft so denken kann. Ich stehe ein Stück weit in der Öffentlichkeit, deshalb kann ich nur appellieren, vorsichtig zu sein und sich an die Maßnahmen zu halten. Es kann wirklich jeden treffen.

Die Mannschaft soll nach dem Urlaub am 14. Juni geimpft werden. Sind Sie erleichtert, dass Sie nun auch den Piks bekommen?

Definitiv, weil ich ganz einfach nicht andere Menschen oder mich selber gefährden möchte.

Haben Sie um sich Angst?

Nein, das nicht. Aber anstecken möchte ich mich auch nicht. Deshalb bin ich vorsichtig und minimiere den Kontakt.

Beim 1:0-Sieg gegen den SV Wehen Wiesbaden haben Mitspieler nach dem Tor Ihr Trikot hochgehalten. Kapitän Sebastian Mai hatte es an, als er den Meisterpokal entgegennahm. Wie haben Sie diese Szenen erlebt?

Nachdem ich am Freitagabend die Nachricht im Mannschaftshotel bekommen hatte, wurde ich von Kristian Walter (Dynamos Chefscout/Anm. d. A.) zu meiner Mutter gefahren. Ich habe vor dem Anpfiff an die Jungs eine Nachricht geschickt, dass ich mir das Spiel im Fernsehen anschauen werde und in Gedanken bei ihnen bin. Sie sollten sich für diese Saison belohnen. Als ich dann mein Trikot gesehen habe, war das einer der speziellsten Momente in meinem Leben. Da kamen mir die Tränen.

Sie selbst mussten auch schon eine kritische Situation überstehen. Nach einem Schienbeinbruch wurden Sie 2018 acht Mal operiert, es drohte eine Amputation und das Karriereende. Hilft Ihnen diese Erfahrung in der jetzigen Situation?

Das kann man nur schwer vergleichen. Ich habe damals um mein Bein gekämpft und es überstanden. Meinen Stiefvater kann ich jetzt aber nicht mehr zurückholen, das ist endgültig. Das zeigt mir einmal mehr, dass man jeden Tag des Lebens, an dem man gesund ist, wertschätzen sollte. Es kann schneller zu Ende sein, als man denkt.

Bei der Ehrung zum Drittliga-Meister trug Kapitän Sebastian Mai das Trikot von Tim Knipping.
Bei der Ehrung zum Drittliga-Meister trug Kapitän Sebastian Mai das Trikot von Tim Knipping. © Foto: Picture Alliance/Frank Heinen

Eine ganz andere Frage: Sie haben zwei Restaurants in Heidelberg und Regensburg, die im Lockdown geschlossen waren. Konnten Sie wieder öffnen?

Der Italiener in Heidelberg hat wieder geöffnet, sogar im Innenbereich, weil es dort die Inzidenzzahlen hergeben. Es ist also ein kleiner Schritt zurück in Richtung Normalität, wofür ich dankbar bin. In Regensburg werden wird in den nächsten Tagen öffnen, allerdings nur im Außenbereich.

Es sind schwierige Zeiten für Sie. Kann Sie der Gedanke, dass es nächste Saison gegen Schalke 04, den Hamburger SV, Werder Bremen und eventuell den 1. FC Köln geht, da irgendwie trösten?

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Nein, das ist definitiv kein Trost. Aber natürlich gibt es ein klein bisschen Kraft, ich versuche mich an solchen Dingen hochzuziehen. Ich freue mich auf die Saison, auf die Liga und auf die Spiele, zu denen hoffentlich wieder Zuschauern kommen können. Fußball lebt ganz einfach von den Emotionen auf den Rängen.

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