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Dynamo

Leistner nimmt Entschuldigung an

Der Ex-Dynamo war von einem Zuschauer beleidigt worden und hatte ihn attackiert. Nun haben sie sich ausgesprochen - die Reaktionen nach dem Eklat.

Toni Leistner fasst sich auch selbst an die Nase. Seine Reaktion war trotz der Beleidigungen unbeherrscht. Dafür hat er sich entschuldigt - und nun auch der pöbelnde Zuschauer bei ihm.
Toni Leistner fasst sich auch selbst an die Nase. Seine Reaktion war trotz der Beleidigungen unbeherrscht. Dafür hat er sich entschuldigt - und nun auch der pöbelnde Zuschauer bei ihm. © Lutz Hentschel

Dresden. Am Dienstagabend ist die Sache "aus der Welt", so schreibt es Toni Leistner bei Instagram. Da ist der Vorfall, über den deutschlandweit einen Tag lang diskutiert wurde schon 24 Stunden her. Der Fußball-Profi des Hamburger SV war nach der 1:4-Niederlage im DFB-Pokal bei Dynamo in Dresden über eine etwa zwei Meter hohe Mauer auf die Tribüne geklettert, hatte einen Mann am Kragen gepackt und ihn auf die Treppenstufe gedrückt. Der Vorfall überschattete das Spiel vor 10.053 Zuschauern im Rudolf-Harbig-Stadion, eine Rekordkulisse.

Der vermeintliche Fan hatte Leistner, der nach dem Schlusspfiff für ein Interview beim TV-Sender Sky bereitstand, auf das Übelste beleidigt, wie Ohrenzeugen berichten. Noch am Abend danach hatte es der Profi so geschildert: "Ich bin nach dem Spiel von der Tribüne meiner Heimatstadt aus massiv beleidigt worden. Damit kann ich normalerweise umgehen. Doch dann ging es extrem unter die Gürtellinie gegen meine Familie, meine Frau und meine Tochter. In dem Moment sind mir die Sicherungen durchgebrannt", schrieb der gebürtige Dresdner und ehemalige Dynamo-Spieler.

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Leistner entschuldigte sich für seine Reaktion : "So etwas darf mir dennoch niemals passieren. Ich entschuldige mich in aller Form für mein Verhalten und kann nur versprechen, dass mir - egal was mir an Beleidigungen an den Kopf geworfen wird - so etwas nie wieder passieren wird."

Dynamo schrieb bei Twitter: "Es ist einfach nur beschämend, dass Toni Leistner derart von einem Fan seines Heimatvereins nach dem Spiel beleidigt wurde." Der Pöbler meldete sich am Dienstagnachmittag zunächst beim Nachrichtenportal Tag24 und widersprach der in anderen Medien verbreiteten Darstellung. Laut einem Bericht der Bild-Zeitung soll er gerufen haben, er würde seiner schwangeren Frau am liebsten in den Bauch treten, damit sie eine Fehlgeburt erleidet.

"Das war definitiv nicht der Fall", wird der Anhänger zitiert. Die Schmährufe hätten sich auf die Hamburger Niederlage bezogen. "Um die Familie ging es mit keinem Wort", sagte der namentlich nicht genannte Mann. Er habe "ein bisschen gepöbelt". Es seien die "üblichen Phrasen, die Fans nach so einem Spiel von sich geben" gewesen. Zum Beispiel: Man habe "die Hamburger mit dem 4:1 richtig gefickt".

Vorwürfe macht er dagegen dem Veranstalter und dem Verein. "Wie kann es sein, dass ein treuer Fan von einem Spieler angegriffen wird und es keinen interessiert?", fragt er. Kein Verantwortlicher hätte sich nach seinem Gesundheitszustand erkundigt. 

Offenbar hat es im Laufe des Tages aber einen Sinneswandel gegeben. Am Abend berichtete Dynamo auf der Internetseite, der Fan habe sich selbstständig beim Verein gemeldet und sein Fehlverhalten zugegeben. In einem Telefonat mit Leistner habe er seinen Fehler eingeräumt und glaubhaft für seine Provokationen um Verzeihung gebeten, wird Präsident Holger Scholze zitiert. Leistner bestätigte das Telefonat in einem Eintrag bei Instagram. Sie hätten "die Sache untereinander geklärt", schrieb der 30-Jährige. "Er hat genau wie ich seinen Fehler eingesehen. Ich nehme seine Entschuldigung an, zwischen uns ist die Sache damit aus der Welt."

Für Leistner selbst jedoch noch nicht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat auf den Vorfall nach dem DFB-Pokalspiel von Dynamo Dresden gegen den Hamburger SV reagiert. Der Kontrollausschuss hat ein Ermittlungsverfahren gegen HSV-Profi Toni Leistner eingeleitet. Der Spieler werde zu einer Stellungnahme aufgefordert, heißt es. Dem Verteidiger des HSV droht nun eine Sperre für seine emotional unbeherrschte Aktion.

Sein Verein hat die Aktion ebenfalls aufgearbeitet und seinerseits auf der Homepage Stellung bezogen. "Wir haben ihm sehr deutlich mitgeteilt, dass wir den Vorfall nicht tolerieren, gutheißen, dass wir einen internen Umgang damit finden müssen und werden", erklärte HSV-Vorstand Jonas Boldt. Er werde aber nicht von uns fallengelassen oder an den Pranger gestellt. "Das Niveau der Kommentare, die sich Toni aus dem Block anhören musste, ist unsäglich und leider keine Ausnahme mehr. Gegen solch drastische Beschimpfungen, ob beleidigend, homophob oder rassistisch, müssen wir im Fußball und auch in der Gesellschaft vorgehen", forderte Boldt.

"Meine Verbindung nach Dresden ist extrem"

Ähnlich hatte sich bereits am Vormittag Leistners Frau bei Instagram geäußert. "Was viele leider immer wieder vergessen. Auch hinter dem Profifußballer Toni Leistner steckt ein Mensch wie du und ich. Ein Papa und Ehemann. Was meiner Meinung gestern gezeigt wurde, ist ein massives Problem der heutigen Gesellschaft", schrieb Josefin Leistner in einem Beitrag. "Die vermeintliche Anonymität im Netz, oder im Falle von gestern hinter hohen Fußballmauern, wird ausgenutzt, um grundlos (!) fremde Menschen zu beleidigen und zu beschimpfen. Wichtig ist meiner Meinung nach, solche Menschen nicht als den Verein 'Dynamo Dresden' zu sehen, sondern vielmehr diesen Menschen, als Teil eines großen Problems."

Dazu setzte sie die Hashtags "Stop Hating", "Stop Bullying" und "Stop Mobbing" und stellte ein Video hinzu, wie sich ihr Ehemann bei einem Spaziergang um die gemeinsame Tochter kümmert.

Sie erwarten gerade ihr zweites Kind. "Wenn ich den Bauch meiner Frau sehe, müsste es mit der Geburt unseres Kindes jede Sekunde losgehen", meinte Leistner vor der Partie in Dresden. Der Termin sei zwar erst der 22. September, doch mit dem Trainer habe er abgesprochen, "jederzeit auf Abruf" zu sein, wenn es früher losgeht.

Leistner spielte zwischen 2010 und 2014 bei Dynamo, hatte bei den Profis aber nie eine echte Chance bekommen und ist deshalb zu Union Berlin gewechselt. Dort etablierte er sich als Spieler in der zweiten Liga, wurde Kapitän und wechselte schließlich zu den Queens Park Rangers nach England. Nach einem halben Jahr beim 1. FC Köln, für den er 13 Bundesliga-Spiele bestritt, wechselte der Innenverteidiger nun zum HSV.

Gerade vor dem Pokal-Duell in seiner Heimatstadt hat Leistner seine Verbundenheit mit Dresden in mehreren Interviews betont. "Meine Verbindung nach Dresden ist schon extrem. Nach der Karriere geht es für mich zurück in die Heimat", sagte er der Bild-Zeitung.

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