merken
PLUS Dynamo

Der Eklat um Leistner - die ganze Geschichte

Der HSV-Profi und gebürtige Dresdner greift einen Fan an. Der hatte ihn beleidigt. Dynamo verteidigt den Spieler, der eine enge Verbindung zu seiner Heimat hat.

Mit einem Lächeln unterwegs: Toni Leistner weiß sich und sein Leben als Fußballprofi einzuordnen. Seine Heimat Dresden hat er nicht vergessen.
Mit einem Lächeln unterwegs: Toni Leistner weiß sich und sein Leben als Fußballprofi einzuordnen. Seine Heimat Dresden hat er nicht vergessen. © Mike Worbs

Dresden. Es war ein perfekter Abend für Dynamo und auch für Fußball-Dresden: der sensationelle 4:1-Sieg gegen den Hamburger SV im Pokal vor mehr als 10.000 Fans im Rudolf-Harbig-Stadion. Ein Fußballfest mit Corona-Zuschauer-Rekord. Allerdings wird die gute Stimmung durch einen Vorfall getrübt, den man zwar als Einzelfall bewerten könnte, der jedoch nun die Schlagzeilen bestimmt. Die Bilder bleiben hängen: Wie der HSV-Profi Toni Leistner über die Mauer auf die Tribüne klettert und einem jungen Mann an den Kragen geht, ihn schüttelt und auf die Treppenstufen drückt.

Das hätte ihm niemals passieren dürfen, schrieb Leistner noch am Montagabend in einem Eintrag bei Instagram. „Ich entschuldige mich in aller Form für mein Verhalten und kann nur versprechen, dass mir – egal, was mir an Beleidigungen an den Kopf geworfen wird – so etwas nie wieder passieren wird.“ 

Anzeige
13 Jahre Sportkompetenz im ELBEPARK
13 Jahre Sportkompetenz im ELBEPARK

INTERSPORT Hübner ist mit seiner größten Filiale Sachsens auch im ELBEPARK Dresden für alle Sportler da.

Es muss allerdings unter allem noch einigermaßen Tolerierbarem gewesen sein, um den sonst besonnenen Leistner derart zu provozieren und aus der Fassung zu bringen. „Ich bin nach dem Spiel von der Tribüne meiner Heimatstadt aus massiv beleidigt worden“, erklärte der 30-Jährige danach seine Reaktion. „Damit kann ich normalerweise umgehen. Doch dann ging es extrem unter die Gürtellinie gegen meine Familie, meine Frau und meine Tochter. In dem Moment sind mir die Sicherungen durchgebrannt.“

Nach Dynamos Sieg im Pokal gegen den HSV kam es zu tumultartigen Szenen und Handgreiflichkeiten von Ex-Dynamo Toni Leistner. Ein Fan hatte ihn und seine Familie beleidigt - es ist aber nicht derjenige, der auf diesem Foto unkenntlich gemacht wurde.
Nach Dynamos Sieg im Pokal gegen den HSV kam es zu tumultartigen Szenen und Handgreiflichkeiten von Ex-Dynamo Toni Leistner. Ein Fan hatte ihn und seine Familie beleidigt - es ist aber nicht derjenige, der auf diesem Foto unkenntlich gemacht wurde. © Jan Huebner

Leistner ist Dresdner, hat im Nachwuchs erst bei der SG Verkehrsbetriebe und dann beim FV Nord/Borea gespielt, bevor er 2010 zu Dynamo kam. Als „Local Player“ gehörte er bei der SGD zwar zum Profi-Kader, durfte aber so gut wie nie spielen, wurde zwischenzeitlich nach Halle verliehen. Erst in der Rückrunde der Saison 2013/14 hatte er unter Trainer Olaf Janßen einen Stammplatz, aber bereits mit Dynamo abgeschlossen. Ralf Minge, der als Sportgeschäftsführer zurückgekehrt war, versuchte zwar noch, Leistner umzustimmen, doch der wechselte zu Union Berlin.

Bei den Köpenickern etablierte er sich als Spieler in der zweiten Liga, wurde Kapitän und wechselte schließlich zu den Queens Park Rangers nach England. Nach einem halben Jahr beim 1. FC Köln, für den er 13 Bundesliga-Spiele bestritt, spielt der Innenverteidiger jetzt für den HSV. Doch nun droht Leistner eine Sperre, der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, fordert ihn zu einer Stellungnahme auf.

Der Pöbel-Fan stellt sich am Tag danach freiwillig

Dabei ist mit seinem Instagram-Eintrag alles gesagt, auch Dynamo stellt sich demonstrativ an seine Seite. „Es ist einfach nur beschämend, dass Toni Leistner derart von einem Fan seines Heimatvereins nach dem Spiel beleidigt wurde“, heißt es in einer Nachricht bei Twitter.

Am Dienstagabend berichtete der Verein dann auf seiner Internetseite, der Mann habe sich selbstständig gemeldet und in einem persönlichen Gespräch mit Leistner „glaubhaft für die Provokationen um Verzeihung gebeten“, wie Präsident Holger Scholze zitiert wird. Allerdings berichtete das Nachrichtenportal Tag24 zuvor, der Zuschauer habe die Situation anders dargestellt und Leistners Familie nicht beleidigt, sondern nur „ein bisschen gepöbelt“, heißt es da. „Das waren die üblichen Phrasen, die Fans nach so einem Spiel von sich geben.“ Eben, dass sie die Hamburger „mit dem 4:1 richtig gefickt“ haben.

Der verbale Angriff soll jedoch in Richtung seiner schwangeren Frau gegangen sein. Josefin Leistner erwartet gerade das zweite gemeinsame Kind – in Dresden. Auch sie reagierte bei Instagram. „Was viele leider immer wieder vergessen: Auch hinter dem Profifußballer Toni Leistner steckt ein Mensch wie du und ich. Ein Papa und Ehemann“, schrieb sie – und kritisierte ein gesellschaftliches Problem: „Die vermeintliche Anonymität im Netz, oder im Falle von gestern hinter hohen Fußballmauern, wird ausgenutzt, um grundlos (!) fremde Menschen zu beleidigen und zu beschimpfen.“ Dazu stellte sie ein Video hinzu, wie ihr Ehemann beim Rollerfahren der bald vier Jahre alten Tochter Clara hinterherläuft, um sie zu halten. 

Leistner hat seine Wurzeln nie vergessen, während der Corona-Krise zahlte er einen Monat das Honorar für die Trainer bei Borea und fand mit den Ex-Dresdnern Tony Jantschke (jetzt Mönchengladbach) und Marvin Stefaniak (bei Greuther Fürth) dafür Nachahmer. „Meine Verbindung nach Dresden ist schon extrem. Nach der Karriere geht es für mich zurück in die Heimat“, sagte Leistner vor der Partie.

Weiterführende Artikel

Harte Strafe für Leistner vom Sportgericht

Harte Strafe für Leistner vom Sportgericht

Der gebürtige Dresdner hat einen Dynamo-Fan attackiert - und damit auch gegen Corona-Regeln verstoßen. Der DFB sperrt ihn lange. Sein Verein will es anders lösen.

Wie viele Sachsen spielen noch in der Bundesliga?

Wie viele Sachsen spielen noch in der Bundesliga?

Maximilian Arnold aus Strehla ist einer der wenigen Sachsen, die noch in der Bundesliga kicken. Dabei war ihm der Weg zu Dynamo schon versperrt.

Dynamos Trainer: 3. Liga ist der wichtigste Wettbewerb

Dynamos Trainer: 3. Liga ist der wichtigste Wettbewerb

Nach dem Pokalrausch wartet der Ligaalltag - mit Start in Kaiserslautern. Beim Heimspiel gegen Mannheim sollen dann noch mehr Zuschauer ins Stadion.

Dynamo ist Aufstiegsfavorit Nummer eins

Dynamo ist Aufstiegsfavorit Nummer eins

Für die Trainer in der 3. Liga ist vor dem Auftakt klar: Am Ende steigt Dresden auf. Dynamos Markus Kauczinski wundert sich - und nennt andere Kandidaten.

Laut Dynamo hat sich der Pöbler freiwillig bereiterklärt, 20 Sozialstunden für ein gemeinnütziges Projekt der SGD zu leisten. Leistner schrieb bei Instagram: „Ich hatte heute Kontakt zu dem Dresden-Fan. Wir haben telefoniert und die Sache untereinander geklärt. Er hat genau wie ich seinen Fehler eingesehen. Ich nehme seine Entschuldigung an, zwischen uns ist die Sache damit aus der Welt.“ Der HSV teilte mit, dass er die Reaktion von Leistner nicht gut findet, ihn dafür aber nicht an den Pranger stellen werde. Er habe sich unsägliche Kommentare anhören müssen, erklärte HSV-Sportvorstand Jonas Boldt – und forderte: „Gegen solch drastische Beschimpfungen, ob beleidigend, homophob oder rassistisch, müssen wir im Fußball und auch in der Gesellschaft vorgehen.“

Alles Wichtige und Wissenswerte zu Dynamos Neustart - kompakt jeden Donnerstagabend im Newsletter SCHWARZ-GELB. Jetzt hier kostenlos anmelden

Mehr zum Thema Dynamo