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Bei Dynamo nur Ersatzmann - und doch eine Führungskraft

Patrick Wiegers hat bei den Dresdnern schon lange nicht mehr im Tor gestanden. Trotzdem ist er ein Stimmungsmacher im besten Sinne - und kein Maskottchen.

Emotional im Tor: So jubelte Patrick Wiegers im Mai 2019 beim 2:1-Sieg gegen den FC St. Pauli, bei dem der Torwart geholfen hat, den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga perfekt zu machen.
Emotional im Tor: So jubelte Patrick Wiegers im Mai 2019 beim 2:1-Sieg gegen den FC St. Pauli, bei dem der Torwart geholfen hat, den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga perfekt zu machen. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Er schreit, gestikuliert, klatscht. Patrick Wiegers kann keine 30.000 Zuschauer ersetzen, aber er versucht es zumindest. Dynamos Ersatztorwart ist ein Stimmungsmacher im besten Sinne, dabei könnte man vermuten, er hätte die Reservistenrolle satt. Seit fast zwei Jahren hat er in keinem Pflichtspiel mehr zwischen den Pfosten gestanden, seine bislang letzten Einsätze hatte er im Mai 2019 in der zweiten Liga.

Damals war Markus Schubert bei den Fans in Ungnade gefallen, weil er den Verein erst mit der Vertragsverlängerung hingehalten und dann seinen Abschied verkündet hatte. Trainer Cristian Fiel nahm ihm deshalb aus dem Tor und brachte Wiegers. Mit ihm machte Dynamo durch ein 2:1 gegen St. Pauli den Klassenerhalt perfekt. In der vorigen Woche durfte der 30 Jahre alte Schlussmann nun mal wieder damit liebäugeln, im Tor zu stehen, was er so nicht getan hat – sondern, wie er sagt: „Ich habe es natürlich registriert.“

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Kevin Broll hatte Rücken, konnte einmal nicht und einmal nur dosiert trainieren. Letztlich war der Stammtorwart fit für das Spiel gegen Saarbrücken (1:1) am Samstag. „Ich bereite mich grundsätzlich jede Woche so vor, als müsste ich ran, deswegen hätte es mich nicht überrascht oder gar schockiert, wenn ich auf dem Platz gestanden hätte“, sagt Wiegers, doch er gibt zu: „Mich hätte es gefreut, weil ich trotzdem den Anspruch habe zu spielen.“

Wenn es einen Prototypen als Teamplayer gibt, dann dürfte es der Bayer sein, der mit Marco Hartmann und Rückkehrer Niklas Kreuzer dienstältester Profi bei Dynamo ist. Im September 2014 kam Wiegers nach Dresden, hatte zuvor seinen Vertrag bei Jahn Regensburg nicht verlängert und sich arbeitslos gemeldet. Er stellte sich schon darauf ein, sein Studium in Betriebswirtschaftslehre an der Uni zu beenden und Fußball nur noch als Hobby zu spielen. Bis ihn Dynamo verpflichtete.

Als arbeitsloser Profi vor gut sechs Jahren nach Dresden

Zunächst auch als Ersatzmann. Wenige Wochen später musste Wiegers jedoch einspringen, als sich Benjamin Kirsten verletzt. Im Heimspiel gegen Energie Cottbus hielt er kurz vor Schluss einen Elfmeter und den 1:0-Sieg fest. Seitdem hat Wiegers bei den Anhängern einen Stein im Brett. „Bei Dynamo habe ich immer noch – was ich Wahnsinn finde – ein sehr gutes Standing. Das kriege ich auch mit, sonst wäre ich ja blind und taub“, nannte er einen Grund, warum er seinen Vertrag im Mai 2017 um drei Jahre verlängerte – und das ohne Aussicht auf einen Stammplatz.

Wobei er das selber anders gesehen und sich eine Chance ausgerechnet hat. „Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, wer verpflichtet wird, sondern nur so viel, dass es ein Torhüter in meiner Reichweite sein sollte“, erzählt Wiegers jetzt. Dynamo lieh Marvin Schwäbe, den Torhüter der deutschen U21-Auswahl, von Hoffenheim aus und beförderte mit Schubert das Talent aus der eigenen Jugend zur Nummer zwei. „Dass es dann offensichtlich nicht ganz so fair war, wie es mir gesagt wurde, war lehrreich für mich und in dem Moment auch sehr enttäuschend“, gesteht Wiegers.

Dynamos Torhüter Patrick Wiegers (l.) und Kevin Broll: "Das ist ein Konkurrenzkampf und trotzdem eine gegenseitige Anerkennung, eine Loyalität, die wichtig ist in diesem Job", beschreibt Trainer Markus Kauczinski das Verhältnis.
Dynamos Torhüter Patrick Wiegers (l.) und Kevin Broll: "Das ist ein Konkurrenzkampf und trotzdem eine gegenseitige Anerkennung, eine Loyalität, die wichtig ist in diesem Job", beschreibt Trainer Markus Kauczinski das Verhältnis. ©  dpa/Robert Michael

Doch er setzt seine Charakterstärke, seinen Kampfgeist dagegen. „Ich bin einer, der sich durchbeißen will und nicht gleich die Flinte ins Korn wirft, auf der Flucht ist oder sich hängenlässt.“ Das zahlt sich aus, obwohl er auch am Mittwochabend im Nachholspiel gegen den SV Wehen Wiesbaden auf der Bank sitzen wird. Der Ersatzmann hat sich zum Führungsspieler entwickelt, die Mitspieler haben ihn in den Mannschaftsrat gewählt und schenken ihm das Vertrauen als Kassenwart. „Wie viel gerade drin ist, weiß ich natürlich, werde es aber nicht verraten“, meint Wiegers.

In Corona-Zeiten ist es schwierig, das Geld in Teamabende zu investieren. „Ab und zu versuche ich, mal ein Essen in die Kabine zu stellen.“ Außerdem haben sie einen neuen Zahlungsgrund eingeführt: Wer vom Fachblatt Kicker in die „Elf des Spieltages“ gewählt wird, muss in der Woche eine Getränkekiste mitbringen. Derzeit bleibt es selten trocken, nach den Siegen gegen Ingolstadt und Meppen wurden sogar jeweils drei Spieler nominiert. „Was er mitbringt, obliegt jedem selbst, das ist an keinen Geldbetrag fixiert“, sagt Wiegers und erklärt den Sinn: „Das bringt eine gute Stimmung rein, eine gewisse Lockerheit.“

"Ich versuche, die Jungs auch mal zu wecken"

Mit Regensburg und Dynamo ist er je einmal aufgestiegen, aus seiner Erfahrung leitet er eine Vorbildrolle ab – erst recht von draußen. „Es ist das A und O im Mannschaftssport Fußball, dass jeder wichtig ist, jeder gebraucht wird, der eine mehr, der andere weniger. Trotzdem ist das große Ganze nur so stark, wie sein schwächstes Glied, so blöd sich das vielleicht für denjenigen anhört, der gerade hintenansteht.“

Wiegers lebt mit seinem Auftreten vor, wie man damit umgeht, eben auch, indem er von draußen manchmal lauter zu hören ist als der Trainer. „Ich versuche, den Jungs auf dem Platz Hilfestellung zu geben, sie zu motivieren, auch mal zu wecken.“ Dennoch – und das betont Markus Kauczinski – ist er „hier als Torwart und nicht als Maskottchen“. Der Chefcoach hätte also keine schlaflosen Nächte, wenn er Wiegers bringen müsste. „Er hat eine unheimliche Trainingsenergie und zeigt, dass er ,Brollo‘ nicht viel nachsteht“, sagt Kauczinski – und fügt hinzu: „Ob er überhaupt nachsteht, können wir gar nicht wissen, weil er die Chance, es über einen längeren Zeitraum zu zeigen, noch nicht hatte.“

Trotzdem möchte Wiegers gerne weiter bleiben. Obwohl der neue Sportgeschäftsführer Ralf Becker die Mannschaft nach dem Abstieg im vorigen Sommer neu aufgestellt hat, erhielt der 30 Jahre alte Schlussmann einen neuen Vertrag für eine weitere Saison - mit Option auf eine Verlängerung. „Ich habe schon ein paar Mal spaßeshalber gesagt: Ich könnte mir vorstellen, den Gianluigi Buffon von Dynamo Dresden zu machen, dann hätte ich noch ein paar Jährchen vor mir.“ Der Italiener steht mit 43 Jahren wieder bei Juventus Turin unter Vertrag.

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Wiegers hat in Dresden sein privates Glück gefunden, seine Frau Stephanie brachte im September 2019 Töchterchen Lia auf die Welt. Deshalb kann er sich auch vorstellen, nach der Karriere bei Dynamo zu arbeiten, „sei es als Torwart-Trainer oder Finanzminister“, aber: „Das ist noch eine Weile hin.“

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