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Dynamos Torwart: "Wir lassen uns nicht verrückt machen"

Wie Kevin Broll über die Dämpfer trotz seiner Paraden, die defensive Stabilität und die Systemfrage denkt - darüber spricht er im exklusiven Interview.

Dynamos starker Rückhalt: Torwart Kevin Broll.
Dynamos starker Rückhalt: Torwart Kevin Broll. ©  dpa/Robert Michael

Dresden. Seit dem Sommer 2019 ist Kevin Broll bei Dynamo und mit den Dresdnern einmal ab- und gleich wieder aufgestiegen. In der vorigen Saison hat der Torwart in insgesamt 19 Liga-Spielen keinen Gegentreffer kassiert und ist auch in der zweiten Liga bislang wieder ein starker Rückhalt. Wer also könnte besser über die zuletzt mangelhafte Stabilität in der Defensive sprechen? Der 26 Jahre alte Broll hat dazu, wie auch sonst, eine klare Meinung.

Kevin Broll, sie haben mit Dynamo schon einiges erlebt. Wie beurteilen Sie die jetzige Situation?

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Wir haben aus den ersten vier Spielen zehn Punkte geholt, jetzt die zweite Niederlage in Folge einstecken müssen. Das gehört dazu, und wir sollten als Aufsteiger bescheiden und demütig bleiben. Wir stehen trotzdem noch auf Tabellenplatz vier, das ist nicht selbstverständlich.

Also kein Grund zur Sorge?

Nein, auf gar keinen Fall.

Hat sich die Stimmung in der Mannschaft nach den Niederlagen verändert?

Das war ein kleiner Dämpfer. Natürlich war danach eine gewisse Niedergeschlagenheit zu spüren, weil es einfach so ein Lucky Punch von Heidenheim war, aber wirklich nur kurz. Wir haben uns alle angeguckt, mussten das erst einmal verdauen. Man wünscht es keinem, in letzter Sekunde so einen Nackenschlag zu bekommen, weil das ein ekelhaftes Gefühl ist. Trotzdem haben wir uns kurz geschüttelt, waren duschen, und dann gingen die Mundwinkel auch wieder nach oben.

Sie haben in Heidenheim mit einigen Paraden weitere Gegentreffer verhindert, was in der Bewertung etwas untergegangen ist. Wie sehr ärgert Sie das?

Ich versuche, der Mannschaft zu helfen, so gut ich es kann, bin mit 120 Prozent dabei. Wie die Tore passiert sind, ist sicher ärgerlich. Beim ersten sitzt der Schuss super: Innenpfosten und rein. Davor der Fehler im Aufbauspiel kann passieren. Das sieht man sogar in der Champions League, wo Young Boys Bern nach einem Fehlpass von Jesse Lingard, ein sehr guter Spieler von Manchester United, in der Nachspielzeit den Siegtreffer erzielt. Beim zweiten fehlt uns einfach das Spielglück: Kopfball an den Pfosten, genau zum Heidenheimer geprallt. Ansonsten wären wir mit dem Punkt nach Hause gefahren.

Noch mal zu Ihren Paraden: Wie bitter ist es, wenn Sie als Torwart ein gutes Spiel machen, es aber nicht für ein Erfolgserlebnis reicht?

Das ärgert mich für die Mannschaft und nicht für mich persönlich. Ja, es ist frustrierend gewesen, vor allem, wie es passiert ist. Das war eine bittere Pille, kann passieren.

Der Schuss sitzt perfekt: Beim Tor zum 1:0 für Heidenheim durch Tobias Mohr (l.) hat auch Dynamos Torwart Kevin Broll keine Abwehrchance.
Der Schuss sitzt perfekt: Beim Tor zum 1:0 für Heidenheim durch Tobias Mohr (l.) hat auch Dynamos Torwart Kevin Broll keine Abwehrchance. © dpa/Stefan Puchner

Der Druck von Heidenheim wurde immer größer. Haben Sie es im wahrsten Sinne kommen sehen?

Ich hatte trotzdem das Gefühl, dass wir es gut verteidigen, weil wir sehr gut zusammengestanden, alles weggehauen und uns in die Bälle geschmissen haben. Natürlich sind die Flanken und Ecken von links und rechts reingeflogen, aber die Jungs haben einen super Job gemacht. Am Ende ist es doch wirklich ein Glückstreffer.

Ist mit der Verletzung von Tim Knipping, der nach Kreuzbandriss ausfällt, ein bisschen die Stabilität verloren gegangen?

Nein, das würde ich nicht sagen. Wir haben gute Jungs, die absolut willig sind und das Können haben, in der zweiten Liga zu bestehen. Tim war ein sehr großer Rückhalt für uns, hat in der Aufstiegssaison fast alle Spiele gemacht. Es ist sehr schade, dass er sich so schwer verletzt hat. Das hat uns in dem Moment wirklich mitgenommen, aber wir kämpfen für ihn, sind als Mannschaft für ihn da und hoffen, dass er so schnell wie möglich zurückkommt.

Wie wichtig sind Automatismen für die Defensive allgemein und für Sie als Torwart speziell?

Wir haben jedes Mal eine Woche Zeit, um uns auf den Gegner einzustellen. Trotzdem kommt es auf die Szenen im Spiel an, in denen man selbst gute Entscheidungen treffen muss. Im Training kann man nicht alles simulieren, weil die Spieler der anderen Mannschaften andere Qualitäten haben und sich auch auf uns einstellen. Aber man kann nicht sagen, uns würden Automatismen fehlen.

Trotzdem wird diskutiert, warum der Trainer mehrfach von Dreier- auf Viererkette oder umgekehrt umgestellt hat. Was ändert sich für Sie als Torwart dadurch?

Man legt sich nach der Gegner-Analyse ein System zurecht, von dem man überzeugt ist, dass es am besten passt. Der Trainer gibt uns das vor, wir versuchen es umzusetzen.

"Im defensiven Spiel müssen wir wieder abgeklärter und abgezockter sein", sagt Dynamos Torwart Kevin Broll (l.). Dafür soll auch Verteidiger Michael Sollbauer sorgen.
"Im defensiven Spiel müssen wir wieder abgeklärter und abgezockter sein", sagt Dynamos Torwart Kevin Broll (l.). Dafür soll auch Verteidiger Michael Sollbauer sorgen. ©  dpa/Robert Michael

Wenn ich frage, was Ihnen lieber ist, erhalte ich vermutlich keine Antwort …

Richtig. Wir könnten lange diskutieren, ob Dreier-, Vierer- oder Fünferkette. Das kann man zwar schnell auf ein Blatt Papier schreiben, aber das Spiel ist so dynamisch, dass es sich von einem Moment auf den anderen verschieben kann. Das ist nicht so starr, wie es teilweise von außen gesehen wird. Deswegen lassen wir uns nicht verrückt machen. Der Trainer hat eine Philosophie und alles, was er sagt, hat Hand und Fuß. Das müssen wir auf den Platz bringen, dort werden die Entscheidungen getroffen. Eine Millisekunde entscheidet, ob du den Ball kriegst oder nicht. Du musst jederzeit voll da sein.

Sie müssen als Torwart auch mit Fehlern umgehen können. Welche Tipps geben Sie denen, die zuletzt gepatzt haben wie Kapitän Sebastian Mai vor dem 0:1 in Heidenheim?

Basti ist ein bisschen älter als ich, hat ein paar Spiele mehr gemacht und wird in seiner Karriere schon ein paar Fehlpässe gespielt haben, wie ich auch. Das wird ihn nicht aus der Bahn werfen. Ich brauche ihm keine Tipps zu geben, ich bin nicht sein Lehrer, sondern sein Mitspieler und werde ihm immer den Rücken stärken.

Er sagte in seiner Analyse, Dynamo müsse wieder mutiger Fußball spielen. Wie sehen Sie das?

Ja, damit hat er absolut recht. Wir brauchen die richtige Mischung: Mutig sein, aber nicht zu viel Risiko eingehen. Im defensiven Spiel müssen wir wieder abgeklärter und abgezockter sein, den Ball mal ruhig in unseren Reihen halten. Ich denke, das meint er: Von hinten heraus weiter Fußball spielen und uns nicht von einer Lappalie aus der Bahn werfen lassen.

Trainer Alexander Schmidt sagte in der Sendung „Doppelpass“ bei Sport 1, beim Spiel in Darmstadt am Sonntag soll hinten wieder die Null stehen. Wie kann das funktionieren?

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So blöd das klingt, und dafür gibt‘s auch einen Euro ins Phrasenschwein: Indem wir 90 Minuten oder länger, bis der Schiedsrichter abpfeift, konsequent Fußball spielen, defensiv gut arbeiten und vorn den Ball über die Linie bugsieren. Dafür haben wir das gesunde Selbstvertrauen, denn mit 10:7 Toren nach sechs Partien sind wir immer noch im Plus. Das ist doch Grund genug, mit einer breiten Brust aufzutreten und zu gucken, wie wir das Spiel nach vorn wieder so amüsant wie möglich machen können.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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