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Was Dynamos Torwart zu seiner glorreichen Sieben sagt

Kevin Broll legt mit den Dresdnern eine beachtliche Zu-Null-Serie hin – aber etwas anderes ist ihm wichtiger als ein Vereinsrekord.

Strahlemann: Dynamos Zu-null-Torwart Kevin Broll.
Strahlemann: Dynamos Zu-null-Torwart Kevin Broll. © Lutz Hentschel

Dresden. Die Zahl hat er als Randnotiz wahrgenommen, sagt Kevin Broll. „Das kriegst du schon mal mit, auch von Familie und Freunden.“ Aber Dynamos Torwart selbst ist keiner, der die Minuten zählt. Seit 642 hat er in der Liga kein Gegentor mehr kassiert, seit sieben Spielen steht bei ihm und den Dresdnern saisonübergreifend hinten die Null. Das ist eine rekordverdächtige Bilanz, zumindest hat es das bei der SGD schon sehr lange nicht mehr gegeben.

Zuletzt war Ignjac Kresic im Herbst 2001 und im Frühjahr 2002 je sechs Spiele unüberwindbar. Allerdings in der viertklassigen Amateuroberliga, als die Gegner – bei allem Respekt – VfB Zittau, SV Braunsbedra oder FV Dresden-Nord hießen.

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Jetzt ist Dynamo zurückgekehrt in die zweite Liga und mit dem 3:0-Sieg gegen Mitaufsteiger FC Ingolstadt perfekt in die neue Saison gestartet. Broll hatte kaum etwas zu tun, konnte das Spiel genießen. „Wir hatten einen sehr guten Plan, der voll aufgegangen ist“, sagt der 25 Jahre alte Schlussmann, der seine beachtliche Quote als Ergebnis der Mannschaftsleistung sieht. „Natürlich bin ich dafür da, die Chancen auszubügeln, die meine Vorderleute nicht verhindern können“, sagt er. „Dafür trainiere ich hart, darauf konzentriere ich mich. Deshalb ist das, was am Wochenende war, für mich schon wieder passé.“

"Man muss die Kirche im Dorf lassen"

Überhaupt mag er das Spiel mit den Zahlen nicht wirklich. „Auf solche Serien gebe ich nichts“, sagt Broll, stattdessen relativiert er: „Man muss die Kirche im Dorf lassen. Es war eine gute Serie, die wir in der 3. Liga hingelegt haben. Aber jetzt sind wir in der wohl stärksten zweiten Liga der Geschichte mit sehr viel mehr Qualität bei den Mannschaften wie den Einzelspielern. Und wir sind ein Aufsteiger.“

Nach dem Aufstieg im Mai feiern Dynamos Spieler um Torwart Kevin Broll (M).
Nach dem Aufstieg im Mai feiern Dynamos Spieler um Torwart Kevin Broll (M). © dpa/Robert Michael

Auch das ist ein Grund, weshalb er seine glorreiche Sieben nicht überbewerten möchte. „Serien sind meist dazu da, um sie brechen zu können – und sie werden gebrochen.“ So war es schließlich auch bei Kresic oder zuvor Claus Boden. Der hatte es in Dynamos Meistersaison 1975/76 auch auf sechs Zu-null-Spiele hintereinander gebracht.

Vereinsrekordhalter in dieser Kategorie ist aber einer, der weniger bekannt sein dürfte. Peter Meyer blieb in der DDR-Liga 1968/69 zunächst sechsmal in Folge ohne Gegentor, bevor er sich verletzte. Danach kehrte Meyer ins Dresdner Tor zurück und blieb vom 16. bis 27. Spieltag unbezwungen, also zwölf Partien am Stück. Dynamo stieg in die Oberliga auf, es begann die erfolgreichste Zeit. Meyer war aber nicht mehr lange dabei.

Er gehörte zu jenem Quartett, dass nach dem Europapokalspiel bei Ajax in Amsterdam am 15. September 1971 in der Piccadilly-Bar gefeiert hatte. Während Dieter Riedel, Eduard Geyer und Frank Ganzera gegen drei Uhr nachts mit dem Taxi am Mannschaftshotel vorfuhren, meldete sich Meyer erst drei Stunden später zurück. „Die dachten, ich bin abgehauen“, erinnerte er sich in einem Gespräch mit der SZ.

"Wir haben einfach einen gesoffen"

Er war noch mit Ajax-Profi Horst Blankenburg unterwegs, der aus Heidenheim stammte, um einen Absacker zu nehmen. "Wir haben einfach einen gesoffen", erzählte Meyer. Danach wurde er für die DDR-Oberliga gesperrt, sein Aus bei Dynamo.

Peter Meyer (vorn 5. v. l.) gehörte zu Dynamos Aufstiegsmannschaft 1968/69 - in der Saison blieb er erst sechs und dann noch mal zwölf Spiele ohne Gegentor.
Peter Meyer (vorn 5. v. l.) gehörte zu Dynamos Aufstiegsmannschaft 1968/69 - in der Saison blieb er erst sechs und dann noch mal zwölf Spiele ohne Gegentor. © privat

Kevin Broll kam im Sommer 2019 aus Großaspach nach Dresden, ist nach dem Abstieg 2020 geblieben und hat seinen wichtigen Anteil am Aufstieg 2021. Er ist nicht erst durch die Sieben-Spiele-Null ein Leistungsträger, hat sich in den gut zwei Jahren zu einer Führungspersönlichkeit entwickelt. Seine Einstellung: „Wenn man sich zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, kann das tödlich sein, weil du nicht zu 100 Prozent bei der Sache bist oder du dich zu schnell über etwas aufregst. Ich denke, dass ich nun eine gute Balance gefunden habe zwischen der Ruhepol zu sein und mal dazwischen zu hauen.“

Letzteres war zuletzt nicht nötig, was wiederum ein Grund für die Null-Serie ist. „Wenn die Kommunikation passt, das eine Rad ins andere greift, gibt das der Mannschaft Sicherheit“, erklärt Broll – und beschreibt das lange nicht mehr erlebte Gegenteil: „Wenn es hinten wackelt, denkt man sich: Oh, oh, oh – das kann ein blödes Ding werden heute.“ Beim Hamburger SV wird es am Sonntag auf jeden Fall eine schwierige Aufgabe, die Null zu verteidigen. Der Broll-Plan: „Geduld bewahren gegen eine spielstarke Truppe, gemeinsam verteidigen, abblocken, abwehren, festhalten, uns zerreißen.“

Den Rekord von Meyer hat er dabei sicher nicht im Kopf, auch wenn er zugibt: „Als Torwart willst du am liebsten jedes Spiel zu Null spielen.“ Aber im Vordergrund stünden die mannschaftliche Leistung und die Punkte. „Darauf muss man den vollen Fokus legen und nicht auf das, was vor 60 Jahren passiert ist.“

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