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„Das Beste ist es, so eine Wunde verheilen zu lassen“

Markus Kauczinski lag mit Dynamo lange auf Aufstiegskurs, doch kurz vor dem Ziel wurde der Trainer beurlaubt. Im ausführlichen Interview blickt er zurück.

Markus Kauczinski hatte bei Dynamo nicht nur zu lachen, seine Zeit als Trainer war eine besonders schwierige.
Markus Kauczinski hatte bei Dynamo nicht nur zu lachen, seine Zeit als Trainer war eine besonders schwierige. ©  dpa/Robert Michael

Was die Dauer seiner Amtszeit bei Dynamo Dresden betrifft, liegt Markus Kauczinski ziemlich genau im Nachwende-Durchschnitt: 16 Monate und 15 Tage amtierte der 51 Jahre alte Fußball-Lehrer aus Gelsenkirchen bei den Schwarz-Gelben, es war eine besonders intensive Zeit mit der Corona-Pandemie, dem Aufstieg und dem Neustart. Den durfte er jedoch nicht vollenden, sondern wurde am 25. April nach vier sieg- und torlosen Spielen beurlaubt. Jetzt hat er im Interview mit der SZ darüber gesprochen – exklusiv und ausnahmsweise.

Herr Kauczinski, wie haben Sie den Aufstieg von Dynamo erlebt?

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Vor dem Fernseher. Ich habe die Konferenz geschaut, aber keine Bilder mehr im Kopf.

Wollten Sie es nicht bewusst verfolgen, weil die Wunde nach der Trennung noch zu tief war?

Ja, dafür war es zu frisch. Es tut dann weh, ein ganzes Spiel alleine zu gucken. Natürlich wollte ich wissen, wie es zu Ende geht.

Ihr Nachfolger Alexander Schmidt hat Ihren Anteil am Aufstieg hervorgehoben. Fühlen Sie sich mit aufgestiegen?

Nein, es fühlt sich nicht so an, auch wenn nur sechs Spiele gefehlt haben. Was ist das? Ein Fünf-Sechstel-Aufstieg? Ehrlich gesagt, dafür habe ich mich nicht gefeiert.

Sie hatten mit der Mannschaft vier Spiele nicht gewonnen, waren dabei torlos geblieben. Haben Sie als erfahrener Trainer damit gerechnet, dass Sie nach der zudem enttäuschenden Leistung beim 0:3 gegen Halle als Tiefpunkt entlassen werden?

Es hat mich nicht überrascht. Was die Auftritte betrifft, waren die bei den beiden Niederlagen in Unterhaching und eben gegen Halle wirklich schlecht. Davor hatten wir aber bei 1860 München ein gutes Spiel gemacht und unglücklich in der 85. Minute verloren. Beim 0:0 gegen Rostock im Spitzenspiel habe ich auch keine verunsicherte Mannschaft gesehen. Keine Ahnung. Ich habe in meiner Trainer-Karriere schon öfter zweimal in Folge verloren und bin nicht jedes Mal entlassen worden.

Sie waren enttäuscht …

Das will ich so gar nicht sagen, Jeder hat seine Verantwortung, der Verein muss seine Entscheidung treffen. Die beiden Spiele waren schlecht, ja, okay.

Sportgeschäftsführer Ralf Becker hat gesagt, er habe Ihnen bereits Anfang des Jahres die Vertragsverlängerung für die zweite Liga angeboten und Sie haben das abgelehnt. Warum?

Das war ein erstes Gespräch, in dem der Verein das tatsächlich angeboten hat. Aber im Februar ist vieles offen, man weiß nicht, was passiert. Da waren wir unterschiedlicher Auffassung, dann ist es auch in Ordnung, wenn man das so stehenlässt.

Also kein weiterer Kommentar dazu?

Genau.

Am 10. Dezember 2019 wird Markus Kauczinski (l.) bei Dynamo als neuer Cheftrainer vorgestellt. Sportgeschäftsführer Ralf Minge hat dem Schalker sein Dresden schmackhaft gemacht.
Am 10. Dezember 2019 wird Markus Kauczinski (l.) bei Dynamo als neuer Cheftrainer vorgestellt. Sportgeschäftsführer Ralf Minge hat dem Schalker sein Dresden schmackhaft gemacht. ©  dpa/Sebastian Kahnert

Sie haben im Dezember 2019 zugesagt, obwohl Dynamo schier aussichtslos auf dem letzten Platz Liga zwei stand. Warum haben Sie sich das angetan?

Ich bin ein Überzeugungstäter. Ralf Minge hat mich im Gespräch überzeugt, dass es sich lohnt, bei seinem Dynamo Dresden zu arbeiten. Es war letztlich ein Gefühl: Ich habe Bock darauf, ich kann etwas verändern, es ist von außen betrachtet ein toller Verein, den willst du kennenlernen. Das war eine Bauchentscheidung, die ich nie bereut habe. Ich würde es wieder so tun.

Sie haben vom Corona-Gedöns gesprochen und die Quarantäne vor dem Re-Start im Mai 2020 gemeint. Wie entscheidend war das dafür, dass es mit dem Klassenerhalt nicht geklappt hat?

Es bringt nichts, dem nachzuhängen, weil es sich nicht mehr ändern lässt. Ich kann damit umgehen, andere hatten auch Corona-Probleme. Uns hat es wirklich heftig getroffen, wir hatten sieben Wochen kein Mannschaftstraining. Ich denke, das war ein besonders schwerer Fall, aber es trifft einen manchmal im Leben. Und uns hat es hart getroffen. Das schleppe ich aber nicht mehr mit mir rum und erzähle abends in der Runde: Mensch, wäre das anders gelaufen … Das bringt nichts. Es war auch eine Chance, etwas Neues anzufangen.

Das haben Sie gemeinsam mit Sportgeschäftsführer Ralf Becker sofort umgesetzt und binnen zwei Wochen 17 neue Spieler geholt, wie Sie mal sagten …

Ja, etwa so viel. Es können auch 16 in drei Wochen gewesen sein.

Wie schafft man das?

Wir waren von den Spielern überzeugt, das merken sie auch. Zudem ist Dynamo ein interessanter Verein, zumal mit dem Anspruch, möglichst schnell wieder hochzukommen. So haben wir uns an die Arbeit gemacht.

Ist das für Sie als Trainer eine besonders schöne Aufgabe, einen Kader nach Ihren Vorstellungen zusammenstellen zu können?

So ein Neuanfang hat schon etwas, ich hatte das schon mal beim Karlsruher SC. Man hat Einfluss, kann das verändern, was einen vielleicht gestört hat. Das ist ein Reiz.

Sportgeschäftsführer Ralf Becker (r.) trifft Ende April die Entscheidung: Trainer Markus Kauczinski muss bei Dynamo gehen.
Sportgeschäftsführer Ralf Becker (r.) trifft Ende April die Entscheidung: Trainer Markus Kauczinski muss bei Dynamo gehen. © Lutz Hentschel

Waren Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Natürlich. Wir hatten am Anfang ein paar Findungsschwierigkeiten, was nach einem solchen Umbruch völlig normal ist. Dann hatten wir im Herbst die Serie mit sieben Siegen und einem Unentschieden, standen wie viele Wochen auf Platz eins?

Seit dem 15. Spieltag Mitte Dezember.

Und wir waren nur von der Spitze gerutscht, weil wir wegen Corona zwei Nachholspiele hatten, waren also nicht etwa abgeschlagen. Wir hatten viele tolle Spiele, an die ich mich gerne erinnere: Hamburg zum Auftakt, nach der Winterpause das 4:3 gegen Kaiserslautern oder das 4:0 gegen Ingolstadt. Das war auch toller Fußball.

War das Pokalspiel gegen den Hamburger SV ein Einstand nach Maß?

Das war der Hammer! Trotz Corona vor 10.000 Zuschauern, man weiß, dass alle gespannt sind auf die neue Mannschaft. Das war ein besonderes Spiel.

Mit Panagiotis Vlachodimos ist in dem Spiel einer positiv aufgefallen, der bei Ihnen später keine Rolle mehr gespielt hat. Können Sie das aus Trainersicht erklären?

Das ist das Los als Trainer: Du musst dich für einen entscheiden – und damit gegen einen anderen. Diese Einzelschicksale sind nicht schön, aber es geht nicht anders. Zudem war der Erfolg da, es gab wenig Argumente, etwas zu verändern.

Was trauen Sie Dynamo in der zweiten Liga zu?

Als Aufsteiger hat man eine gewisse Euphorie und Vorfreude, auch ein Selbstverständnis. Wenn es Corona zulässt, dass vor Zuschauern gespielt werden kann, wäre das noch mal ein Faustpfand gerade zu Hause. Es gibt sicher sechs, sieben Top-Mannschaften, obwohl man das erst einmal abwarten muss, weil sie erst ihre Kader zusammenstellen. Dahinter ist es sehr ausgeglichen. Dynamo kann mit Geschlossenheit, den Fans und dem richtigen Spirit eine gute Rolle spielen. Es geht erst einmal um den Klassenerhalt, den traue ich der Mannschaft absolut zu.

Ihr Heimat- und Herzensverein – kann man das so sagen für Schalke 04?

Ja, ich bin dort geboren. Das wird immer so sein.

Wie beurteilen Sie den Abstieg?

Ich habe noch viele Freunde, die auch ins Stadion gehen, wenn es möglich ist. Wirklich glauben konnte es keiner. So lange es rechnerisch möglich war, haben alle gehofft: Das packen sie schon irgendwie. Aber man hat gesehen, dass diese Mannschaft nicht die Power und die Qualität hat, da raus zu kommen. Von Tradition kann man sich nichts kaufen, es kann jeden erwischen. Dafür ist Schalke genauso ein Beispiel wie Werder Bremen.

Abfahrt für immer: Markus Kauczinski verlässt am Sonntag, dem 26. April 2021, um kurz nach 11 Uhr das Dynamo-Trainingsgelände. Der Verein hat den Cheftrainer beurlaubt.
Abfahrt für immer: Markus Kauczinski verlässt am Sonntag, dem 26. April 2021, um kurz nach 11 Uhr das Dynamo-Trainingsgelände. Der Verein hat den Cheftrainer beurlaubt. © Lutz Hentschel

Sie wurden auch mal mit Schalke in Verbindung gebracht. Wo geht es hin?

Es gab hier und da Gespräche, aber nichts, wo man sich gegenseitig entzündet hat. Ich bin offen und gelassen, um zu schauen, was passiert. Das kann im Inland oder Ausland sein, wenn man das Gefühl hat, das passt. Dann starte ich wieder. Ich bin nicht müde oder ausgelaugt.

Angeblich waren Sie Kandidat bei Eintracht Braunschweig oder ist das nur ein mediales Spiel, dass alle Trainer genannt werden, die gerade frei sind?

Teils, teils. Manchmal ist etwas dran, manchmal gar nichts. Aber ich kommentiere nicht einzelne Vereine. Meist ist man intensiv im Gespräch und keiner weiß es.

Könnte es schnell gehen?

Ja, das ist meine Erfahrung. Wie war das mit Ralf Minge und Dresden? Ein Anruf, ich bin losgefahren, am nächsten Morgen haben wir uns getroffen und waren uns schnell einig. Mit Sportchef Uwe Stöver beim FC St. Pauli vorher genauso.

Fahren Sie trotzdem in den Urlaub?

Wir haben noch nichts geplant, wollen erst die Impfung durch haben. Dann machen wir etwas spontan. Ich genieße die Zeit zu Hause, die ich nutze, um etwas runterzukommen und die Dinge hinter mir zu lassen.

Haben Sie mit Dynamo gedanklich abgeschlossen?

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Markus Kauczinski hat die Dresdner durch eine schwierige Zeit und auf den Weg zurück in die zweite Liga geführt. Seinem Nachfolger wünscht er weiter viel Erfolg.

Ja, schon. Das muss man. Ich halte mich auf dem Laufenden wie bei allen Vereinen, was es neues gibt, was auf dem Transfermarkt los ist. Das ist mein Tagesgeschäft, aber ansonsten ist es das Beste, so eine Wunde erst einmal verheilen zu lassen. Solche Interviews reißen auch wieder etwas auf, deshalb ist das eine Ausnahme. Es geht weiter, der Blick nach vorne. Dabei hilft es nicht, ständig über die Vergangenheit zu reden.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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