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Jetzt stellt der Dynamo-Trainer die Fragen

Rollentausch: Normalerweise interviewt SZ-Sportredakteur Sven Geisler Trainer Markus Kauczinski. Hier ist es umgekehrt.

Treffpunkt Mittelkreis: Dynamo-Trainer Markus Kauczinski (r.) interviewt SZ-Sportredakteur Sven Geisler im Rudolf-Harbig-Stadion.
Treffpunkt Mittelkreis: Dynamo-Trainer Markus Kauczinski (r.) interviewt SZ-Sportredakteur Sven Geisler im Rudolf-Harbig-Stadion. ©  Ronald Bonss

Dresden. Wir treffen uns im Mittelpunkt von Dresden, so nennt Markus Kauczinski den Platz auf dem Rasen im Rudolf-Harbig-Stadion. Bei Sonnenschein hat der Greenkeeper sein Okay gegeben und zwei Stühle hingestellt für dieses Treffen, das nicht nur wegen des Ortes ein besonderes ist. Sonst stellt SZ-Sportredakteur Sven Geisler die Fragen Dynamos Cheftrainer, wegen der Corona-Pandemie derzeit meist in einem WhatsApp-Chat. Diesmal aber führt Kauczinski das Interview (vor Ostern und den Spielen gegen Rostock/0:0 und in Unterhaching/0:2 - Anm. d. Red.). Und er hat sich akribisch vorbereitet.

Herr Geisler, wie ist die aktuelle Inzidenzzahl in Dresden?

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Dresden braucht starke und innovative Unternehmen, wie das Autohaus Dresden. Der Opelhändler ist seit über 25 Jahren tief mit der Region verwurzelt.

Oh, da erwischen Sie mich gleich auf dem falschen Fuß. Auf jeden Fall zu hoch.

Sind Sie eher Aluhut-Träger, politikverdrossen oder liberal?

Aluhut-Träger überhaupt nicht, aber inzwischen ein wenig politikverdrossen. Es gab viele Entscheidungen, die ich nicht nachvollziehen kann, vor allem, weil sie oft widersprüchlich sind. Wenn ich das Hickhack um Astrazeneca erlebe. Meine Frau hat die erste Impfung damit erhalten, jetzt gehört sie plötzlich zur Risikogruppe für die Thrombosen. Das nervt. Aber ich möchte derzeit auch kein Politiker sein und Entscheidungen treffen müssen, die so schwerwiegend sind für das Land, die Wirtschaft, für das gesellschaftliche Zusammenleben. Wir haben das alle noch nie erlebt. Deshalb bin ich eher nachsichtig.

Was hat Sie in dem Jahr im Job am meisten wegen Corona genervt?

Die Quarantäne für Dynamo. Weil damit absehbar war, dass es für den Klassenerhalt sehr schwierig wird. Eigentlich wusste man: Das kann nicht funktionieren. Leider war es dann so. Niemand will absteigen – auch der Journalist nicht.

Markus Kauczinski, 51 Jahre, geboren in Gelsenkirchen. Seit 10. Dezember 2019 ist er Cheftrainer bei Dynamo Dresden. Nachdem die Mannschaft den Abstieg in der vergangenen Saison auch wegen der Corona-Quarantäne nicht verhindern konnte, ist sie nun in der
Markus Kauczinski, 51 Jahre, geboren in Gelsenkirchen. Seit 10. Dezember 2019 ist er Cheftrainer bei Dynamo Dresden. Nachdem die Mannschaft den Abstieg in der vergangenen Saison auch wegen der Corona-Quarantäne nicht verhindern konnte, ist sie nun in der ©  Ronald Bonss

Sind Sie mehr Fan oder wie wahren Sie den Abstand?

Als Fan würde ich mich auf keinen Fall bezeichnen, aber welche Nähe man als Journalist aufbaut, hat mit Personen zu tun und damit, wie sehr man sich mit dem Auftreten der Mannschaft identifizieren kann. Als Beispiel: Die Truppe um Trainer Christoph Franke, die 2002 in die Regionalliga und 2004 in die zweite Liga aufgestiegen ist, war einfach sensationell. Es war aber eine andere Zeit, viel offener für Medien. Damals hat man sich auch mal mit einem Spieler auf einen Kaffee getroffen und drei Stunden gequatscht. Trotzdem kann man sich den kritischen Blick bewahren und Themen recherchieren, die Leuten im Verein wehtun.

Wir springen in den Jahrzehnten, daran merkt man, dass Sie schon lange im Geschäft sind. Wie viele Spiele und Trainer haben Sie bei Dynamo bisher begleitet?

Die Spiele sind schwer zu schätzen, vielleicht 500 live im Stadion. Sie sind der 20. Trainer, Interimslösungen mitgezählt, einer war zweimal da.

Wer war das?

Peter Pacult. Der Österreicher kam im Dezember 2005 für Franke, verpasste unglücklich den Klassenerhalt. Den hat er dann 2012 geschafft. Der Abgang war beide Male unschön. Erst hat er sich mit einer Ablöse freigekauft um zu Rapid Wien zu wechseln, dann wurde er im Aufsichtsrat demontiert und hatte in der nächsten Saison keine Chance.

Wenn man das alles weiß, schreibt man ein Buch …

Ja, an fünf war ich bisher beteiligt. Es begann zum 50. Vereinsjubiläum mit einer Serie zur Geschichte in der Zeitung. Unser damaliger Chefredakteur meinte: Daraus müssen wir mehr machen. Also haben mein Kollege Jürgen Schwarz und ich Fotos besorgt, noch mehr Statistiken zusammengetragen und das in ein Buch gepackt.

Ging es in allen Büchern um Dynamo?

Ja, eins speziell über den Wettskandal von 2004/05, als Dynamo plötzlich im Zentrum der Berichterstattung stand. Dabei geriet mit Volker Oppitz auch ein Spieler unter Verdacht, inklusive Hausdurchsuchung, bei dem man sich sicher sein konnte, er hat damit nichts zu tun. Mit ihm gemeinsam habe ich seine Geschichte aufgeschrieben, in der auch der DFB eine unrühmliche Rolle gespielt und ihm sogar mit dem Karriereende gedroht hatte.

Lohnt es sich, Bücher zu schreiben?

Für den Autoren weniger, wenn man den Aufwand nach Geld abrechnen würde.

Also Leidenschaft?

Es ist für mich eine Möglichkeit, Geschichte nachzuarbeiten und interessante Menschen mit ihren Erfahrungen kennenzulernen. Die Bundesliga-Zeit, von der das jüngste Buch „Dynamos vergessene Helden“ handelt, habe ich nur aus dem Augenwinkel mitbekommen, weil ich nach dem Studium gerade den Berufseinstieg bei einer neugegründeten Zeitung in Hoyerswerda schaffen musste. Da floss unheimlich viel Energie und Zeit rein.

Sie haben es von der Pike auf gelernt?

Ich habe in Leipzig Journalistik studiert.

Und die Spezialisierung auf Sport?

Hätte ich in der DDR nicht bekommen. Damals wurde man von einer Zeitung zum Studium delegiert, ich war von der Lausitzer Rundschau eigentlich für Wirtschaft vorgesehen, konnte aber meinen Wunsch Außenpolitik durchsetzen. Dann kam die Wende – und das war hinfällig.

Sie haben jahrelang auch von Länderspielen und Weltmeisterschaften berichtet. Wie blicken Sie heute auf die Nationalmannschaft?

Kritisch.

Woran machen Sie das fest?

Weniger an der spielerischen Leistung, auch wenn die zuletzt oft unbefriedigend war, vielmehr an der Außenwirkung. Und am Trainer, der nach der WM 2018 hätte zurücktreten müssen. Was ich ihm anlaste: In der Nationalelf müssen die Besten spielen. Ich weiß nicht, wie lange Sie als Vereinstrainer im Amt wären, wenn Sie drei gute Spieler nicht mehr berücksichtigen.

Aber alle haben nach dem Neuaufbau geschrien, jetzt fragen alle: Warum lässt er nicht die Alten spielen?

Neuaufbau ist gut und schön. Wenn man jüngere Spieler hat, die mindestens gleichwertig sind, sollte man sie spielen lassen, man sollte sie in bestimmten Spielen auch ranführen. Aber wenn wir von Hummels, Müller und mit Einschränkungen Boateng reden, sind das für mich Bauernopfer. Die Mannschaft braucht eine Struktur, eine Spielidee – und beides kann ich derzeit nicht erkennen.

Wer ist der richtige Nachfolger?

Wenn ich jetzt Markus Kauczinski sage …

(lacht herzhaft) Ich habe hier noch eine Mission zu erfüllen. Scholle (Co-Trainer Heiko Scholz/Anm. d. Red) hat auch gesagt, er hätte die alte DDR-Mannschaft trainiert, aber jetzt stehe er nicht zur Verfügung.

Es ist wirklich eine schwierige Frage. Rangnick, glaube ich, passt nicht ins System und würde beim DFB an zu vielen Ecken und Kanten scheitern. Klopp würde es nicht leben, er braucht die tägliche Arbeit mit der Mannschaft. So viele Trainer, die eine gewisse Reputation haben, sind gerade nicht präsent. Ich halte Stefan Kuntz nicht für die schlechteste Variante. Vermutlich wird es aber Hansi Flick – und damit die Fortsetzung der Löw-Ära unter anderem Namen.

Sven Geisler, 54 Jahre, ist seit November 1999 in der Sportredaktion der Sächsischen Zeitung und berichtet vor allem von Dynamo Dresden. Vorher hat der in Hoyerswerda geborene Diplom-Journalist als Reporter beim Hoyerswerdaer Tageblatt, als verantwortlich
Sven Geisler, 54 Jahre, ist seit November 1999 in der Sportredaktion der Sächsischen Zeitung und berichtet vor allem von Dynamo Dresden. Vorher hat der in Hoyerswerda geborene Diplom-Journalist als Reporter beim Hoyerswerdaer Tageblatt, als verantwortlich ©  Ronald Bonss

Sie lassen sich gern beschimpfen. Oder wieso wird man sonst Schiedsrichter?

Nein, ich wollte meinem Verein Turbine Lauta helfen. Die erste Mannschaft spielte um den Aufstieg in die Bezirksklasse, aber es drohte ein Punktabzug, weil wir nicht genug Schiedsrichter hatten. Mein Vater hat mich gefragt, ob ich die Ausbildung machen würde. Ich war damals 13 – und es hat mir Spaß gemacht. Beschimpft zu werden weniger, das stimmt. Bei meinem ersten Spiel in der Bezirksklasse hatte ich so ziemlich alles falsch gemacht, hinterher kam ein älterer Herr zu mir und meinte, ich solle mehr Möhren essen, dann würde ich besser sehen. Das habe ich beherzigt.

Man braucht ein dickes Fell, oder?

Klar, aber es macht auch Spaß. Die schönsten Momente sind es, wenn man hinterher gesagt bekommt: Dich habe ich heute gar nicht gemerkt.

Ich weiß nicht, ob Schiedsrichter oft gelobt werden. Wahrscheinlich zu wenig, wenn ich an mich denke. Wie schätzen Sie die Schiedsrichter-Leistungen in der 3. Liga ein?

Sie sind 3. Liga – mit Ausreißern nach oben und unten wie bei jeder Mannschaft.

Als der Video-Assistent-Referee eingeführt wurde, hatte ich die Sorge, dass noch einer mehr drauf guckt und am Ende sagt: Tja, weiß ich auch nicht. Wie stehen Sie zum VAR?

Ich lehne ihn eigentlich ab.

Aus Traditionalismus?

Das ist für mich sicher der Hauptgrund. Meine Meinung: Torlinientechnik – und aus. Natürlich werden einige falsche Entscheidungen korrigiert, aber eben manchmal auch richtige zu falschen, wenn ich an das Tor von Patrick Schmidt für Dynamo gegen Darmstadt vorige Saison denke. Es wäre das 3:3 gewesen, und wer weiß … Und was ich in jedem Fall sage: Er greift zu oft ein, das Prinzip der klaren Fehlentscheidung wird dabei ignoriert.

Sind Sie in Ihrem Beruf immer online, 24/7 up to date?

Man muss sich in dem Job zwingen, nicht zu gucken, was es Neues gibt. Allerdings kommt von Dynamo oft noch spät eine wichtige Pressemitteilung, wenn man den Laptop gerade runtergefahren hat.

Ihre Familie toleriert das?

Sonst wäre es unmöglich. Ich bin sehr oft unterwegs, genau wie Sie an den Wochenenden. Die gemeinsame Zeit kann man nur bedingt nachholen, wenn ich in der Woche dann frei habe, weil meine Frau arbeiten ist, meine Tochter früher in der Schule war.

Ich bin ein Wessi im Osten. Was steckt in den Köpfen, wie sehen Sie den Ost-West-Konflikt zwischen den Menschen?

Ich glaube nicht, dass es ein Konflikt zwischen den Menschen ist. Mir persönlich ist es sowieso egal: Ost, West, Nord, Süd, Religion, Hautfarbe … Man muss gut miteinander kommunizieren können. Was dieses Zusammenwachsen aus meiner Sicht so schwierig macht und die Leute im Osten verärgert, ist das Gefühl, dass ihre Lebensleistung nach wie vor gering geschätzt wird. Man bekommt als ehemaliger DDR-Bürger vermittelt, sich entschuldigen zu müssen.

Woran machen Sie das fest?

Zum Beispiel die Kumpel in der Braunkohle. Ja, diese Art der Energieerzeugung ist schlecht für die Umwelt – aus heutiger Sicht. Damals gab es dazu hier keine Alternative, genauso, wie im Westen auf Steinkohle gesetzt wurde. Die Lausitz erlebt zum zweiten Mal einen knallharten Strukturwandel, wobei man das nicht mal so nennen kann, denn es kommt nicht wirklich etwas nach. Die Region wird runtergefahren, abgehängt. Wenn ich in meiner Heimat unterwegs bin, ist es erschreckend, was nicht mehr da ist. Man sollte anerkennen, dass die Leute im Osten nicht 40 Jahre geschlafen, sondern etwas geleistet haben, und das unter teils schwierigeren Bedingungen als im Westen. DDR lässt sich nicht auf Stasi und Mauertote reduzieren, so wichtig es ist, das aufzuarbeiten. Aber für die Masse der Menschen war das in ihrem Leben damals weniger relevant.

Starke Worte, kommen wir trotzdem zu Dynamo. Wie schätzen Sie die Mannschaft und das Aufstiegsrennen ein?

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