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Wie ein Trabi nach Dynamos Fanmarsch verschwindet

Das Fahrzeug führte den Aufzug in Karlsruhe an – und wurde danach beschlagnahmt. Jetzt soll es in ein Museum, das die DDR-Diktatur darstellt.

Ein Trabant Kübel führt den Marsch der Dynamo-Fans als Football Army im Mai 2017 in Karlsruhe an. Der Besitzer hat das Fahrzeug nie zurückbekommen.
Ein Trabant Kübel führt den Marsch der Dynamo-Fans als Football Army im Mai 2017 in Karlsruhe an. Der Besitzer hat das Fahrzeug nie zurückbekommen. © Worbser

Bei der Staatsanwaltschaft Karlsruhe sind sämtliche Ermittlungsverfahren abgeschlossen, für 44 Personen wurden Strafbefehle beantragt, einige Urteile stehen noch aus. Das ist der derzeitige Stand im juristischen Nachspiel, das auf den martialischen Auftritt von etwa 1.500 Dynamo-Fans am 14. Mai 2017 in Karlsruhe folgte. Damals war die selbst ernannte Football Army in Tarnkleidung, teilweise vermummt, zu Marschmusik mit Trommelwirbel und unter viel Feuer und Rauch von Pyrotechnik zum Stadion am Wildpark gezogen. Ihre Botschaft: „Krieg dem DFB!“

Für die Ultras Dynamo, die Initiatoren und Organisatoren, war es die Reaktion auf wiederholte Sanktionen durch das Sportgericht gegen die Fanszene, die Partie in Karlsruhe war kurz vorher zu einem Fast-Geisterspiel erklärt worden, Anhänger des KSC durften nicht ins Stadion. „Das Wort Krieg mag für manchen zu weit gehen“, hieß es damals in einer Stellungnahme der Ultras, aber: „Für uns ist dieser Ausdruck die Überspitzung, die es benötigt, damit unsere Situation wahrgenommen wird als das, was sie ist: ein Kampf!“

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Mit kriminellen Mitteln? Ein Verpflegungsstand wurde geplündert, laut Behördenangaben hatten 21 Polizisten Knalltraumata erlitten, mehrere Ordner seien verletzt worden, als sie am Einlass „mit massiver Körpergewalt“ überrannt wurden, wie es hieß. „Wer Ordner und Polizisten attackiert, ist in Wahrheit kein Fußballfan und gehört nicht ins Stadion, sondern hinter Schloss und Riegel“, erklärte der damalige Innenminister Thomas de Maizière (CDU) danach. Das war offenbar der politische Freibrief für eine Razzia fast sieben Monate später.

31 Hausdurchsuchungen

Am Morgen des 5. Dezember 2017 wurden 31 Objekte in Dresden sowie je eines in Zwickau, Brandenburg, Baden-Württemberg und Basel/Schweiz durchsucht, knapp 400 Polizeikräfte und drei Staatsanwälte waren im Einsatz. Die Aktion richtete sich gegen 28 Beschuldigte.

Allerdings konnten ihnen keine Straftaten zugeordnet werden, Beweise sollten erst die bei den Hausdurchsuchungen sichergestellten Daten liefern. Es ging offenbar vordergründig darum, die Rädelsführer vor Gericht zu bringen. Sie könnten, wie bei der anschließenden Pressekonferenz gesagt wurde, gegen das Versammlungsgesetz verstoßen haben. Es bestehe für solche öffentlichen Veranstaltungen ein Uniformverbot, „wenn man damit eine gemeinsame politische Gesinnung zum Ausdruck bringt“, erklärte Staatsanwalt Tobias Wagner in Dresden.

Das Vorgehen der Karlsruher Ermittler erscheint angesichts der Faktenlage und der zu ermittelnden Straftaten wie besonders schwerer Landfriedensbruch oder Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz auch im Nachhinein als mindestens fragwürdig – bis überzogen. Eine ähnliche Razzia hatte Fußball-Dresden am 2. Februar 2005 erlebt, als im Zuge des Wettskandals die Wohnungen von sechs Spielern und eines ehemaligen Schiedsrichters durchsucht wurden, wie sich später herausstellte zu Unrecht.

Die Dynamo-Fans im Karlsruher Stadion.
Die Dynamo-Fans im Karlsruher Stadion. © Worbser

Im „Fall Karlsruhe“ beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft auch einen Trabant Kübel. Von dem aus hatte der damalige Ultra-Chef per Megafon unter anderem Sprechchöre angesagt. Allerdings konnte weder ihm noch den anderen verurteilten Dynamo-Fans eine direkte Beteiligung an einer Straftat nachgewiesen werden. Trotzdem haben sie die bislang ausgestellten Strafbefehle in Höhe von 900 bis 10.000 Euro akzeptiert. In fünf Fällen enthielten sie zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafen zwischen acht und zehn Monaten.

„Was bringt es mir, wenn ich die Bewährung los bin, weil der Landfriedensbruch vom Tisch ist, ich aber trotzdem für den Verstoß gegen das Uniformverbot verurteilt werde und alle Kosten tragen muss? Privatinsolvenz statt Bewährung? Das ist für mich keine wirkliche Option“, erklärte der frühere „Capo“ Stefan Lehmann bereits im Oktober 2019 über das Solidaritätskomitee „Schwarz-Gelbe-Hilfe“ (SGH).

Das hatte sich gegründet, um die Fans in den Verfahren mit Spenden finanziell zu unterstützen. Die Kosten wurden auf insgesamt 290.000 Euro geschätzt, aktuell möchte die SGH der SZ jedoch keine Auskünfte geben. Man kritisiert die Berichterstattung zu den Vorfällen rund um Dynamos Aufstieg am 16. Mai als zu einseitig aus Sicht der Polizei.

Kennzeichen spielte keine Rolle

Was aber ist aus dem olivgrünen Trabi von Karlsruhe geworden? Dieser sei „als sogenanntes Tatmittel“ beschlagnahmt worden, teilt Matthias Hörster, Erster Staatsanwalt und Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Karlsruhe, auf Anfrage mit. Das sei „mit Beschluss des Amtsgerichts Karlsruhe zum Zwecke der Einziehung angeordnet“ worden.

Die Begründung: „Mit dem Fahrzeug wurde der Aufzug angeführt.“ Medienberichten, für diese Maßnahme habe auch das Kennzeichen eine Rolle gespielt, widerspricht Hörster. Hinter der Zahl 88 war demnach ein Code der rechtsextremen Szene vermutet worden: zweimal der achte Buchstabe im Alphabet, also das H für den Nazi-Gruß. Gemeint war aber das Baujahr des Trabants.

In Karlsruhe wurde auch Pyrotechnik gezündet.
In Karlsruhe wurde auch Pyrotechnik gezündet. © Worbser

Der ursprüngliche Besitzer hat diesen nie zurückbekommen, das hätte er gerichtlich erstreiten müssen. „Von der Durchführung des Einziehungsverfahrens wurde indes letztlich abgesehen“, teilt der Sprecher der Staatsanwaltschaft mit. Andernfalls „hätte der betroffene Eigentümer des Fahrzeugs auch die hierbei entstehenden Verfahrenskosten zu tragen gehabt“. Er habe jedoch „zur Abwendung dieser Zwangsmaßnahmen eingewilligt, das Eigentum des Trabants im Rahmen einer Spende an ,Stiftung Lernort Demokratie – Das DDR-Museum Pforzheim‘ zu übertragen“, so Hörster.

Diese Einrichtung wurde 1998 gegründet mit dem Anspruch, „die Erinnerung an die DDR-Geschichte im Kontext gesamtdeutscher Relevanz wachzuhalten, besonders für die jungen Generationen, für die die deutsche Wiedervereinigung selbstverständlich ist“, wie es auf der Internetseite formuliert wird. Es sei das einzige Museum in den westlichen Bundesländern, das „die Geschichte der DDR-Diktatur“ darstellt, und habe jährlich rund 4.000 Besucher.

Wird der Trabi ausgestellt?

Das Führungsfahrzeug vom Dynamo-Fanmarsch können sie allerdings bislang nicht sehen. Dabei würde es ins Konzept passen. Der Trabant Kübel wurde Mitte der 1960er-Jahre vorrangig für die Grenztruppen der DDR entwickelt. „Wir haben den Trabi von der Staatsanwaltschaft in Karlsruhe bekommen und ihn sicher untergebracht“, erklärt Volker Römer, 1. Vorsitzender der Stiftung, auf Nachfrage der SZ.

Konkrete Pläne, ob und wie das Kultobjekt ausgestellt werden soll, gebe es im Moment noch nicht. Erstens arbeite die private Einrichtung vollständig ehrenamtlich, zweitens seien die Mittel derzeit auch durch die Folgen der Corona-Maßnahmen sehr beschränkt. „Deshalb wird eine Lösung für den Trabi noch einige Zeit auf sich warten lassen. Prognosen kann ich leider keine machen“, meint Römer.

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Für den ehemaligen Eigentümer, der sich noch nie öffentlich zu dem Vorgang geäußert hat, dürfte der ideelle Verlust mindestens genauso schmerzhaft sein wie der materielle. Von dem Trabant Kübel, der unter anderem zur Grenzpatrouille genutzt wurde, sind bis 1990 rund 11.000 Stück produziert worden. Eine Entschädigung für seine Spende sei „naturgemäß nicht“ erfolgt, erklärt Staatsanwalt Hörster.

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