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Die Eskalation bei Dynamos letztem Europacup-Spiel

Hooligans aus ganz Deutschland randalieren im Dresdner Stadion, die Partie gegen Belgrad wird abgebrochen. Thomas Köhler war 1991 dabei - seine Geschichte.

Es ist das unrühmliche Ende von Dynamos letztem Spiel im Europapokal: Wasserwerfer werden gegen die Hooligans eingesetzt, Fußball wird nicht mehr gespielt.
Es ist das unrühmliche Ende von Dynamos letztem Spiel im Europapokal: Wasserwerfer werden gegen die Hooligans eingesetzt, Fußball wird nicht mehr gespielt. © SZ/Archiv/Klaus Thiere

Dresden. Es sind sportlich die bedeutendsten Spiele seiner Karriere, allerdings verbunden mit einer der größten Enttäuschungen. Das liegt weniger daran, dass Dynamo im Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister im März 1991 ausscheidet. Roter Stern Belgrad ist eine internationale Spitzenmannschaft, wirft im Halbfinale auch Bayern München raus und gewinnt das Endspiel gegen Olympique Marseille im Elfmeterschießen. Thomas Köhler schnalzt sinnbildlich mit der Zunge, wenn er die Namen der Gegenspieler aufzählt: „Robert Prosinecki, Darko Pancev, Sinisa Mihailovic, Dejan Savicevic – das waren Weltklassespieler.“ Für den Torwart ist es dagegen die internationale Premiere mit 23 Jahren.

Dabei war Köhler an der Sportschule in Erfurt durchgefallen. „In der 10. Klasse wurde mir attestiert, dass es nicht für höhere Aufgaben reicht“, erinnert er sich. Also ist er zurückgekehrt nach Sömmerda zur BSG Robotron. Das Los hat dann sozusagen über seinen Weg im Fußball entschieden, denn im September 1988 ist Dynamo der Gegner in der ersten Runde des FDGB-Pokals. David gegen Goliath, das ewige Duell. Und tatsächlich bahnt sich eine Sensation an, Martin Busse bringt den Außenseiter in Führung. Und Köhler hält stark, was er schmunzelnd so beschreibt: „Sie haben mich angeschossen.“ Erst in der 77. Minute erzielt Ulf Kirsten den Ausgleich, am Ende gewinnt der Favorit mit 3:1. „Eine Woche später meinte unser Trainer Siegmar Menz (von 2001 bis 2008 Manager bei Dynamo/d. A.) zu mir: Dynamo will dich haben, du sollst mal dort hinfahren.“

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"Mit sind ganz schön die Bälle um die Ohren geflogen"

So wird Köhler im Januar 1989 hinter Ronny Teuber die neue Nummer zwei bei den Dresdnern. „Meine erste Reise ging gleich ins Trainingslager nach Gran Canaria, ich saß bei den Europapokalspielen gegen den AS Rom, Victoria Budapest und den VfB Stuttgart auf der Bank. Das war für den Jungen aus dem beschaulichen Thüringen schon eine andere Welt.“ Dynamo scheitert erst im Halbfinale an den Stuttgartern (0:1, 1:1), aber der Ersatztorwart sichert sich ein persönliches Souvenir. „Ich habe im Kabinengang Guido Buchwald gefragt, ob er mit mir das Trikot tauschen würde. Er antwortete mit einem süffisanten Lächeln: Ich gebe dir meins, deins kannst du behalten.“ Inzwischen hat Köhler das Erinnerungsstück einem VfB-Fan für dessen private Sammlung vermacht.

Thomas Köhler war als Spieler zweimal bei Dynamo - und später auch als Torwart-Trainer. Heute betreibt der 53-Jährige ein Sport- und Gesundheitszentrum in Dresden.
Thomas Köhler war als Spieler zweimal bei Dynamo - und später auch als Torwart-Trainer. Heute betreibt der 53-Jährige ein Sport- und Gesundheitszentrum in Dresden. © Foto: Ronald Bonß

Und so erlebt Köhler am 6. März 1991 in Belgrad eine Stern- und Lehrstunde zugleich. „Wir sind wie üblich vor dem Spiel rausgegangen, um uns den Platz anzusehen – und das Stadion war schon voll.“ Es ist eines der größten weltweit, die Serben nennen es Marakana wie die legendäre Arena in Rio de Janeiro. Offiziell sind 90.000 Fans drin. „Bei dieser Atmosphäre hattest du Gänsehaut“, erzählt Köhler. Wirklich genießen kann er es nicht, denn „mir sind ganz schön die Bälle um die Ohren geflogen“. Dynamo verliert 0:3, und Köhler erfährt, dass ihn der Kommentator im Fernsehen für den ersten Gegentreffer verantwortlich gemacht hat. „Das war ein Freistoß von Prosinecki: über die Mauer in den Winkel. Und Fritz von Thurn und Taxis sagt: ,Den muss der junge Köhler doch halten.‘“

In der DDR-Oberliga gibt der Torhüter am 5. Mai 1989 beim 1:1 in Aue sein Debüt für die Schwarz-Gelben, in der Saison 1990/91, in der es um die Qualifikation für die Bundesliga geht, entscheidet sich Trainer Reinhard Häfner, den Torwart zu wechseln.

Er stellt den Reporter zur Rede, als der in der Vorbereitung auf das Rückspiel beim Training im Großen Garten neben seinem Tor steht – und der räumt ein: „Ich muss mich ein bisschen revidieren. Der war schon gut geschossen, nicht ganz unhaltbar, aber kein Torwart-Fehler.“ Es ist eine Episode, die überlagert wird von der Katastrophe. Anders lässt sich nicht bewerten, was sich am 20. März 1991 erst in der Stadt und dann im Dresdner Stadion abspielt. Hooligans aus ganz Deutschland sind angereist, um Rache zu nehmen, wie sie es nennen, für die Prügel, die Dynamo-Fans in Belgrad bezogen hatten. Schon vor dem Anpfiff gibt es regelrechte Jagdszenen unter anderem auf der Prager Straße.

Leuchtraketen und Steine fliegen

Die Partie beginnt noch verheißungsvoll für die Gastgeber, Gütschow trifft in der zweiten Minute per Handelfmeter. „Da keimte noch mal Hoffnung auf“, meint Köhler, der den Ausgleich „mit spektakulärer Fußabwehr gegen Binic“ zunächst verhindert, wie es im Bericht der Sächsischen Zeitung hieß. „Aber Roter Stern hat dann kurz angezogen, das 1:1 und das 1:2 gemacht.“ Das sportliche Aus ist damit besiegelt; was sich nun ereignet, macht den Torwart auch Jahrzehnte später fassungslos. „Es flogen Leuchtraketen durchs Stadion, Steine wurden geworfen – selbst als einige von uns am Zaun waren, um die Leute zu beruhigen. Geschäftsführer Manfred Kluge kam mit einer blutenden Platzwunde zurück, er war getroffen worden.“ Schiedsrichter Emilio Soriano Aladrén aus Spanien bricht die Partie in der 78. Minute ab.

Eine Eskalation hatte sich bereits zur Halbzeitpause angedeutet, als Hooligans einen Imbisswagen demolierten und die Polizei massiv mit Böllern und Leuchtgeschossen provozierten. Als die Tore für Belgrad fielen, sei die Parole ausgegeben worden: „Wenn schon kein Sieg, dann Abbruch.“ Schuldzuweisungen bestimmen die Aufarbeitung. Der Verein wirft der Polizei vor, zu spät eingegriffen und die Wasserwerfer eingesetzt zu haben. Die Sicherheitsbehörden wiederum kritisieren den zu laschen Ordnungsdienst des Veranstalters und eine zum Teil bemerkenswerte Kameradschaftlichkeit zwischen Ordnern und Randalierern, die außer jeder Menge Pyrotechnik auch Baseballschläger und Schreckschusspistolen einschmuggeln konnten.

"Dass es so eskaliert, war bitter und traurig"

Köhler empfindet damals eher Wut als Angst. „Wir wollten uns ordentlich präsentieren und würdig verabschieden aus dem Europapokal. Dass es so eskaliert ist, war bitter und traurig.“ Die Mannschaften sitzen etwa anderthalb Stunden in den Kabinen im Keller der Haupttribüne, erst als die Einsatzkräfte den randalierenden Mob aus dem Stadion vertrieben haben, können die Dresdner zu den Duschen ins Steinhaus gegenüber. „Wir saßen alle geknickt da, wussten nicht, wie wir mit der Situation umgehen sollten.“ Eines aber ist ihnen klar: Dieses 98. Europacup-Spiel wird für den Verein bittere Folgen haben, der Imageschaden hält noch drei Jahrzehnte später an. Der verfügte Ausschluss für zwei Jahre von allen europäischen Wettbewerben gilt seit 1999 als verjährt.

Detlef Schößler versucht hier, Dynamos Spiel von hinten aufzubauen, aber die Dresdner haben gegen Roter Stern Belgrad im Europapokal der Landesmeister keine Chance.
Detlef Schößler versucht hier, Dynamos Spiel von hinten aufzubauen, aber die Dresdner haben gegen Roter Stern Belgrad im Europapokal der Landesmeister keine Chance. © imago/Magic

Köhler muss den Platz im Tor im Spiel bei Hansa Rostock kurz vor der Pause wieder abgeben – verletzungsbedingt. Als die Vorbereitung auf die Bundesliga im Sommer 1991 beginnt, ist das erfolgreiche Trainer-Duo Reinhard Häfner/Hartmut Schade plötzlich nicht mehr da, außer dem neuen Chefcoach Helmut Schulte kommen andere Spieler wie DDR-Nationaltorwart René Müller. „Mir wurde durch die Blume gesagt, dass ich nur noch die Nummer drei bin, aber bleiben könne“, sagt Köhler. Er wechselt nach Rostock, kommt für Hansa jedoch in der Bundesliga nicht zum Einsatz. „Nach einer verschleppten Nierenentzündung, die nicht richtig erkannt worden war, hatte ich vier Monate absolutes Sportverbot.“

Wenn man sich im Leben immer zweimal sieht, kann das im Fußball öfter der Fall sein. 1995 ist Köhler nämlich plötzlich wieder in Dresden. „Ich wurde ins Hotel Bellevue eingeladen, habe dort mit Manager Willi Konrad zwei Verträge ausgehandelt: für die zweite Liga und für die Regionalliga. Danach sollte ich ins Nachbarzimmer gehen und mich Herrn Otto vorstellen.“ Rolf-Jürgen Otto führte als Präsident noch die Geschäfte. „Das war wie in einem schlechten Film: Du konntest die Luft schneiden, und am Ende eines schier endlos langen Tisches saß er vor einem Aschebecher, der überquoll.“ Otto sei davon ausgegangen, dass Dynamo die Lizenz bekommt und in der zweiten Liga spielen wird.

Torwart-Wechsel auf seinen Rat: Kirsten für Keller

Doch es kommt anders. Köhler erlebt mit den Schwarz-Gelben in der Regionalliga die dunkelsten Zeiten. „Erst war die finanzielle Situation katastrophal, und als es die Millionen von der Kinowelt gab, wurde das Geld zum Fenster rausgeschmissen. Über die Spieler, die nun geholt wurden, konnte ich nur den Kopf schütteln.“ Sportlich dümpelt der einstige Europapokal-Teilnehmer im Mittelmaß der Drittklassigkeit. Daran ändert auch das Tor des Torwarts nichts. Im Heimspiel gegen Eisenhüttenstadt am 18. September 1998 liegen die Dresdner mit 1:2 zurück. Eckball in der 88. Minute. Köhler stürmt nach vorn und erzielt per Kopf den Ausgleich. „In meiner Euphorie wollte ich den Diver (Taucher/d. A.) machen, aber der Rasen war so stumpf, dass ich mir eine Brustprellung zugezogen habe.“

Bei Energie Cottbus spielt er anschließend nicht, erlebt aber den Aufstieg in die Bundesliga und den Einstieg als Trainer. Und so fängt er 2010 zum dritten Mal bei Dynamo an – Matthias Maucksch holt Köhler als Torwartcoach an seine Seite. Jetzt ist es eine erfolgreichere Zeit mit dem Aufstieg in die zweite Liga oder der Pokalsensation gegen Bayer Leverkusen (4:3 n.V.) – und mit schwierigen Entscheidungen. Als ihn Maucksch im Februar 2011 fragt, was er von einem Torwartwechsel hält, sagt Köhler ehrlich: „Wenn es nach den Trainingsleistungen geht, müssten wir Benny spielen lassen.“

So folgt Benjamin Kirsten auf Axel Keller, wird zum Aufstiegshelden, Elfmeterkiller und Publikumsliebling. Für ihn ist wie für Köhler im Sommer 2015 Schluss, als Uwe Neuhaus Trainer wird. „Natürlich war ich enttäuscht, aber wie es im Leben ist: Eine Tür geht zu, die andere öffnet sich“, meint Thomas Köhler, der 2016 mit seiner Geschäftspartnerin Annett Geißler in Dresden das Atla Sport- und Gesundheitszentrum eröffnete.

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Weitere Texte zu Dynamos vergessenen Helden:

Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de.
Sven Geisler, Jürgen Schwarz: Dynamos vergessene Helden. Verlag DDV-Edition. 192 Seiten, 22,90 €. ISBN: 978-3-943444-88-9. Bestellung auch online: www.ddv-lokal.de. © SZ

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