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PSG in Leipzig: Große Namen, große Summen, große Distanz

Die Fußballstars von Paris Saint-Germain landen in Leipzig. Zu sehen sind sie nur ganz kurz – und einer fehlt. Was das für die RB-Profis bedeutet.

Von Daniel Klein
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Zusehen nur beim Aufwärmen erlaubt: Kylian Mbappe und Neymar – stilecht mit Mütze – beim Abschlusstraining im Leipziger Stadion.
Zusehen nur beim Aufwärmen erlaubt: Kylian Mbappe und Neymar – stilecht mit Mütze – beim Abschlusstraining im Leipziger Stadion. © dpa/Hendrik Schmidt

Leipzig. Der Obst- und Gemüsehändler, der seinen Stand gleich neben dem Marktplatz aufgebaut hat, darf sich über mehr Kundschaft freuen als an einem gewöhnlichen Dienstag. Direkt hinter seinen Gurken, Orangen und Weintrauben drängeln sich rund 100 Neugierige an einem Absperrgitter. Sie wollen einen Blick erhaschen, im Glücksfall sogar ein Selfie machen mit den Superstars des Fußballs.

Der Mannschaftsbus von Paris Saint-Germain parkt 50 Meter neben den Tomatenkörben vor dem Haupteingang des Steigenberger Grandhotels mitten im Zentrum von Leipzig, bewacht und abgeschirmt von einigen Polizisten sowie 20 Security-Männern des Vereins, die aus Paris mitgereist sind. Ein Junge fragt schüchtern einen Beamten, ob er denn wisse, wann die Mannschaft rauskommt. Nein, antwortet der Mann, da könne er leider nicht helfen.

Der Pariser Teambus vorm Fünf-Sterne-Teamhotel in Leipzig.
Der Pariser Teambus vorm Fünf-Sterne-Teamhotel in Leipzig. © Daniel Klein

Ob der Junge schon weiß, dass der Superstar unter den Superstars gar nicht im Fünf-Sterne-Hotel übernachtet? Lionel Messi hat die Reise nach Leipzig aufgrund von Oberschenkelproblemen und Knieschmerzen abgesagt. Aber es bleiben ja noch genügend andere Handymotive, die man stolz in der Klasse präsentieren könnte. Von Neymar zum Beispiel. Oder von Kylian Mbappé. Beide waren 2017 nach Paris gewechselt. Der Brasilianer kostete damals die Rekord-Ablösesumme von 222 Millionen Euro, der Franzose 180 Millionen. Beide sind seither – gemessen an der Transfersumme – die teuersten Fußballspieler der Welt. Das ist mehr als ein Ersatzmotiv für den abwesenden Messi.

Auch auf den obligatorischen Pressekonferenzen einen Tag vor dem Champions-League-Spiel ist der Argentinier ein Thema. Ob sein Fehlen ein Vorteil für die Leipziger sei, die bisher noch keinen Punkt in der Gruppe der Königsklasse geholt gehaben, wird Yussuf Poulsen gefragt. Der RB-Stürmer sagt, dass es da ja neben Messi einige andere gäbe bei Paris und zählt neben Neymar und Mbappé noch Angel di Maria auf, den argentinischen Nationalspieler, sowie Julian Draxler. Die Offensivabteilung ist ein Starensemble.

Und nicht nur die. Seit die katarische Investorengruppe Qatar Sports Investments 2011 beim Hauptstadtklub eingestiegen ist, gehen die Inhaber aus dem Emirat auf Einkaufstour. Geld, so scheint es, spielt dabei keine Rolle. Neymar soll rund 36 Millionen Euro pro Jahr verdienen – netto. Noch mehr bekommt Neuzugang Messi mit 41 Millionen. Zahlen kann das der Verein nur, weil der Hauptsponsor, Katars Tourismusbehörde, innerhalb von vier Jahren 600 Millionen Euro überwies. Bei anderen europäischen Spitzenklubs zahlen die größten Sponsoren lediglich ein Zehntel dieser Summe. Deshalb werfen Kritiker Paris vor, gegen die Financial-Fair-Play-Regeln des europäischen Verbandes (Uefa) zu verstoßen. Doch es blieb bei der Kritik.

Das Geschäftsmodell scheint zu funktionieren. Der Klub schaut bei Neuzugängen weniger auf die Wertentwicklung der Spieler, sondern vor allem auf deren Vermarktungspotenzial. Die schwindelerregend hohen Investitionen werden mit Trikot- und Merchandising-Verkäufen refinanziert. Vergangene Saison setzte Paris mehr als eine Millionen Trikots ab – zum Stückpreis von 115 bis 160 Euro. Mit Messi sollen es deutlich mehr werden.

Leipziger Stadion zum ersten Mal sei anderthalb Jahren ausverkauft

Der brachte auch acht Millionen Follower mit, die nun dem offiziellen Instagram-Account von PSG folgen. Das ist ebenso zu einer Währung geworden wie die neueste Erfindung, der Fan-Token: Es ist eine Kryptowährung, wer in die investiert, darf beim schönsten Tor der Saison abstimmen oder der Mannschaft kurz vorm Anpfiff Nachrichten in die Kabine schicken. Angeblich wurden in den Tagen vor dem Messi-Transfer Token im Wert von 1,2 Milliarden Euro gehandelt.

Und PSG-Präsident Nasser Al-Khelaifi frohlockte nach dem Messi-Transfer in einer Medienrunde über neue Sponsorendeals: „Wenn Sie wüssten, wie viele Anrufe ich in den letzten 48 Stunden von etlichen internationalen Firmen erhalten habe, würden Sie mir nicht glauben.“ Geld zieht Geld an. Es ist eine Entwicklung, die keine Grenzen zu kennen scheint. Die einerseits Angst macht, abstoßend wirkt und andererseits mit all den großen Namen fasziniert und Massen anzieht.

Für das Spiel am Mittwochabend berichten aus dem Stadion 40 Fotografen und 80 Journalisten. Mehr ließen die Corona-Auflagen nicht zu, Anfragen mussten abgelehnt werden. Innerhalb von Stunden waren die 42.600 Tickets für das Spiel verkauft, dank der 2G-Regel sind erstmals seit März 2020 wieder alle Ränge in einem sächsischen Stadion besetzt.

Am Dienstagabend sind die Traversen noch leer, als die Mannschaft aus Paris beim offiziellen Abschlusstraining den Rasen testet. Die ersten 15 Minuten dürfen die Journalisten fotografieren und filmen, wie Neymar und Mbappé sich dehnen und die Bälle zuspielen. Dann ist Schluss, der Rest bleibt geheim.

RB-Angreifer Yussuf Poulsen, das Urgestein der Leipziger, glaubt, sein Team könne im eigenen Stadion jeden Gegner bezwingen.
RB-Angreifer Yussuf Poulsen, das Urgestein der Leipziger, glaubt, sein Team könne im eigenen Stadion jeden Gegner bezwingen. © dpa/Hendrik Schmidt

Das ist auch das Motto bei den Pressekonferenzen davor: Bloß nichts verraten, ja nicht konkret werden. Trainer wie Spieler nutzen Phrasen und Plattitüden statt zu antworten. Stürmer Poulsen etwa stellt fest, dass man im eigenen Stadion jeden Gegner schlagen könne. Und dass man unbedingt punkten müsse. Erhellend.

Viermal hat Leipzig in der Champions League bereits gegen Paris gespielt, einmal konnten die Rasenballer das Starensemble sogar schlagen. Vor einem Jahr gewann Leipzig mit 2:1, da noch vor leeren Rängen, überstand so die Gruppenphase und schaffte es bis ins Habfinale. Dort wurde die Mannschaft dann gestoppt – von Paris.

Vor zwei Wochen beim Hinspiel gewann Paris glücklich mit 3:2, Messi schoss zwei Tore. Der ist nun aber nicht dabei. Und sieht aus seinem Hotelzimmer auch nicht den gut besuchten Gemüsestand.