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Wie Leipzig seine Spielidee verändert

RB hat Alexander Sörloth als Ersatzmann für Torjäger Timo Werner verpflichtet. Dabei ist der Norweger anders und verändert auch das Team.

Grund zur Freude über einen eigenen Treffer hatte Alexander Sörloth (l.) bei seinem Startelf-Debüt für RB Leipzig zwar nicht, konnte aber mit Christopher Nkunku den 2:1-Sieg gegen Hertha BSC feiern.
Grund zur Freude über einen eigenen Treffer hatte Alexander Sörloth (l.) bei seinem Startelf-Debüt für RB Leipzig zwar nicht, konnte aber mit Christopher Nkunku den 2:1-Sieg gegen Hertha BSC feiern. © PICTURE POINT/Roger Petzsche

Von Ullrich Kroemer

Leipzig. Alexander Sörloth stand nach seinem ersten Einsatz über 90 Minuten für RB Leipzig ausgepumpt vor dem Mikrofon der Fragestellerin. „Die Tore werden hoffentlich noch kommen“, sagte der 24 Jahre alte Norweger nach dem 2:1 gegen die Hertha aus Berlin. Der 1,94-Meter-Hüne ist Leipzigs Top-Neuverpflichtung. 20 Millionen Euro plus Boni investierte Rasenballsport in den Zielstürmer. Monatelang zogen sich die teils emotional geführten Verhandlungen, von denen Sportdirektor Markus Krösche in 30 Jahren noch erzählen wird, wie er jüngst berichtete.

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Doch bislang konnte Sörloth nicht andeuten, dass er der Torjäger sein wird, der einen Großteil der Treffer ersetzt, die Timo Werner für RB geschossen hat. Zwar machte Sörloth dank seiner stämmigen Statur einige Bälle gut fest und bediente die Kollegen mit sicheren Anspielen auch unter Bedrängnis. Doch selbst wurde er nur einmal unfreiwillig gefährlich, als ihm eine Flanke abrutschte. „Er hatte keine 100-prozentige Torchance. Man sieht schon, dass er sich bei Umschaltmomenten noch daran gewöhnen muss, was unsere Spielidee ist“, sagte Trainer Julian Nagelsmann.

Nagelsmanns zusätzliche Option

Besser war der von Trabzonspor und Crystal Palace verpflichtete Angreifer im Spiel, als er von dem agileren und formstärkeren RB-Rekordspieler Yussuf Poulsen unterstützt wurde, den Nagelsmann für das Champions-League-Topspiel an diesem Mittwoch im Old Trafford bei Manchester United geschont hatte. Die Sturmvariante mit den beiden langen Kerls bietet Nagelsmann eine zusätzliche Option.

Im Kern aber ersetzt der hochbegabte Taktiktüftler den 34-Tore-Stürmer Werner nicht durch einen Spieler, sondern durch eine erweiterte Spielidee. Nagelsmann hat das Team seit Ende der vergangenen Bundesliga-Saison spielerisch auf ein neues Level gebracht. RB kombiniert sicherer (spielt im Schnitt pro Spiel etwa 50 Pässe mehr als in der Vorsaison), hat mehr Ballbesitz (von 55 auf durchschnittlich 63 Prozent) und gewinnt mehr Zweikämpfe (von 52 auf 56 Prozent), was zu mehr Abschlüssen (von 16,2 auf 18,8) führt.

Die besten Spiele machte Rasenballsport bislang ganz ohne Stürmer. Bei den Siegen gegen Schalke und in Augsburg begann Nagelsmann mit Emil Forsberg in der Spitze, der im ständigen Wechselspiel mit den Edeltechnikern Christopher Nkunku und Dani Olmo – orchestriert von Ballverteiler Kevin Kampl – ganz ohne Torjäger Torgefahr kreierte. Nutznießer war bereits viermal in dieser Saison der spanische Linksverteidiger Angeliño, den Nagelsmann offensiver als Linksaußen aufbot. Ohne Werner stets in Sprintsituationen bringen zu müssen, kann einerseits der Chefcoach kreativer bei der Ausarbeitung seiner Matchpläne sein, andererseits dringen nun auch Spieler in Zonen vor, die sonst nur Werner gehörten.

Er liebt es, wenn sein Spielplan aufgeht. RB-Trainer Julian Nagelsmann bejubelt den 2:0-Erfolg beim Champions-League-Start gegen Basaksehir Istanbul.
Er liebt es, wenn sein Spielplan aufgeht. RB-Trainer Julian Nagelsmann bejubelt den 2:0-Erfolg beim Champions-League-Start gegen Basaksehir Istanbul. © dpa/Jan Woitas

Bereits acht verschiedene Torschützen nach fünf Bundesliga-Spieltagen zeigen die neue Variabilität der Leipziger. Motto: Es ist egal, wer die Tore macht, sie fallen auf jeden Fall. Und auch der sprintstarke Salzburger Zugang Hee-chan Hwang, der wegen Trainingsrückstands noch keine große Rolle spielte, und Dribbelkünstler Justin Kluivert, der gegen Hertha bei seinem ersten längeren Einsatz seine Klasse andeutete, bieten Potenzial für weitere taktische Varianten und neue Grundformationen. Die RB-DNA, das Pressingspiel, vernachlässigt Nagelsmann dabei keineswegs, sondern verbindet das Ballbesitzspiel mit den alten Tugenden, die in dieser Saison wieder geschärft wurden.

Ob das – wie im Champions-League-Viertelfinale gegen Atlético Madrid – nun auch gegen das strauchelnde Topteam Manchester United reicht, um in der Champions League zu punkten, muss RB am Mittwoch beantworten. „Ich weiß es nicht“, sagte Nagelsmann flapsig, „ich bin ja nicht Jesus Christus.“ Fakt ist, dass es zuletzt nur gegen schwächere Teams funktioniert hat. Gegen Bayer Leverkusen (1:1) war RB die schwächere Mannschaft.

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Im Vergleich zum ersten „Königsklassen“-Spiel vor einer Woche, als RB mühsam mit 2:0 gegen Basaksehir Istanbul gewann, müssen sich die Leipziger in jedem Fall steigern. Der englische Rekordmeister wartet zwar seit dem Abgang von Alex Ferguson, abgesehen vom Europa-League-Titel 2017, auf einen großen Triumph. Aber der 2:1-Auftaktsieg bei Paris Saint-Germain – gegen den Klub war RB im Halbfinale im August in Lissabon gescheitert – zeigte, dass die Mannschaft mit dem britischen Jungstar Marcus Rashford Qualitäten hat.

Werner übrigens quälte sich mit dem FC Chelsea am Samstag zu einem 0:0 gegen Manchester United und blieb ohne echte Torchance – wie Sörloth bei RB.

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