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Vom Bundes-Jogi zum Buhmann der Nation

Die Debatten über seine Person gehen zwar nicht spurlos an Joachim Löw vorbei. Die meiste Kritik perlt an ihm ab - bis auf die Arroganz-Vorwürfe.

Fußball-Bundestrainer Joachim Löw wehrt sich gegen Vorhaltungen wie Dünnhäutigkeit.
Fußball-Bundestrainer Joachim Löw wehrt sich gegen Vorhaltungen wie Dünnhäutigkeit. © dpa

Von Frank Hellmann

Die Zusammenarbeit zwischen einer bekannten Marke für Hautpflegeprodukte und Joachim Löw besteht fast so lange wie sein Vertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB). Vor einem Jahr entstand ein Werbespot mit dem Bundestrainer, der sich eine Gesichtscreme aufträgt, die auf einer wilden Fahrradtour wertvolle Dienste leistet. Die regelmäßige Verwendung hat trotzdem nicht verhindert, dass der 60-Jährige zuletzt Gesichtszüge offenbarte, die einige Anspannung verrieten.

Ein sorgenfreies Antlitz beim obersten Fußballlehrer des Landes war jedenfalls gestern. Aber kann das verwundern, wenn einer in der Corona-Krise zwar recht ungestört abtauchen darf, aber dann vier Länderspiele unter stark erschwerten Umständen genügen, um den Bundes-Jogi zum Buhmann der Nation zu machen?

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So jedenfalls kommt Löw sich in seinem Selbstverständnis vor, wenn er den prominenten Kreis seiner Kritiker – angefangen von Rekordnationalspieler Lothar Matthäus über den ehemaligen Bundestrainer Berti Vogts bis hin zum 2014er-Weltmeister Bastian Schweinsteiger – bewerten soll. In einem viereinhalbminütigen Monolog aus dem fernen Kiew hatte der Südbadener am Wochenende auch berechtigte Einwände, die vom Verzicht eines Thomas Müller bis hin zum Festhalten an einer Dreierkette reichten, mit einer Bemerkung ins Leere laufen lassen: Solche Ratschläge über System, Taktiken und Spieler höre er seit 16 Jahren. „Von daher stehe ich über den Dingen, was Kritik betrifft.“

Dass nun sogar das Fachmagazin Kicker gehörige Zweifel an einer „dünnhäutigen und selbstherrlichen Replik“ anmeldete und „arrogant wirkende Sprüche“ verortete, konnte und wollte Löw vor dem Nations-League-Duell am Dienstag in Köln gegen die Schweiz nicht mehr unwidersprochen stehen lassen. Offenbar gibt es auch bei dem gemeinhin auf Ausgleich bedachten Mann eine Toleranzgrenze. „Als dünnhäutig und arrogant würde ich mich nicht bezeichnen. Ich sage, wie ich es meine. Ich benenne die Dinge so, wie ich sie empfinde“, stellte er am Montag auf der digitalen Pressekonferenz heraus. Derlei Vorhaltungen perlen an ihm eben doch nicht ab wie Starkregen an einer Öljacke.

Mit seinen Erklärungen verknüpft war ein Plädoyer für die Meinungsfreiheit in der Fußball-Nation Deutschland. Grundsätzlich würden die Experten nicht zu weit gehen. „Im Fußball gibt es unterschiedliche Meinungen, unterschiedliche Auffassungen. Für mich ist das nicht respektlos. Wenn alle einer Meinung wären, wäre es langweilig.“ Löw selbst steckt in dem Dilemma, dass er es in einer schwierigen Gemengelage eigentlich keinem recht machen kann. Egal, was Löw bei dem zusammengepferchten Terminplan entscheidet: Entweder sind Vereine beleidigt, Spieler überlastet oder Fans enttäuscht.

Er stellt sich gegen den Arbeitgeber

Hätte er Anfang September die Stars des FC Bayern München aus dem Urlaub geholt, wäre der Sturm der Entrüstung vom wichtigsten Zulieferer losgebrochen. Der bestbezahlteste DFB-Angestellte war einer der wenigen Nationaltrainer, der die drei Länderspiele in einer Abstellungsperiode als sinnlos geißelte – und sich damit gegen seinen eigenen Arbeitgeber stellte. Löw argumentiert außerdem damit, dass er schon immer das große Ganze betrachtet. „Wir sind überzeugt von unserem Plan, den werden wir durchziehen.“ Immerhin hat Löw sich bei der Nations League auf den Kompromiss eingelassen, „Ergebnisse und Entwicklung“ einzufordern. Gut wäre für ihn, wenn seine Mannschaft sich gegen die gut organisierten Schweizer keinen Spannungsabfall leistet. „Ich erwarte Konzentration, mehr Präzision und diesmal die richtigen offensiven Akzente“, forderte der Bundestrainer. Für den an der Achillessehne angeschlagenen Julian Draxler dürfte Timo Werner spielen und für den an den Adduktoren lädierten Marcel Halstenberg auf der linken Außenbahn der offensivere Robin Gosens beginnen. Auch bei Lukas Klostermann ist ein Mitwirken aufgrund von Kniebeschwerden fraglich.

Ansonsten soll das Team sich beim nächsten Geisterspiel weiter finden. Wegen der hohen Corona-Infektionszahlen erging erneut die Ansage, dass keine Zuschauer zugelassen sind. Der DFB verzichtete auch darauf, 300 Besucher per Sonderantrag ins Stadion zu lotsen. Zur Aufführung vor den verwaisten Rängen kommt abermals die nicht unumstrittene Dreierkette, weil Löw partout mit Blickrichtung auf die EM und Gruppengegner wie Frankreich und Portugal diese Verteidigungsoption hoffähig machen möchte. „Zu viert können wir hinten immer spielen.“

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Nicht auf Knopfdruck lässt sich das Interesse an der Nationalmannschaft regulieren. Der Bundestrainer glaubt, dass die historisch schlechte Einschaltquote gegen die Türkei mit 6,77 Millionen bei RTL und der schwache Marktanteil in der Ukraine bei 7,53 Millionen in der ARD zum Phänomen eines schwindenden Interesses gehörten, das immer zwischen den Turnieren auftrete. „Ich bin sicher, dass es im nächsten Jahr, wenn dann Deutschland gegen Frankreich spielt, die Einschaltquoten in dem Maß wieder steigen, dass es der Nationalmannschaft angemessen ist“, sagte Löw. „Dann ist die Nationalmannschaft wieder das Wichtigste im Land.“ Und der Bundestrainer auch ihr faltenfreier Werbeträger?

TV-Tipp: Die ARD überträgt das Spiel ab 20.45 Uhr live.

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