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„Guck mal, da leben die Gestörten“

Alexa Heyn galt als großes Schwimmtalent – und scheiterte. Noch heute leidet sie an depressiven Schüben. Die 26-Jährige spricht über ihren Ausweg.

Alexa Heyn lebt heute in Hamburg, studiert, interessiert sich für Mode und ist in therapeutischer Behandlung.
Alexa Heyn lebt heute in Hamburg, studiert, interessiert sich für Mode und ist in therapeutischer Behandlung. © Maxim Sergienko

Gerade kommt sie von einer Therapiesitzung. Ihre lockigen, blonden Haare hat Alexa Heyn zu einem Dutt nach oben gebunden. Beim Termin mit der SZ spricht die 26-Jährige über ein System, das ihr zunehmend fremd geworden ist, das sie nicht behütet, nicht umsorgt und nicht beschützt hat. Über ein System, dem sie letztlich egal geworden ist, das sie zunächst unglücklich und dann krank gemacht hat. Das System Leistungssport.

Ob der Sport der Auslöser oder eher Katalysator für Heyns psychologische Probleme war, lässt sich nicht belegen. Inzwischen jedenfalls lässt sich die ehemalige Schwimmerin wegen depressiver Schübe therapieren. Der Weg dahin hat für sie vor ziemlich genau zwölf Jahren begonnen.

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Sie galt als hoffnungsvolles Schwimmtalent bei der SG Frankfurt. „Ich habe als Kind angefangen, das ist dann professioneller und professioneller geworden, ich bin in den Leistungssport so reingerutscht“, sagt sie. Mit 14 Jahren hat sie für sich entschieden, zum Bundesstützpunkt nach Essen zu wechseln. Beim Sichtungstag zeigte sich der damalige Stützpunkt-Trainer Henning Lambertz von ihr beeindruckt. Sie solle, wenn möglich, noch während des Schuljahres zur SG Essen wechseln.

Heyn fühlte sich geschmeichelt. Essen galt als Top-Adresse, Lambertz als ausgewiesener Fachmann. Der heute 49-Jährige führte die deutschen Schwimmer als Bundestrainer zu Olympia 2016. „Seine Ansage war: Wir warten nicht. Ich bin mitten im Schuljahr nach Essen gezogen, die Sportschule war aber voll“, erinnert sich Heyn. Also wurde sie auf die normale Schule geschickt, ins Gymnasium nebenan. Zweieinhalb Jahre versuchte sie, sich zur Weltklasse-Athletin formen zu lassen. Vergebens.

Auf die Doppelbelastung wurde in der Schule keine Rücksicht genommen. Heyn absolvierte das gleiche Pensum wie die anderen Schüler, dazu kamen vor der Schule noch zwei Stunden im Wasser, nach der Schule drei Stunden Training. „Du bist irgendwann an den Grenzen deines Körpers angelangt“, sagt sie und erläutert ihr tägliches Pensum: „Kurz nach 5 Uhr war ich im Wasser, kurz nach 7 Uhr raus, schnell gefrühstückt, und wenn ich Glück hatte, war ich pünktlich 8 Uhr in der Schule.“

Es fehlte die menschliche Nähe

Was läuft im Sportsystem falsch, dass eine junge Schwimmerin unter der Last des Erfolgsdrucks zu zerbrechen droht, sich aber nicht traut, genau das zu kommunizieren? „Bei der deutschen Meisterschaft in Berlin bin ich so schlecht geschwommen, dass ich hyperventiliert habe und man mich aus dem Wasser rausholen musste, weil ich nicht mehr konnte und mich geschämt habe, dass ich vor ganz Deutschland so schlecht war“, erzählt sie.

Auf Verständnis oder Mitgefühl vom Trainerstab hoffte Heyn vergebens. Die Ansage ihres damaligen Heimtrainers Tobias Heinrich offenbart, wie rigoros Schwächen im Leistungssport zum Teil noch gehandhabt werden: Das sei wie vom Pferd fallen, sie solle einfach schnell zurück ins Wasser. „Meine Mutter hörte auf den Trainer, nicht auf ihr Kind. Das hat mir den Rest gegeben“, gesteht Heyn.

Leistungssportler verbergen Schmerzen und vermeintliche Schwächen, um sich ihre sportlichen Zukunftschancen nicht zu verbauen. Heyn bestätigt das: „Ich hätte mich im Leben nicht getraut, zu Henning Lambertz zu gehen und zu sagen: Mir geht es nicht gut. Denn ab dem Moment, als ich schlecht geschwommen bin, wurde ich aus dem Team gekickt“, sagt sie und fügt aufgebracht an: „Zu jemandem, der nach zwei Wochen schlechter Leistung einfach mit dir bricht, gehst du nicht.“

„Es gibt viele Sportler, die nicht glücklich sind, obwohl sie eine Olympische Goldmedaille in den Händen halten“, sagt Heyn.
„Es gibt viele Sportler, die nicht glücklich sind, obwohl sie eine Olympische Goldmedaille in den Händen halten“, sagt Heyn. © Maxim Sergienko

Heyn war kein Internatsmensch, sie war unglücklich, weil auch von den Mitarbeitern dort niemand genau hinsah oder hinsehen konnte. Alles, was es gab, war eine Hausaufgabenbetreuung und Physiotherapie, um die geschundenen Körper zu regenerieren. Und die Seele? Blieb auf der Strecke. „Es gibt regelmäßige Leistungs-Check-ups, warum gibt es die nicht für die mentale Gesundheit“, fragt Heyn jetzt. „Warum hat sich niemand mit uns wenigstens einmal im halben Jahr hingesetzt und nicht nur das Lungenvolumen gemessen, sondern mit uns geredet?“

Heyn suchte nach anderen Wegen, auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Sie wurde rebellisch und laut. Fast hätte sie den Internatsplatz verloren, nachdem sie eine Boxer-Shorts in Brand gesetzt und aus dem Fenster gehalten hatte. „Da musste beinahe die Feuerwehr ausrücken“, sagt sie und stellt fest: „Retrospektiv waren das Hilfeschreie, die aber leider weder von meinen Eltern noch von den Betreuern vor Ort reflektiert wurden.“ Die Erzieherinnen seien keine schlechten Menschen gewesen, aber gar nicht für solche Situationen ausgebildet und damit komplett überfordert.

Heyn sagt, sie sei sehr sensibel und litt im Internatsalltag unter der Abwesenheit der Mutter. „Du bist 14, weißt nicht, wer du bist oder was du willst und bist eigentlich total verwirrt“, beschreibt sie. Menschliche Nähe habe ihr gefehlt. Normalerweise würde man sich zurückziehen und mit einer Freundin über die Dinge reden, die einen beschäftigen. „Aber es wurde nicht geredet, dafür gab es keinen Raum“, sagt sie nüchtern und ergänzt: „Klar gab es gute und schlechte Phasen. Das Schlechte hat überwogen.“ Auch das Konkurrenzdenken hat seinen Teil dazu beigetragen. Im Schwimmbecken kämpfen die Athleten einen einsamen Kampf. Für persönliche Befindlichkeiten ist kaum Platz.

Kein Verständnis in der Großeltern-Generation

Eine frühzeitige Betreuung der jungen Sportler an Stützpunkten und Sportschulzentren wäre eine Möglichkeit, das Thema in den Alltag zu integrieren. Die Problematik der psychischen Erkrankungen im Leistungssport ist in der öffentlichen Debatte angekommen, spätestens seit dem Suizid von Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke 2009. Es wird registriert und diskutiert, bislang aber unzureichend – findet Heyn. Wer redet schon gern über eigene Schwächen, vor allem im Sport? 

„Ich glaube, dass das zudem generationsbedingt ist“, meint Heyn. „Mein Opa fährt an einer Psychiatrie vorbei und sagt: Guck mal, Alexa, da leben die Gestörten. Und ich sitze daneben und denke mir: Okay, du musst gleich wieder in die Tagesklinik. Für die Generation meines Opas ist das unverständlich.“ Nach zweieinhalb Jahren entschloss sie sich, Essen zu verlassen. Die Frage bleibt: Warum nicht schon viel eher? „Die Frage stelle ich mir selbst oft, meine Mutter stellt sie mir und ich stelle sie meiner Mutter“, sagt Heyn. 

Sie versucht, das Problem mit dem antrainierten Leistungsgedanken zu erklären: „Das Ding ist: Wenn ich mit etwas aufhöre, dann fühlt sich das an, als hätte ich versagt. Deshalb habe ich es immer wieder probiert.“ Niederlagen als Teil des Lebens zu verstehen, fällt ihr schwer. „Ich glaube, mich treffen auch schlechte Noten anders als meine Freundinnen. Ich brauche dann Zuneigung. Das kann ich mir selbst noch nicht so geben“, erklärt sie.

Zum Schwimmen geht Heyn nur noch privat.
Zum Schwimmen geht Heyn nur noch privat. © Maxim Sergienko

Diese Verhaltensmuster hätten zum Teil viel mit der Kindheit zu tun, nicht ausschließlich mit dem Schwimmen. Durch die Summe ihrer Erfahrungen hat Heyn heute „Probleme, gewisse Situationen zu bewältigen“ und schreibt es durchaus dem Sportsystem zu, dass sie sich selbst immer diesen extremen Leistungsdruck auferlege.

Den Grund sieht sie in einem gesamtgesellschaftlichen Problem: „Leistungsdruck wird als das Nonplusultra offeriert. Du giltst als faul, wenn du mal nicht ins Training gehst, weil du vielleicht Schmerzen hast“, sagt die junge Frau. „Aber das merkst du nicht, weil du so tief drin steckst, dass du dich hinterfragst, nicht das System.“ Daran hat sich bis heute nur wenig geändert, auch wenn Heyns Karriereende mittlerweile neun Jahre zurückliegt. „Es ist für mich immer noch unverständlich, dass es okay ist, in etwas nicht gut zu sein“, sagt sie.

Rückblickend betrachtet erlebte Heyn auch gute Zeiten, da habe sie Spaß am Schwimmen und dem Leben als Leistungssportlerin empfunden. Auch deshalb ist sie nach der Rückkehr nach Frankfurt/Main noch ein Jahr weiter geschwommen. „Mir hat die eine Saison zu Hause noch mal mega viel Spaß gemacht“, sagt sie mit sichtbarer Begeisterung. Dennoch habe sie immer noch ein gestörtes Verhältnis zum Sport. „An Grenzen zu gehen, triggert mich komplett“, gesteht Heyn. Immer noch begleiten sie depressive Schübe und Panikattacken. Die aufzuarbeiten, braucht Zeit.

Gold macht nicht alle glücklich

In einer Tiefentherapie spricht Heyn inzwischen einmal in der Woche mit einer Psychologin. Insgesamt zwölf Sitzungen, die von der Krankenkasse bezahlt werden. Einen Hauptgewinn nennt sie ihre Psychologin – eine, die genau die richtigen Fragen stelle. Medikamente könnte sie nehmen, das komme für sie aber nicht infrage. Heyn weiß jetzt, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, sich um die eigene mentale Gesundheit zu kümmern. 

Sie steht mit beiden Beinen im Leben, studiert Journalistik und Kommunikationswissenschaft, verdient als Werksstudentin bei einem Online-Versandhandel ihr eigenes Geld und fühlt sich in ihrem Körper inzwischen wieder „mehr wohl als unwohl“. Ihre Arbeitskollegen wissen allerdings bisher nichts von Heyns psychischen Problemen: „Ich bin sehr kontrolliert auf Arbeit. Man merkt es mir an, wenn ich nicht gut drauf bin. Ich will aber nicht zu meinen Kollegen hingehen und sagen: Hey, ich bin in Therapie. Vielleicht wird sich das eines Tages ergeben, ich schäme mich nicht dafür.“

Eine schlechte Phase äußert sich bei ihr in Extremen, wie früher. Statt ruhiger wird Heyn laut, ungeduldig, hibbelig, mitteilungsbedürftig. Dann will sie geliebt werden, hören, wie toll sie sei. „Ich gebe Zurückweisung und will Zuneigung. Wenn ich die nicht bekomme, dann werde ich sehr traurig, weine viel, bin wütend auf mich selbst“, erzählt Heyn. Ein Teufelskreis, das weiß sie selbst. Auch wenn sie das Gefühl kennt, am Boden zu liegen, suizidale Gedanken habe sie nie gehabt.

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Heyn betont, dass es Menschen gebe, die für dieses Leben, geprägt von Leistung und stetem Druck, geboren sind, deren Bestimmung es sei. Aber es gebe eben Leute, die können damit nicht so gut umgehen – um die müsse man sich auch kümmern. „Es gibt viele Sportler, die nicht glücklich sind, obwohl sie eine Olympische Goldmedaille in den Händen halten“, sagt sie.

Kommunikation hält Heyn für den geeigneten Schlüssel im Umgang mit psychischen Erkrankungen im Spitzensport. „Ich glaube, dass man darüber reden und berichten muss, eine Plattform bieten und über Tabuthemen sprechen sollte.“ Nur so könne eine gesellschaftliche Akzeptanz erzeugt werden und ein Umdenken in den Köpfen der Menschen stattfinden. Anders als noch in der Generation ihres Opas, ist das Thema in Heyns Umfeld kein Tabu – mehrere Freundinnen hätten Therapieerfahrung. Im Sport bleibt es heikel. „Das widerspricht dem uns auferlegten Bild. Jemand, der mega gute Leistungen bringen soll, kann keine Probleme haben“, sagt sie.

Die Luft auf dem Weg an die Spitze ist dünn. Alexa Heyn ging sie aus. „Ich möchte niemandem die Schuld geben. Darum geht es nicht. Sondern, dass sich gewisse Dinge ändern. Meine Trainingsbedingungen waren damals top. Ich hoffe, dass es ein bisschen menschlicher wird“, sagt sie. Ihre Geschichte und Botschaft könnten helfen.

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