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Was macht eigentlich Ex-Bundestrainer Prokop?

Die Handball-WM findet ohne ihn statt. Nach der stillosen Entlassung vor einem Jahr ist der Leipziger untergetaucht. Der Verbandschef verteidigt den Entschluss.

Der Blick zurück fällt ihm schwer, immer noch. Vor knapp einem Jahr wurde Christian Prokop als Handball-Bundestrainer entlassen.
Der Blick zurück fällt ihm schwer, immer noch. Vor knapp einem Jahr wurde Christian Prokop als Handball-Bundestrainer entlassen. © Felix König

Von Ullrich Kroemer

Leipzig. Wenn die deutsche Handball-Nationalmannschaft an diesem Dienstag bei der Weltmeisterschaft in Ägypten um den Einzug in die zweite Runde kämpft, hätte Christian Prokop als Bundestrainer an der Seitenlinie stehen sollen. So war es zumindest nach der Europameisterschaft vor einem Jahr vorgesehen.

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Zwar verpassten er und seine Auswahl mit Platz fünf wiederholt die erhoffte Medaille, die Verbandsspitze sprach sich dennoch weiter für Prokop aus. „Wir werden natürlich mit Christian in Richtung Olympia gehen und die Sommerspiele anpeilen“, hatte Axel Kromer, Sportvorstand im Deutschen Handball-Bund (DHB), öffentlich bestätigt.

Am 6. Februar folgte die urplötzliche Trennung vom gebürtigen Köthener – weil der als Vereinstrainer überaus erfahrene wie erfolgreiche Routinier Alfred Gislason zu haben war und sich das DHB-Präsidium mit 7:2-Stimmen gegen Prokop und für den Isländer entschied.

Seit dem Rauswurf für niemanden zu sprechen

Ein Dolchstoß aus dem Hinterzimmer durch die ehrenamtlichen Präsidiumsfunktionäre, die ihre Entscheidung gegen den hauptamtlichen Sportvorstand Kromer trafen. Prokop habe es wie ein Schlag getroffen, war danach zu lesen. Er soll sogar noch offizielle Termine im Februar gehabt haben. Stillos sei das verlaufen, gestand indes selbst Vizepräsident Bob Hanning damals im ZDF-Sportstudio. „Wir haben uns selbst um Kopf und Kragen geredet, dafür steht man jetzt in der Kritik – und das zu Recht.“

Prokop dagegen ist seit jenem 6. Februar abgetaucht und für niemanden zu sprechen. Lediglich dem Fachmagazin Handball Inside hatte er im Frühjahr mal mitgeteilt, dass er sich „zu gegebener Zeit offiziell“ zu den Hintergründen seiner Freistellung äußern wolle. Passiert ist nichts. Prokop schweigt beharrlich; auch auf aktuelle Anfragen zum WM-Start reagierte er nicht.

Der Mann, der in den vergangenen drei Jahren bei den großen Turnieren im Januar immer medial omnipräsent war, ist derzeit ein Phantom. Ganz offensichtlich Prokops Strategie, die Enttäuschung der auch für ihn komplett unerwarteten Demission zu verarbeiten.

Vertrag läuft noch bis 2022

Kontakt hält der 42-Jährige derzeit ausschließlich mit Familie, schon immer seine größte Stütze, und Freunden. Nach dem Stress der knapp dreijährigen Amtszeit, die seit der EM 2018 von Kritik an seiner Arbeit belastet war, widmet sich Prokop vor allem seiner Frau und seinen beiden Kindern.

Er wohnt weiterhin in Leipzig, ist aber bei öffentlichen Anlässen wie beispielsweise den Heimspielen seines Ex-Vereins SC DHfK nicht präsent. Es gehe ihm gut, berichten Freunde. „Wir sind freundschaftlich miteinander verbunden, haben ab und zu Austausch – über Privates ebenso wie über Handball. Und darüber freue ich mich“, betont DHfK-Manager Karsten Günther.

Ob und wann Prokop wieder in den Handball zurückkehrt, scheint derzeit völlig offen zu sein. Eine Anfrage des niedersächsischen Drittligisten TuS Vinnhorst, der alimentiert von Multimillionär Martin Weiß in die zweite Liga aufsteigen will, soll Prokop im Sommer abgelehnt haben. Noch bezieht er zudem nach wie vor volles Gehalt vom DHB. „Er ist freigestellt, aber sein Vertrag läuft noch bis 2022 – es sei denn, Christian bittet uns um Freigabe“, sagt Verbandspräsident Andreas Michelmann, der Prokop vor einem Jahr die Trennung mitgeteilt hatte.

Die zweitbeste Bilanz aller Bundestrainer

Aktuell zahlt der DHB damit zwei Bundestrainergehälter; Prokop soll etwa 220.000 Euro im Jahr verdienen. Eine Einigung auf eine Abfindung war bislang kein Thema, es besteht nicht mal mehr Kontakt. Das Tischtuch zwischen dem Ex-Bundestrainer und dem größten Handballverband der Welt, sagen Insider, sei mehr als zerrissen.

An der Trennung von Prokop aber zweifelt DHB-Präsident Michelmann auch mit einem Jahr Abstand nicht. „Die Art und Weise der Entscheidung war zwar ungewöhnlich und kam für viele überraschend, aber letzten Endes war es eine Entscheidung des Präsidiums, und dazu stehe ich“, sagte Michelmann jetzt erneut.

Trotz der insgesamt zweitbesten Sieg- und Punktebilanz, die je ein Bundestrainer hatte (1,528 Punkte im Schnitt, 71,7 Prozent Siege) musste Prokop vorzeitig gehen. Der Verband sah das große Ziel Olympia in Gefahr. Für das Turnier in Tokio hätte sich die Mannschaft im April 2020 noch qualifizieren müssen, in Spielen unter anderem gegen Schweden und Slowenien.

Ironie einer unrühmlichen Geschichte

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Dass dann Corona kam, Gislason ein halbes Jahr auf das Bundestrainer-Debüt warten musste und die Olympia-Qualifikation immer noch aussteht, gehört zur Ironie dieser unrühmlichen Geschichte.

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