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Kein Platz in Dresden für die beste Klippenspringerin

Iris Schmidbauer startet nach knapp zwei Jahren wieder bei Wettkämpfen und sucht einen Trainingsort. Ihre Wahlheimat Dresden sagt ab - wegen Olympia.

Neben Athletik und Kraft erfordert das Abheben aus 21 Metern Höhe auch viel Mut. Iris Schmidbauer ist Deutschlands beste Klippenspringerin.
Neben Athletik und Kraft erfordert das Abheben aus 21 Metern Höhe auch viel Mut. Iris Schmidbauer ist Deutschlands beste Klippenspringerin. © www.redbullmediahouse.com

Im zweiten Anlauf hat es dann doch geklappt mit dem Flug von Neuseeland zurück nach Europa. Die Behörden akzeptierten endlich den Corona-Test von Iris Schmidbauer. Ärgerlich war die Verzögerung trotzdem, weil wertvolle Zeit verloren ging. Zeit, um den Jetlag abzuschütteln und sich auf den ersten Wettkampf nach fast zwei Jahren vorzubereiten.

So eine lange Pause ist für jeden Spitzensportler schwierig, bei Schmidbauer könnte es noch dazu gefährlich sein. Die 26-Jährige ist Deutschlands beste Klippenspringerin, stürzt sich aus 21 Metern Höhe ins Wasser. Mitte September 2019 konnte sie das letztmals vor der beeindruckenden Kulisse des Guggenheim-Museums in Bilbao. Es war der vorerst letzte Wettkampf im Rahmen der Red-Bull-Serie. Am Wochenende geht es nun im französischen Saint-Raphaël weiter. Vorher wollte sie zumindest noch ein paar Sprünge aus dieser Höhe machen.

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Huard, Dotzler und Ranta werden zur neuen DEL2-Saison nicht zurückkehren. Die sportliche Führung teilte ihnen mit, dass nicht mehr mit ihnen geplant wird.

„Ich bin selbst gespannt, wie nervös ich sein werde“, sagt Schmidbauer. „Ich muss mal schauen, welche Schwierigkeiten ich mir zutraue. Es wird schon Überwindung kosten.“ Trainingsmöglichkeiten für diesen Extremsport gibt es kaum, in Deutschland enden alle Sprungtürme bei zehn Metern. Bei den Nachbarn in Österreich gibt es eine Option in der Area47, einem Outdoor-Freizeitpark im Ötztal. Dort trainiert sie für einige Tage, bevor sie nach Frankreich fliegt.

Die letzten knapp zwei Jahre lebte sie in Neuseeland, wohnte am Rand der Hafenstadt Auckland. Das war so nicht geplant, eine Mischung aus Faszination für Land und Leute sowie den Corona-Beschränkungen hielt sie dort. Sie erstellte Fitnesspläne und Reha-Programme in einer Praxis, kellnerte in einem Club und trainierte – soweit das möglich war. Der Lockdown oder der kaputte Pool verhinderten das mitunter. „Optimal war es sicher nicht“, sagt sie. Doch es gab im gesamten vergangenen Jahr auch keinen Wettkampf.

Nun geht es wieder los, wenn auch anders als vorher. Sämtliche sechs Stationen der vom Brausehersteller gesponserten Serie liegen in Europa – wegen Corona. Deshalb wollte Schmidbauer zurück in die Heimat, am liebsten in die Wahlheimat Dresden. Dorthin war die Münchnerin im Januar 2019 gezogen, um am Bundesstützpunkt der Wasserspringer mit Tina Punzel und Martin Wolfram trainieren zu können. Derzeit geht das jedoch nicht. „Man hat mir gesagt, dass man sich auf die Olympiavorbereitung konzentrieren will“, erzählt sie. Ende Juli beginnen in Tokio die Sommerspiele, Cliff Diving, so der englische Name der Sportart, ist aber nicht olympisch. „Noch nicht“, wie Schmidbauer betont.

Im Januar 2019 zog die Münchnerin wegen der optimalen Trainingsbedingungen nach Dresden.
Im Januar 2019 zog die Münchnerin wegen der optimalen Trainingsbedingungen nach Dresden. © Sven Ellger

Den Unterschied spürt sie in diesen Tagen besonders. Um einen Trainingsort zu finden, hatte sie auch eine Mail an den Wassersprung-Bundestrainer Lutz Buschkow geschickt, der gerade zusätzlich als Interims-Sportdirektor beim Deutschen Schwimmverband (DSV) fungiert. Als Antwort bekam sie die Kontaktdaten von Anna Bader, der ersten deutschen Klippenspringerin, die nach der Geburt von zwei Kindern leichtere Sprünge absolviert und nur noch mit einer Wildcard bei der Red-Bull-Serie antritt. Helfen konnte die aber nicht.

Die Unterstützung vonseiten des Verbandes, so hat man das Gefühl, hält sich in überschaubaren Grenzen. Die Stelle des High-Diving-Verantwortlichen ist derzeit unbesetzt, eine finanzielle Förderung für die beste deutsche Athletin gibt es nicht. Dabei gehört die Disziplin seit 2013 zum Programm von Schwimm-Weltmeisterschaften, bei der WM 2019 in Gwangju (Südkorea) belegte die Sporttherapie-Doktorandin den achten Platz. Der Verband aber konzentriert sich auf die olympischen Brett- und Turmspringer. An deren Erfolgen hängen Fördergelder und Trainerstellen. Gewinnt Schmidbauer eine Medaille, bekommt der DSV nichts.

Immerhin soll sie in der zweiten Jahreshälfte bei Lehrgängen mitmachen können, um sich auf einen Weltcup im Herbst in China vorzubereiten. Vorher aber steht die World Series an. In der bekam sie aufgrund ihrer Leistungen in der Saison 2019 einen der acht begehrten festen Startplätze, ist somit nicht mehr auf Wildcards angewiesen. Das ist auch finanziell wichtig. „Ich habe jetzt endlich mal wieder ein festes Einkommen“, sagt sie. Der Namensgeber der Serie zahlt nicht nur die Flüge und Unterkünfte, sondern auch Prämien. Die Sieger bekommen 10.000 Euro, für Platz zehn gibt es 1.000 Euro.

Iris Schmidbauer springt vor atemberaubenden Kulissen wie hier im italienischen Polignano a Mare.
Iris Schmidbauer springt vor atemberaubenden Kulissen wie hier im italienischen Polignano a Mare. © www.redbullcontentpool.com

Doch ob sie bis zum Ende der Saison antreten wird, weiß sie noch nicht. „Ich habe keinen Sponsor gefunden, und gefördert werde ich vom Verband auch nicht“, sagt sie. Während des Neuseeland-Trips hatten sie ihre Großeltern unterstützt, nun drängen die Eltern darauf, dass sich ihre Tochter um die berufliche Zukunft kümmert. Aber wo? In Auckland, Dresden oder Bozen? In Südtirol ist sie nicht nur wegen der Nähe zur Area47 gelandet. Hier kann sie derzeit auch mit dem italienischen Wassersprung-Nationalteam trainieren, einen Zehnmeter-Turm gibt es in der Halle wie im Freien. Schmidbauer teilt ihre Sprünge dann in zwei Hälften und setzt sie bei den Wettkämpfen wieder zusammen. So hat sie das in Dresden gemacht und zuletzt auch in Neuseeland.

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Kehrt sie nach der Saison dorthin wieder zurück? „Das kommt auch darauf an, ob ich ein neues Visum bekomme. Beantragt habe ich es“, sagt sie. Vielleicht kümmert sie sich aber auch um eine Arbeitsstelle. Oder sie darf dann wieder in Dresden trainieren und sich auf die WM 2022 im japanischen Fukuoka vorbereiten. Überraschende Wendungen gibt es im Leben der Iris Schmidbauer immer wieder. Und manches klappt erst im zweiten Anlauf.

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