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Das Geheimnis um seine schwere Rückenverletzung

Warum sich Kanu-Olympiasieger Tom Liebscher bei einem Verbandslehrgang eine Fraktur zugezogen und das auch noch monatelang verschwiegen hat.

Kanu-Olympiasieger Tom Liebscher aus Dresden kann wieder voll trainieren. Lange sah es nicht danach aus.
Kanu-Olympiasieger Tom Liebscher aus Dresden kann wieder voll trainieren. Lange sah es nicht danach aus. © Robert Michael

Dresden. Olympiasieger Tom Liebscher hat ein gut gehütetes Geheimnis am Donnerstag öffentlich gemacht. Der 27-jährige Kanute vom KC Dresden hatte sich am 31. Oktober 2020 bei einem Nationalmannschafts-Lehrgang schwer verletzt – pikanterweise bei einer Teambuildingmaßnahme. Dafür war die viertägige Zusammenkunft in Immenstadt im Allgäu gedacht.

Bei einer Wildwasser-Rafting-Tour auf der Iller zwischen Oberstdorf und Immenstadt ist Liebscher aus dem Boot geschleudert worden und beim Aufprall offenbar auf einem Stein gelandet. Die niederschmetternde Diagnose: fünffache Wirbelfortsatzfraktur im Rücken. Das bedeutet: Die knöchernen Querfortsätze der Wirbelsäule waren massiv geschädigt. „Die Querfortsätze sind dazu da, die Muskulatur zu halten, die die Hüftbeugung und das Aufrichten ermöglicht. Das ist relativ schmerzhaft“, erklärt der behandelnde Prof. Dr. Alexander Carl Disch, Sektionsleiter Wirbelsäule am Universitätsklinikum Dresden. Eine solche Verletzung hatte sich Fußballstar Neymar im WM-Viertelfinale 2014 zugezogen und dadurch anschließend im legendären Halbfinale gegen Deutschland gefehlt.

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Nach knapp sechswöchiger Pause mit Wassergymnastik kehrte Liebscher wieder in einen recht normalen Alltag und Trainingsrhythmus zurück. Der Deutsche Kanu-Verband (DKV) hatte sich damals in seinem öffentlichen Bericht über den Lehrgang nicht zu dem Vorfall geäußert – und schweigt weiter. „Es ist bei uns nicht üblich, dass wir sensible Daten von Athleten preisgeben. Das liegt in der Verantwortung der Sportler“, erklärt DKV-Sportdirektor Jens Kahl auf SZ-Nachfrage. Teambildende Maßnahmen und Lehrgänge gebe es beim DKV weiter, „aber wir werden künftig noch besser überlegen, wie wir das so risikoarm wie möglich mit Inhalten füllen“, sagt Kahl.

Warum Liebscher selbst über den Unfall und die Verletzung so lange schwieg, erklärt der Olympiasieger mit dem Kajak-Vierer von 2016 etwas schwammig. „Es hat mir unglaublich viel Ruhe gegeben. Ich musste niemandem beweisen, ob ich beim Aquajogging bereits eine Runde mehr geschafft habe. Ich konnte mich komplett unter dem Radar neu fokussieren, auf mich konzentrieren. Jetzt war der richtige Moment, um reinen Tisch zu machen. Das vertrage ich jetzt auch wieder“, sagt Liebscher.

Das Trainingslager im türkischen Belek macht Mut

Eine Schuldfrage oder die Sinnhaftigkeit des Rafting-Ausflugs allgemein stellt er nicht infrage. „Da sind viele Zufälle aufeinander gekommen. Keiner hat etwas falsch gemacht. Ich war im falschen Moment am falschen Ort. Ich würde es auch wieder so machen“, sagt der sechsfache Weltmeister.

An seinem Optimismus hat auch das dreiwöchige Trainingslager im türkischen Belek seinen Anteil, aus dem Liebscher Anfang der Woche zurückkehrte. „Es lief besser als gedacht. Man merkt schon, dass man nicht vollumfänglich fit ist. Ich habe zweieinhalb Stunden im Boot sitzen können pro Tag – und das drei Wochen hintereinander. So viel langsamer bin ich nicht geworden“, stellt der Dresdner fest. Der Trainingsrückstand zu seinen Vierer-Kollegen aber bleibt. „Zum Vergleich: Ab Oktober schaffen wir bis Weihnachten ungefähr knapp 1.000 Trainingskilometer. Ich bin jetzt bei 800 oder 900“, sagt Liebscher.

Mediziner Disch sieht derzeit jedoch keine Probleme. Liebschers Olympia-Teilnahme ist nicht gefährdet. Der Traum vom erneuten Olympiasieg lebt. „Davon gehe ich fest aus. Der Heilungsverlauf ist sehr gut bei ihm. Er bewegt sich in der Spezifik auch schon gegen große Widerstände. Wir sind sehr guter Dinge“, so Disch. Liebscher wird indes noch immer regelmäßig physiotherapeutisch behandelt. „Ich kenne jetzt ganz viele Übungen, die ich auch allein für mich absolvieren kann“, sagt Liebscher, der Student für Verkehrsingenieurwesen.

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Um bei Olympia in Tokio überhaupt an den Start gehen zu dürfen, muss auch er sich zunächst über nationale Regatten für die Nationalmannschaft qualifizieren. Der erste Termin dafür ist am Osterwochenende in Duisburg. „Bis dahin muss ich fit werden. Ich sehe mich auf einem guten Stand und habe seit der Verletzung keinen Zweifel, dass irgendetwas schiefgehen könnte“, sagt Liebscher. In anderthalb Wochen steht bereits das nächste Trainingslager in Belek an – dieses Mal ohne vorgeschaltete teambildende Maßnahmen.

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