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Katarina Witt – Weltstar aus der DDR

Eine Dokumentation zeichnet die Karriere der Eiskunstläuferin nach. Bei der Premiere erzählt sie von Schattenseiten – und ihrem Deal mit der Stasi.

Ein ernster, intensiver Blick zurück. Die Aufnahmen zum neuen Dokumentarfilm über Katarina Witts Leben führen auch nach Chemnitz in die Eishalle, wo die Karriere des Weltstars aus der DDR begann.
Ein ernster, intensiver Blick zurück. Die Aufnahmen zum neuen Dokumentarfilm über Katarina Witts Leben führen auch nach Chemnitz in die Eishalle, wo die Karriere des Weltstars aus der DDR begann. © MDR/Vincent TV

Chemnitz. Mit den Corona-Regeln ist das so eine Sache. „Ihr seid kaum zu erkennen“, sagt Katarina Witt beim Wiedersehen mit Freunden. Selbst sie, „das schönste Gesicht des Sozialismus“, ist in dieser Zeit mit Maske fast inkognito unterwegs – aber eben nur fast. Ihre Stimme verrät sie und erst recht das Lachen, laut, unverwechselbar, so typisch. Nur ist das am Donnerstag selten zu hören, sehr untypisch für Katarina Witt.

Stattdessen überkommt die 54-Jährige an diesem Abend in einem Chemnitzer Kino ein eigenartiges Gefühl, das sie mühsam versucht, in Worte zu fassen. Ein Dreifach-Sprung mit Schlittschuhen wäre dagegen jetzt wohl ein Kinderspiel für die beste Eiskunstläuferin aller Zeiten. „Man kennt ja schon alles und dann so aneinandergereiht...“, sagt sie, holt tief Luft und spricht den Satz doch nicht zu Ende. Sichtlich ergriffen ist Katarina Witt von dem, was kurz vorher auf der Kinoleinwand zu sehen gewesen ist: Ein Leben, von dem nicht nur sie meint, alles zu wissen. Es ist ihr Leben.

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Katarina Witt zeigt am 18.02.1984 bei den XIV. Olympischen Winterspielen von Sarajevo mit Erfolg ihren Kürvortrag und gewinnt die Goldmedaille - ein Erfolg, den sie vier Jahre später in Calgary wiederholen wird.
Katarina Witt zeigt am 18.02.1984 bei den XIV. Olympischen Winterspielen von Sarajevo mit Erfolg ihren Kürvortrag und gewinnt die Goldmedaille - ein Erfolg, den sie vier Jahre später in Calgary wiederholen wird. © Harry Melchert/dpa

„Katarina Witt – Weltstar aus der DDR“, lautet der Titel des spannend erzählten, berührenden und mitunter zu Tränen rührenden Dokumentarfilms, der die sportliche Karriere nachzeichnet und am Donnerstag in exklusivem Kreis zu sehen war, ehe er in den nächsten Wochen dann bei Arte, in der ARD und im MDR läuft. Filmautor Jobst Knigge bringt die 90 Minuten auf den Punkt: privilegierte Einblicke in ein privilegiertes Leben.

„Mit fremden Menschen diese Geschichte zu teilen, ist auch ein bisschen komisch. Aber es hat sich gelohnt, noch einmal das Vertrauen zu jemanden gefunden zu haben“, erklärt Katarina Witt danach ungewohnt nachdenklich. Eigentlich, so dachte sie, sei doch alles, wirklich alles auserzählt. Von ihr und über sie: Olympiasiegerin 1984 und 1988, viermal Welt-, sechsmal Europameisterin, Liebling der DDR-Politiker, Begünstigte des Systems, gleichzeitig weltberühmt, ein Superstar und nach Marilyn Monroe die Einzige, die dem Playboy eine ausverkaufte Ausgabe bescherte.

Und dennoch ist Katarina Witt schwer zu fassen, als Mensch und auch als Frau. Natürlich ist sie im Hier und Jetzt angekommen, führt eine eigene Stiftung, kennt die Schönen und Reichen, hat vor knapp einem Jahr erst ein Sportstudio in Potsdam eröffnet. 

„Kurvenstar“ heißt es. Und doch, das wird an diesem Abend deutlich, blickt sie immer wieder und inzwischen immer öfter zurück auf das, was früher war – in der Wendezeit und den Jahren zuvor.

Motivation waren Auslandsreisen

Es ist ihr anzumerken, dass sie Geschichte nicht verklären will und doch zu ihrer ganz persönlichen Geschichte steht, vielleicht sogar mehr denn je.„Ich wünsche mir, den Osten nicht nur auf Defizite zu reduzieren“, sagt sie, wohlwissend, als erfolgreiche Leistungssportlerin und damit Privilegierte im DDR-System gewisse Vorteile genossen zu haben. Die regelmäßigen Fahrten ins KA, gemeint ist das kapitalistische Ausland („Das war die größte Motivation, aber wissend, dass es keine Urlaubsreise ist“), die eigene Wohnung, ein Auto sowie die Möglichkeit, als Profi auf Welttournee gehen zu dürfen. Bedingung dafür: der zweite Olympiasieg. Sie bezeichnet das als ihren Deal mit dem Ministerium für Staatssicherheit.

Eine Ausnahme nur für sie. Die Stasi, sagt sie im Film und ist sich jedem Wort bewusst, „war für mich nie das Problem, sondern Teil meiner Lösungen“. Wenn es um ihren Sport ging, stellt sie rückblickend fest und das bestätigen enge Wegbegleiter wie Eiskunstlauf-Olympiasieger Brian Boitano und Choreografin Sandra Bezic, „dann hatte ich meinen gesunden Egoismus. Ich wollte Eislaufen.“

Der Leistungssport hat sie sehr nachhaltig geprägt, das verdeutlicht dieser Abend ebenfalls. Die Einstellung, etwas schaffen zu müssen, nicht zu hadern, sich auch größten Herausforderungen zu stellen und selbst bei Niederlagen weiterzumachen, trägt Katarina Witt in sich. „Der Leistungssport“, sagt sie, „ist ein Fluch des Lebens“.

Ein Stück weit wirkt die Frau, die mit sich und ihrem bisherigen Leben absolut im Reinen ist, trotzdem wie eine Getriebene. „Ich versuche immer noch, Wurzeln zu schlagen“, gesteht Katarina Witt.

Kommt aus Chemnitz, sortiert den Begriff Heimat aber anders ein: Katarina Witt.
Kommt aus Chemnitz, sortiert den Begriff Heimat aber anders ein: Katarina Witt. © dpa/Hendrik Schmidt

Wo ihre Heimat ist? Chemnitz, also das frühere Karl-Marx-Stadt und damit jener Ort, in dem sie ihre Kindheit verbrachte? Oder Berlin, wo sie inzwischen schon seit einigen Jahren lebt? Oder doch die Eisflächen dieser Welt, auf denen man, wie sie es ausdrückt, wirklich frei ist?

„Ich muss ganz ehrlich gestehen, ich habe angefangen, den Begriff Heimat anders zu sortieren“, antwortet sie erst zaghaft, um dann prinzipiell zu werden: „Es ist schon unser Land verschwunden, das muss man so sagen – auch wenn wir jetzt ein gemeinsames Deutschland sind und das richtig und schön ist.“ Ein bisschen entwurzelt fühle sie sich, weil das Land, in das sie hineingeboren wurde, nicht mehr da ist. Und Katarina Witt stellt fest: „Wir sprechen die gleiche Sprache und doch merkt man, dass wir mit anderen Filmen, anderer Musik, anderen Sachen aufgewachsen sind.“

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Zurückzukommen nach Chemnitz sei deshalb immer wieder total emotional. „Tatsächlich ist die Vergangenheit mehr Heimat als das, was ich jetzt erlebe. Das ist irgendwie anders“ sagt Katarina Witt, obwohl sie betont, inzwischen mehr Jahre im gemeinsam Deutschland gelebt zu haben als in der DDR. „Heimat“, sagt sie am Ende eines intensiven Abends, „sind dann doch eher die Lieder, die ich von Karat höre.“ Beim „Schwanenkönig“ könne sie immer noch gleich anfangen zu heulen.

"Katarina Witt - Weltstar aus der DDR": am 23. September auf Arte, am 3. Oktober in der ARD und am 11. Oktober im MDR.

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