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Corona trifft Sport: Keine Zuschauer, keine Zukunft

Die Angst vor einem zweiten Lockdown geht mehr denn je um. Die neuesten Zahlen sind alarmierende, auch für Vereine. Heute entscheidet die Kanzlerin.

Die Corona-Realität hat auch den Fußball eingeholt. Die Tribünen wie hier in Dresden leeren sich wieder, es droht der nächste Komplettausschluss.
Die Corona-Realität hat auch den Fußball eingeholt. Die Tribünen wie hier in Dresden leeren sich wieder, es droht der nächste Komplettausschluss. © Jan Huebner

Dresden. Die Nachrichtenlage wird wieder mehr denn je dominiert von dem C-Wort. Die Realität hat auch den Sport eingeholt. Egal, ob Welt- oder Kreisklasse-Niveau, ob Sportler, Trainer, Funktionär oder Fan: Diese Pandemie, also die weltweit starke Ausbreitung einer Infektionskrankheit mit hohen Erkrankungszahlen, geht alle an. Und mit den rapide zunehmenden Corona-Fällen steigt die Angst vor dem nächsten Lockdown, nicht zuletzt in Deutschland, vor allem auch im Sport.

Spiele werden verschoben, ganze Meisterschaften und Turniere abgesagt, Konzepte entwickelt und gleich wieder verworfen. Zudem sorgen die in Bundesländern und Städten unterschiedlichen Corona-Maßnahmen zusätzlich für Verwirrung.

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Das mitunter schon skurril anmutende Durcheinander erreichte am Dienstag in Köln einen kaum nachvollziehbaren Höhepunkt. Während am Mittag 999 Menschen beim ATP-Turnier mit Tennisstar Alexander Zverev in der Lanxess-Arena dabei sein durften, waren Zuschauer für das Länderspiel des deutschen Fußball-Nationalteams am Abend auf der anderen Rheinseite, keine acht Kilometer entfernt, komplett ausgeschlossen. Offizielle Begründung: die hohen Infektionszahlen in Köln.

Rückkehr zu ungeliebten Geisterspielen droht

Die Forderungen nach zumindest bundeseinheitlichen Regelungen im Sport werden nun wieder vehementer – wobei es bereits an diesem Mittwoch eine kategorische Lösung geben könnte. Bundeskanzlerin Angela Merkel berät mit den Ministerpräsidenten über neue Einschränkungen. Von „historischen Dimensionen“ ist die Rede. „Man kann überlegen, ob man bei Fußballspielen wieder weniger Leute oder gar keine reinlässt“, hat Merkel erst kürzlich nach einem Treffen mit den Bürgermeistern von elf Großstädten erklärt.

Fakt ist: Dem Sport droht die Rückkehr zu den vom Fußball im Mai praktizierten, ungeliebten Geisterspielen. Denn wenn jetzt in immer mehr Städten die Corona-Ampel auf Rot springt, muss die Fan-Zulassung in den Stadien zwangsläufig in den Fokus rücken. Wie schnell das gehen kann, zeigt das Beispiel Dynamo Dresden.

Mitte vergangener Woche startete der Fußball-Drittligist mit dem Kartenverkauf für das Spiel gegen Magdeburg, und über 10.000 Tickets waren schon abgesetzt, als den Verein am Freitagvormittag das coronabedingte Veto vom Gesundheitsamt erreichte. Von jetzt auf gleich waren nur 999 Zuschauer zugelassen

Dynamo Dresdens Trainer Markus Kauczinski plädiert für Pragmatismus. Es gelte, das Beste aus der Situation zu machen.
Dynamo Dresdens Trainer Markus Kauczinski plädiert für Pragmatismus. Es gelte, das Beste aus der Situation zu machen. © dpa/Robert Michael

„Keiner vermag im Moment zu sagen, wie es weitergeht. Wenn es wieder einen Lockdown gibt, wird es auch den Fußball treffen – weil wir ein Teil der Gesellschaft sind“, sagt Dynamo Dresdens Trainer Markus Kauczinski, sozusagen stellvertretend für seine Sportart, de facto aber für den gesamten Sport. Sein Motto in diesen Tagen: „Es gibt jetzt nichts zu befürchten, sondern es gilt immer nur, das Beste aus dem zu machen, was die Situation gerade hergibt.“

Dabei befindet sich der Fußball weiterhin in einer noch relativ komfortablen Lage – verglichen mit den Hallensportarten. Beim Handball, Volleyball sowie auch Basketballern oder Eishockeyteams, die noch gar nicht in die Saison gestartet sind, stellen sich seit Monaten schon existenzielle Fragen. Diese Sportarten sind zwingend auf Zuschauereinnahmen angewiesen.

Selbst Kompromisslösungen wie jene 999 sind für die allermeisten Vereine nicht kostendeckend. Zudem sorgen Sicherheitsmaßnahmen und die geforderten regelmäßigen Corona-Tests für Spieler und Trainer für zusätzliche, bislang nicht im Etat abgebildete Ausgaben. Kommt es nun zum generellen Ausschluss des Publikums, ist das Überleben vieler Vereine akut bedroht. „Der Profisport, wie wir ihn in Deutschland kennen, wäre dann nicht mehr durchführbar“, erklärt Frank Bohmann, Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, auf Nachfrage des Sportinformationsdienstes.

Und auch der olympische Sport bangt. Laut einer neuen Studie des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sehen zwei Drittel der Spitzensportverbände bis Ende 2021 ihre Existenz als gefährdet an.

Immer mehr infizierte Sportler und Betreuer

Darüber hinaus, so DOSB-Präsident Alfons Hörmann, gebe es noch die Sicht der Athleten, Vereine, Stützpunkte und Veranstalter, die von der Pandemie nicht minder stark betroffen sind. „Fachverbände, die ausreichend Rücklagen haben, um solche Situationen zu überstehen, kann man an einer Hand abzählen“, sagt Hörmann der Deutschen Presse-Agentur. Das dicke Ende könne für den Wintersport auch erst noch kommen. Zum Beispiel verlangen internationale Verbände in der bald beginnenden Weltcup-Saison regelmäßige Corona-Tests.

Vermehrt positive Fälle gibt es schließlich angesichts allgemein steigender Zahlen auch unter Sportlern, Trainern und Betreuern. Der Fußball-Zweitligist Osnabrück hat jetzt die Absetzung des für Sonntag geplanten Heimspiels gegen Darmstadt beantragt, nachdem zwei Spieler positiv auf Corona getestet wurden und das Gesundheitsamt für einen Großteil der Mannschaft eine 14-tägige Quarantäne anordnete.

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