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Wegen Corona: Durststrecke für Läufer

Die organisierte Laufbewegung ist zum Stillstand gekommen. Veranstalter bangen, Talente könnten auf der Strecke bleiben.

Leere Becher, fehlende Perspektive: Auch die Laufveranstalter sind von der Pandemie hart getroffen.
Leere Becher, fehlende Perspektive: Auch die Laufveranstalter sind von der Pandemie hart getroffen. © Archivbild: Lutz Hentschel

Von Andreas Schirmer

Dresden. Für Läufer ist es eine lange Durststrecke, für Veranstalter ein Wettlauf mit der Zeit und für manches Talent der Anfang vom Ende einer Karriere. Der Pandemie-bedingte Stillstand der organisierten Laufbewegung mit jährlich mehr als 3.000 Veranstaltungen und rund zwei Millionen Startern hat weitreichende Folgen.

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„Natürlich kann man draußen laufen, aber es ist eben etwas anderes, mit 1.000 Menschen an der Startlinie eines Rennens zu stehen“, sagt Gesa Krause, und die zweimalige Hindernis-Europameisterin spricht damit aus, was auch Millionen von Hobby- und Freizeitläufern denken.

Seit dem ersten Lockdown im März 2020 sind Laufveranstaltungen weitgehend auf der Strecke geblieben. Allein German Road Races (GRR), der Zusammenschluss deutscher Laufveranstalter, hat bei einer Umfrage unter seinen 80 Mitgliedern ermittelt, dass 2020 im Vergleich zu 2019 nur noch drei Prozent an realen Läufen teilnahmen. Oder besser: mangels Angeboten teilnehmen konnten.

Virtuelle Laufangebote fanden eine größere Resonanz, konnten den geschätzten Umsatzverlust von 80 Prozent aber nicht wesentlich kompensieren.

Die nächsten Absagen stehen fest

„Die Situation war und ist dramatisch“, betont der GRR-Vorsitzende Horst Milde. Kleinere Vereine und auch Unternehmen wie die Veranstalter von Marathons in Berlin, Frankfurt, Hamburg oder München hätten 2020 überstanden.

„Wenn es mit der Entwicklung aber so weitergeht, werden viele Veranstalter in die Pleite rutschen“, prophezeit er. Mit einer von ihm initiierten Petition „Rettet unsere Läufe“ versucht Milde, finanzielle Unterstützung von der Politik zu mobilisieren. „Ich habe klar gemacht, was auf dem Spiel steht“, sagt der 82 Jahre alte, frühere Leichtathlet und Initiator des Berlin-Marathons. Betroffen seien auch Hersteller von Urkunden, Medaillen, T-Shirts oder Toilettenhäuschen.

Die nächsten Absagen stehen indes bereits fest. So hat der Leipzig-Marathon, ursprünglich terminiert auf den 18. April, bekanntgegeben, dass der Lauf in diesem Jahr nur virtuell stattfindet. Heißt: Anmelden ist möglich, doch jeder läuft für sich. Auf den Sommer hofft indes der Oberelbe-Marathon – und hat den Termin vom 25. April auf den 11. Juli verschoben.

Und die Organisatoren der Team Challenge in Dresden, dem vor zwei Jahren mit 25.000 Teilnehmern viertgrößten deutschen Firmenlauf, bieten jetzt mit dem 16. und 17. Juni zwei Lauftage an – für jeweils 5.000 Läufer. Das Bemerkenswerte: Mehr als 6.000 Startplätze sind bereits vergriffen.

Leichtathletik-Verband steht in der Kritik

Auslöser von Mildes Petition war allerdings auch, dass sich die Veranstalter vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) im Stich gelassen fühlten. „Der DLV rühmt sich, 3.000 Laufveranstaltungen zu haben, und verdient daran – nämlich 50 Cent pro Finisher. Wir haben aber vermisst, dass der Verband uns jetzt gefragt hat, wie wir über die Runden kommen“, sagt Milde.

DLV-Präsident Jürgen Kessing entgegnet, dass der Verband seit Beginn der Coronakrise versuche, mit Serviceangeboten zu helfen. „Hinzu kommen Gespräche mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und der Politik. Sowohl von Veranstaltern als auch von den German Road Races wissen wir, dass es nicht nur finanzielle Schieflagen bei Laufveranstaltern, sondern auch existenzielle Probleme gibt“, sagt Kessing.

Die GRR hätten eine beachtliche Petition gestartet, die er „voll unterstütze“. Kessing: „Einmal mehr steht dabei die gesellschaftliche Bedeutung von Läufen im Fokus.“ Darüber hinaus geht es um den Lauf-Nachwuchs.

„Auf viele junge Talente wird das Auswirkungen haben, die man vielleicht erst in einigen Jahren sieht“, sagt Hindernisläuferin Krause und meint: „Ich bin mir sicher, dass das Spuren hinterlassen wird.“ Mit 12, 13 Jahren hätte sie nicht die Motivation gehabt, ihren Trainingsplan alleine abzuarbeiten. Milde sieht es ähnlich: „Der Motivationsschub, trete ich in den Verein ein, der liegt derzeit bei null.“

Sorge vor Kannibalisierung wächst

Auch Kessing erwartet, dass man mit dem einen oder anderen Mitgliederabgang rechnen müsse, obwohl aktuell noch „kein Schwund“ festzustellen sei. „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Grundsportarten Laufen, Springen, Werfen weiterhin ihren Reiz bei den Menschen behalten und, wenn es wieder möglich ist, in der Vereinsgemeinschaft gerne ausgeübt werden“, sagt der deutsche Leichtathletik-Chef.

Die Sorgen aber bleiben, selbst wenn Laufveranstaltungen – auch dank des Impfens – in den nächsten Monaten wieder im größeren Umfang möglich sein sollten. „Marathons in Berlin mit 40.000 oder in Hamburg mit 20.000 Startern werden diese Größenordnung erst mal nicht erreichen“, mutmaßt Milde. Viele ausländische Läufer würden angesichts der Corona-Situation in anderen Ländern nicht starten können.

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Zudem zeichnet sich ein weiteres Problem ab. „Wenn die Veranstalter ihre Läufe alle in den Herbst verlegen, werden sie sich kannibalisieren, wenn jeden Tag einer oder mehrere stattfinden würden“, sagt Milde. Aktuelles Beispiel: Der Rennsteiglauf, eigentlich immer Anfang Mai, findet erst am 2. und 3. Oktober statt. (dpa, mit SZ/-yer)

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