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„Der da oben wollte mich noch nicht haben“

Die Ärzte gaben Maik Aberle nach einem Unfall eine zweiprozentige Überlebenschance. Die hat der Schwepnitzer genutzt, nun segelt er sogar.

Maik Aberle ist stolz darauf, was er seit seinem Unfall vor acht Jahren erreicht hat.
Maik Aberle ist stolz darauf, was er seit seinem Unfall vor acht Jahren erreicht hat. © kairospress

Kamenz. Maik Aberle steht auf einem großen Hinterhof. Den Reißverschluss seiner blauen Sportjacke hat er fast bis zum Hals nach oben gezogen, er breitet seine Arme langsam aus, als wolle er fliegen – und dann sagt er fast verschwörerisch: „Mir ist wichtig, wenn ich jetzt was zeige, egal was ihr seht: Nichts sagen und mich nicht anfassen. Dann dreht das noch mehr durch. Ich kriege das alles in den Griff. Das braucht bloß ein paar Sekunden.“

Er springt mehrmals auf dem linken Bein, als würde er Kästchen hüpfen. „Siehste was?“, fragt er zwischendurch. Man sieht einen hüpfenden, älteren Herren. Dann wechselt Maik Aberle auf das rechte Bein – und hüpft einmal. Der 55-Jährige verliert die Kontrolle über seinen Körper, er strauchelt, taumelt, blanciert, aber er fällt nicht. Gut eine halbe Minute dauert es, bis Aberle wieder ruhig steht und Worte findet. Er hat dieses Experiment nicht zum ersten Mal vorgeführt. Er ist rechtsseitig gelähmt – sein Gehirn kann die Belastung auf der rechten Seite nicht mehr organisieren. Dass er hier in Schwepnitz auf dem Hinterhof steht, ist ein Wunder.

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„Ich hatte vorher eine totale Meise“

Rückblende: Am 30. August 2012 verliert Aberle, damals erfolgreicher Regionalchef eines Finanzdienstleisters, bei einer Probefahrt in Dresden die Kontrolle über sein Fahrzeug, wird auf die andere Fahrbahn geschleudert. Aberle vermutet als Ursache einen technischen Defekt. Das Bauteil für das DSC (Dynamische Stabilitäts Control) wurde dreimal ausgetauscht. Ein zwei Tonnen schwerer Mercedes SL rammt Aberles Fahrzeug im rechten Winkel. Im zerknautschten Beifahrerraum wird er begraben und atmet nicht mehr. Das Becken ist viermal gebrochen, der rechte Arm ebenfalls, sein Schädel mehrfach gespalten.

Just in dem Moment kommt ein junger Mann, angehender Rettungssanitäter, mit dem Rad am Unfallort vorbei. Aberle glaubt nicht mehr an Zufälle. „Der da oben“, sagt er, „wollte mich noch nicht haben.“ Der junge Mann – später erfährt Aberle, dass sein Lebensretter Tom heißt – belebt den Schwerverletzten so lange wieder, bis dessen Herz wieder anfängt zu schlagen – gegen den Rat eines ebenfalls zufällig hinzugeeilten älteren Kollegen.

Auf der Unfallstation der Uniklinik Dresden teilen die Ärzte Aberles Frau Annett die erschütternde Diagnose mit: Schädelhirntraume Stufe III. „Die Chance, dass ihr Mann aufwacht, liegt bei zwei Prozent. Wenn er aufwacht, gehen Sie davon aus, das er lebenslang im Rollstuhl sitzen wird und die Welt wie ein Vierjähriger betrachtet“, gibt Maik Aberle wieder, was seiner Ehefrau damals erzählt wurde. Bei ihm selbst klafft eine Erinnerungslücke, die sich von zwei Stunden vor dem Unfall bis vier Wochen danach ausdehnt.

Ein immer noch beeindruckendes Mundwerk

Seine Frau hat in dieser Zeit minutiös Buch geführt. Auch dafür braucht man unendlich viel Kraft. Die hat auch Maik Aberle bewiesen – und der Statistik ein Schnippchen geschlagen. „Die habe ich beschissen“, sagt er und lacht laut. Seine Formulierungen klingen hin und wieder derb. Aberles Hirnverletzungen ähneln dehnen von Formel-1-Legende Michael Schumacher. Im Gegensatz zum ehemaligen Motorsport-Profi spricht der Sachse über sein Schicksal. Meistens ohne Punkt und Komma.

„Vielleicht war der Unfall das größte Glück, das mir passieren konnte. Die letzten acht Jahre waren die spannendsten meines Lebens“, sagt er. Den 30. August feiert er tatsächlich als „wichtigsten Tag in meinem neuen Leben. Ich hatte vorher ein ganz anderes, hatte eine totale Meise“, sagt der ehemalige Vermögensberater. Ein Workaholic. Sieben Tage jeweils 14 Stunden am Tag sei er für seine Kunden da gewesen, sagt er.

„Ich habe 34.000 Kunden betreut und von früh bis abends gequatscht“, erzählt er kichernd. 120 seiner persönlichen Kunden haben ihn dann aufgrund eines Zeitungsartikels in der ersten Reha in Pulsnitz besucht. „Das war beeindruckend. Mir standen jeden Abend die Tränen in den Augen“, erinnert sich Maik Aberle.

Sein Mundwerk ist immer noch beeindruckend. Episode für Episode reiht er übergangslos aneinander. Es ist fast unmöglich, ihm eine Frage zu stellen. Wenn es doch gelingt, passiert etwas mit dem Redelustigen. Er schließt seine Augen, führt seine Hände ganz leicht Richtung Kopf – hinter seiner Stirn arbeitet es. „Wenn ich über etwas rede, was mich fasziniert, merkt man nichts. Wenn ich über etwas spreche, was mich belastet, haut die Sprache ab, der Körper dreht total frei“, erklärt Aberle, als er wieder Worte gefunden hat.

Segelschein sollte vor acht Jahren gemacht werden

Wortreich und ironisch beschreibt er, wie sein neues Leben als Schwerbehinderter aussieht. „Beruflich mache ich seit acht Jahren Reha“. Jeden zweiten Mittwoch bekommt er in der Dresdner Praxis für Bewegung eine Stunde Gruppen- und eine Stunde Einzeltherapie in der Feldenkrais-Methode, jeden Donnerstag stehen zwei Stunden Ergo-, eine Stunde Physiotherapie an – zudem eine Stunde Logopädie, anschließend 40 Minuten Massage und 45 Minuten Lymphdrainage. Einmal im Monat stellt sich Aberle bei Osteopathen vor, zusätzlich trainiert er Qigong und Taijiquan „im Rahmen meiner körperlichen Möglichkeiten, aber es ergänzt meine Therapien sinnvoll“.

Den größten Einfluss auf seine weiterhin wundersame Genesung aber hat der Segelsport. Richtig, Maik Aberle segelt. Seinen Segelschein wollte der Schwepnitzer eigentlich im September 2012 machen. Das Schicksal kam dazwischen, aber nur als Bremse. Wenn sich Maik Aberle einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann setzt er das auch um. Also segelt Aberle einfach. Dabei kommt ihm die Bootsbeschaffenheit in der Klasse 2.4mR zugute.

Die Zahl ist ein Vermessungswert, der sich u. a. aus den Längen-, Breiten- und Verdrängungswerten des Rumpfes sowie den Segelmaßen ergibt. Die Metre-Yule-Yacht ist unsink- und unkenterbar wegen eines 180 Kilogramm schweren Bleikiels und Schwimmkörpern in Bug und Heck. „Das Boot hat zu 50 Prozent damit zu tun, dass ich wieder so geworden bin. Es ist der Wahnsinn, was ich damit erleben durfte. Damit kann jeder segeln, auch wenn man keine Ahnung hat“, sagt Aberle. „Aber wenn du schnell segeln willst, wird es eine Wissenschaft.“

Gesteuert wird das Boot über ein Fußpedal und 20 Strippen. „Beim Segeln“, sagt Aberle ehrfürchtig, „habe ich das erste Mal wieder die rechte Hand benutzt.“ Ganz entgegen seinem Naturell fasst der Invalidenrentner die Faszination des Bootes in vier knackige Worte: „Es ist der Hammer.“

Zum Training muss er nach Berlin

Das findet der gelernte Klempner auch, weil seine Bootsklasse die einzige im weltweiten Sport ist, die Menschen jeglicher Fasson verbindet. Alte, Junge, Kranke, Gesunde, Behinderte, Nichtbehinderte, Frauen und Männer. Bei Regatten treten alle gemeinsam an. „Alle segeln zu gleichen Bedingungen, das gibt es nirgends“, sagt er. Segeln gehört noch nicht zum paralympischen Programm. „Aber ich träume dennoch von einem Start“, verrät er.

Für die WM 2021 in Norwegen plant Aberle zumindest schon. Allerdings muss er dafür zum Training bis nach Berlin zum renommierten Trainer Bernd Zirkelbach fahren. In seinem Heimatklub, dem 1. Wassersportverein Lausitzer Seenland, kann er dafür nicht am Geierswalder See bei Senftenberg trainieren. Um sein Boot zu Wasser zu lassen, bräuchte er eine spezielle Krankonstruktion.

Er sucht deshalb nach Sponsoren, um den zusätzlichen Aufwand zu stemmen. Und wirbt dafür mit seiner ganz individuellen Erfahrung. „Im Boot fühle ich mich, als ob ich nichts hätte. Mein großes Ziel ist es, über das Segeln andere Schwerbehinderte aus ihrem Kämmerlein herauszuholen. Ich möchte beweisen, dass man trotz eines Handicaps – oder gerade deswegen – für sich eine Menge mit einem Sportgerät erreichen kann“, sagt er.

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