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Tod von Margitta Gummel: Ein Fernseher im Kreißsaal

Margitta Gummel wollte nach ihrem Olympiasieg in Mexiko 1968 nicht mit Wunderspringer Bob Beamon verglichen werden. Ein Nachruf.

Margitta Gummel beim Training während der Olympischen Sommerspiele in Mexiko 1968, bei denen sie kurz darauf die Goldmedaille im Kugelstoßen errang.
Margitta Gummel beim Training während der Olympischen Sommerspiele in Mexiko 1968, bei denen sie kurz darauf die Goldmedaille im Kugelstoßen errang. © dpa - Bildarchiv

Dresden. Weltrekorde lassen sich kaum seriös vergleichen. 1968 wurde es gemacht. In Mexiko war Weitspringer Bob Beamon bei den Olympischen Spielen auf sagenhafte 8,90 Meter gesegelt. Damit hatte der US-Amerikaner die Bestmarke um unglaubliche 55 Zentimeter gesteigert. Auf die gleiche Stufe stellten euphorische Chronisten den Kugelstoß-Weltrekord von Margitta Gummel.

Die Leipzigerin verbesserte für Olympiagold ihre eigene Höchstmarke um 75 Zentimeter. Erstmals hatte eine Frau die 19-Meter-Marke übertroffen. Aber schon ein Jahr später flog die Gummel-Kugel hinter die 20-Meter-Marke. Bob Beamons Weite übertraf bis heute nur ein Springer regulär – Landsmann Mike Powell mit 8,95 Metern bei der WM 1991 in Tokio. Dagegen stießen inzwischen mehr als 100 Frauen weltweit die Kugel weiter als 19,70 Meter.

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Margitta Gummel beteiligte sich nicht an den Vergleichen. „Ich habe immer gesagt, dass der Weitsprung der Männer in Mexiko 1968 eine Jahrhundertleistung war. Die lässt sich nicht mit dem Kugelstoßen der Frauen vergleichen“, sagte sie 2005 im Interview mit der Sächsischen Zeitung. „Die Frauen-Leichtathletik war da noch eine vergleichsweise junge Sportart, in der es enormes Entwicklungspotenzial gab. Beamon sprang bei Superbedingungen. Auf meine Kugel hatte die dünne Höhenluft keinen Einfluss.“

Ein besonderes Kennzeichen von der Polizei

Margitta Gummel genoss den Olympiasieg, dieses Gefühl würde „für ein ganzes Leben reichen“. Plötzlich war sie stadtbekannt. „Wenn ich mit der Straßenbahn zum Training fuhr, unterhielten sich manchmal alle im Waggon mit mir“, schilderte sie die Folgen und dass ihr das zwar nicht unangenehm war, „aber etwas peinlich schon. Manchmal bin ich in die nächste Bahn umgestiegen. Morgens standen Leute vor meiner Tür, die mich nur mal kennen lernen wollten. Ich habe unter dieser Art Öffentlichkeit nicht gelitten. Aber ich war froh, als ich wieder unbeobachtet durchs Leben gehen konnte.“

Nach dem Olympiasieg übergab Leipzigs Polizei ein besonderes Geschenk: Das Auto-Kennzeichen SC 19-61, eine Erinnerung an die Weltrekord-Weite. Allerdings: Sie hatte da noch gar keine Fahrerlaubnis. Die Fahrprüfung folgte erst 1970. Das besondere Kennzeichen zierte ihren Trabi bis zur Wende.

Margitta Gummel wuchs in Magdeburg auf, als Kind erlebte sie Bombenangriffe. „An diese Schrecken erinnert man sich wohl ein Leben lang“, sagte sie. Sport gehörte zu ihrem Alltag – Schwimmen, Großfeldhandball, Leichtathletik. „Ich war schnellkräftig, habe vieles probiert und kam als Fünfkämpferin nach Leipzig.“ Nur mit dem Hochsprung konnte sie sich nie anfreunden. „Am besten kam ich mit der Kugel zurecht. Und irgendwann habe ich mir gesagt: Mach das, was du am besten kannst. Das habe ich nie bereut.“

"So etwas wie meine vierten Olympischen Spiele"

Mit Olympiasilber verabschiedete sich Margitta Gummel 1972 aus der Nationalmannschaft. Vier Jahre später lag sie im Kreißsaal, als in Montreal die Kugelstoßerinnen um Olympiamedaillen kämpften. „Exakt zum Kugelstoß-Finale kam unsere Tochter zur Welt“, beschrieb sie eine Laune des Zufalls. „Für mich wurde sogar ein kleiner Fernseher in den Kreißsaal gestellt, damit ich die Entscheidung in Kanada verfolgen konnte. Aber ich hatte da gerade keinen Nerv fürs Kugelstoßen. Für mich war die Geburt so etwas wie meine vierten Olympischen Spiele.“

Die Absolventin der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig promovierte 1977 als erste DDR-Olympiasiegerin. Dr. paed. Gummel arbeitete am Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) an sportpädagogischen Themen. 1983 wurde sie Generalsekretärin des DDR-Verbandes für Hoch- und Fachschulsport. Von 1991 bis zum Umzug nach Bad Bentheim 1993, wo ihr Mann als Arzt arbeitete, war sie Referatsleiterin im Landessportbund Brandenburg.

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Am Dienstag ist Margitta Gummel im Alter von 79 Jahren in Wietmarschen nach langer Krankheit gestorben.

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