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Die olympische Revolution der Frauen

1921 veranstalteten Sportlerinnen erstmals eigene Weltspiele. In kurzer Zeit erreichten sie viel, doch von Gleichstellung bei Olympia kann bis heute keine Rede sein.

Alfonsina Strada startet 1924 beim Giro d’Italia. Sie hatte sich mit dem männlichen Vornamen Alfonsin angemeldet.
Alfonsina Strada startet 1924 beim Giro d’Italia. Sie hatte sich mit dem männlichen Vornamen Alfonsin angemeldet. © imago images

Von Ronny Blaschke

Berlin. Der Baron betrachtete Sport als Angelegenheit von Männern. „Die Frau ist eine Gefährtin des Mannes und die zukünftige Mutter der Familie“, sagte Pierre de Coubertin, Gründer der modernen Olympischen Spiele, und legte fest:. „Ihre Hauptaufgabe sollte darin bestehen, die Sieger zu krönen.“ Diese Haltung war an der Schwelle zum zwanzigsten Jahrhundert weit verbreitet: Sport von Frauen sei unästhetisch und könne ihre Gebärfähigkeit beeinträchtigen.

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Die ersten Olympischen Spiele 1896 in Athen blieben für Frauen geschlossen. Bei den folgenden vier Spielen bis 1912 wurden einige olympische Sportarten für wenige Frauen geöffnet, etwa Golf, Tennis und Bogenschießen. „Der Zugang zur Kernsportart Leichtathletik blieb versperrt“, sagt die Leipziger Sportsoziologin Petra Tzschoppe. „Aber einige Frauen lehnten sich gegen diese strengen Regeln auf.“

Zum Beispiel Alice Milliat. Die französische Lehrerin war im Schwimmen aktiv, nahm an Autorennen teil, bestritt ein Ruderrennen über achtzig Kilometer. Milliat lebte vorübergehend in London, wo sie sich mit den Suffragetten beschäftigte, eine der wichtigsten Frauenrechtsbewegungen im frühen zwanzigsten Jahrhundert. Sie lernte Sportlerinnen kennen, die von ähnlichen Erfahrungen berichteten: Von Trainingsübungen in langen Hosen, versteckt hinter Mauern und Büschen. Von Journalisten, die sie beim Vornamen nannten. Von herablassenden Kommentaren ihrer Ehemänner.

Alice Milliat fordert 1919 vom IOC Gleichberechtigung ein

Mit einem Brief wandte sich Alice Milliat 1919 an das Internationale Olympische Komitee IOC, sie forderte die Gleichberechtigung von Frauen bei den Spielen 1920 in Antwerpen. Milliat dachte, dass die Zeit dafür reif sei: Während des ersten Weltkrieges hatten Hunderttausende Frauen in Fabriken mehr Verantwortung übernehmen müssen. Inzwischen hatten Frauen zudem in einigen Ländern das Wahlrecht erhalten. Das IOC lehnte die Gleichbehandlung jedoch ab. In England verbot der Fußballverband FA 1921 sogar den Wettbewerb für Frauen, andere Verbände zogen nach.

Alice Milliat glaubte, dass Sport das Selbstvertrauen von jungen Frauen stärken könne. Mit Mitstreiterinnen aus allen sozialen Milieus gründete sie den internationalen Frauensportverband FSFI. Ende März 1921, vor genau hundert Jahren, organisierten sie die ersten Frauenweltspiele in Monte Carlo – ein Aufbegehren gegen den Männerbund IOC. Hundert Sportlerinnen aus England, Frankreich, Italien und der Schweiz nahmen daran teil.

Die männlich geprägten Zeitungsredaktionen schenkten der Frauensportbewegung erwartungsgemäß wenig Beachtung. Für sie waren Sportlerinnen exotische Aussätzige. Beispielhaft dafür steht die italienische Radrennfahrerin Alfonsina Strada, die sich 1924 mit dem männlichen Vornamen Alfonsin an den Start des Giro d’Italia gemogelt hatte. Oder die US-Amerikanerin Gertrud Ederle, die 1926 als erste Frau den Ärmelkanal durchschwamm.

20.000 Zuschauer bei zweiten Weltspielen in Paris

Über diese Schlagzeilen hinaus wollte Alice Milliat Strukturen schaffen. Im August 1922 fanden die zweiten Weltspiele in Paris statt, diesmal als „Frauen-Olympiade“ mit 20.000 Zuschauern. Im Zentrum: die Leichtathletik, die das IOC bei den Olympischen Spielen nicht für Frauen öffnen wollte. Journalisten verbreiteten die Gerüchte, dass einige Sportlerinnen während der Wettkämpfe in Ohnmacht fielen oder „hysterisch“ weinten. Trotzdem wuchs die Bewegung von Alice Milliat. „Das IOC fürchtete Konkurrenz und untersagte Milliat die Nutzung des Namens Olympiade“, erinnert Petra Tzschoppe von der Universität Leipzig. „Die Sportfunktionäre wollten die Frauen wieder unter Kontrolle bringen.“

Bei den dritten Weltspielen 1926 in Göteborg waren Frauen aus zehn Ländern vertreten. Alice Milliat schickte weiter kritische Briefe an die Sportfunktionäre, und irgendwann gab das IOC nach. Der Begriff „Frauen“ tauchte erstmals in der Olympischen Charta auf. Die Olympischen Spiele 1928 in Amsterdam wurden in der Leichtathletik für Frauen geöffnet. Den Lauf über 800 Meter gewann die Deutsche Lina Radke. Doch viele Journalisten wollten sich nicht an erschöpfte Frauen gewöhnen, die Zeitung De Maasbode notierte: „Es war ein erbarmungswürdiger Anblick, diese Mädchen nach dem Einlauf wie tote Spatzen zu Boden purzeln zu sehen.“ So kam es, dass Frauen bis 1960 keine Olympischen Rennen mehr über 200 Meter bestritten.

Die Weltspiele der Frauen fanden bis 1934 noch zweimal statt. Das IOC öffnete daraufhin weitere Wettbewerbe, im Gegenzug verzichtete der Frauensportverband auf eigene Großveranstaltungen. Alice Milliat konnte bis zu ihrem Tod 1957 noch die Einführung des Frauenwahlrechts 1944 in ihrer Heimat Frankreich erleben, doch den Weg zur Gleichstellung im Sport mussten andere Frauen fortsetzen: Die US-Läuferin Kathrine Switzer war Ende der 1960er-Jahre eine Pionierin im Marathon. Die US-Tennisspielerin Billie Jean King forderte Anfang der 1970er höhere Preisgelder und startete eine eigene Turnierserie. Und die marokkanische Hürdenläuferin Nawal El Moutawakel gewann bei den Olympischen Spielen 1984 als erste Muslimin die Goldmedaille.

Frauenfußball erst seit 1996 olympisch

„Sportarten wie Turnen oder Eiskunstlauf, die vermeintlich elegante Körperbilder bedienen, sind heute für Frauen viel akzeptierter“, erklärt die Journalistin Alina Schwermer, die bei der taz die Kolumne „Erste Frauen“ verfasst. „Die Teamsportarten wurden von den Funktionären mit Sorge betrachtet. Sie glaubten, dass sich Frauen dort solidarisieren könnten.“

Der Deutsche Fußball-Bund erlaubte den Spielbetrieb für Frauen erst 1970. Und auch das olympische Programm wurde in kleinen Schritten durchlässiger. Bei den Sommerspielen dürfen Frauen erst seit 1996 Fußball spielen und seit 2012 in den Boxring steigen. Bei den Winterspielen dürfen sie seit 1998 im Eishockey und seit 2002 im Bobfahren starten. In vielen Winterdisziplinen sind Frauen weiterhin auf kürzeren Strecken unterwegs. Beim Skispringen von der Großschanze müssen sie noch immer zuschauen, auch die Nordische Kombination ist bei Olympia ausschließlich Männersache.

Noch deutlicher wird die Ungleichheit auf der Entscheidungsebene. Das IOC nahm erstmals 1981 Frauen als Mitglieder auf und gründete 1995 eine Arbeitsgruppe für die Förderung von Frauen im Sport, mehr als siebzig Jahre nach den ersten Frauen-Weltspielen. Bei den jüngsten vier Olympischen Spielen, in Sommer und Winter, war in der Sportlerbetreuung nur etwa jedes zehnte Mitglied weiblich. Von den großen olympischen Fachverbänden wird aktuell nur die Internationale Triathlon-Union von einer Frau geleitet, von der Spanierin Marisol Casado.

Mehr mediale Sichtbarkeit angemahnt

Unter den Nationalverbänden gilt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) allerdings als relativ fortschrittlich. Seit der Einführung einer Geschlechterquote 2014 sollen in allen Gremien mindestens dreißig Prozent der Mitglieder Frauen sein. Einige Landessportbünde und Spitzensportverbände haben Stipendien und Führungsseminare für Frauen aufgelegt, doch sie sträuben sich meist gegen Quoten, auch bei der Ausbildung von Trainerinnen und Kampfrichterinnen. „In Sportgremien sollten möglichst viele unterschiedliche Menschen sitzen. Doch für dieses Engagement muss es auch das passende Umfeld geben. Frauen in Gremien sind seltener verheiratet und haben weniger Kinder“, sagt die Journalistin Alina Schwermer.

Mit einem familienfreundlichen Vereinsbetrieb würden sich womöglich mehr Mädchen und Frauen langfristig dem Sport verschreiben. Mit wachsender Sichtbarkeit könnte auch das Interesse von Sponsoren und Medien zunehmen. „Es war gar nicht so einfach, Themen über Frauen in Medien unterzubringen“, sagt die Journalistin Nina Probst über die meist männlich geprägten Sportredaktionen. „Wir wollen mehr Aufmerksamkeit auf die Leistungen von Sportlerinnen lenken, damit Mädchen sie als Vorbilder wahrnehmen können.“

Nina Probst hat mit einem kleinen Team das Internetportal „Sportfrauen“ aufgelegt und sucht nach Werbepartnerschaften. Doch noch ist das Sponsorenumfeld im Männersport deutlich größer. Laut dem US-Magazin Forbes sind unter den hundert bestbezahlten Sportlern nur zwei Frauen, die Tennisspielerinnen Naomi Osaka und Serena Williams. Zumindest bei den Olympischen Spielen werden nun in Tokio fast so viele Frauen wie Männer an den Start gehen. Hundert Jahre mussten vergehen, seit der Revolution von Alice Milliat.

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