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Als ein Hollywood-Star in der DDR startete

Steve McQueen war leidenschaftlicher Motorradfahrer, aber bei den Sixdays durch den Thüringer Wald 1964 musste er aufgeben. Die Geschichte und ihre Fotos.

Prominenter Besuch in der DDR: US-Filmstar Steve McQueen startet 1964 bei den Sixdays in Erfurt – hier schaut er aufs Fahrerlager.
Prominenter Besuch in der DDR: US-Filmstar Steve McQueen startet 1964 bei den Sixdays in Erfurt – hier schaut er aufs Fahrerlager. © François Gragnon/La Galerie de

Von Thomas Purschke

Steve McQueen zählte zu den wenigen Hollywood-Größen, die einst die DDR besuchten. Insofern bleibt sein Aufenthalt in Thüringen eine ganz besondere Geschichte, die sich im September 1964, also in der Hoch-Zeit des Kalten Krieges zugetragen hat. Zum ersten Mal nach dem Bau der Mauer und der Teilung Deutschlands am 13. August 1961 trat eine amerikanische Motorsportmannschaft hinter dem Eisernen Vorhang im Osten an. Zu einem wahrlich schweren Wettkampf.

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Die 39. Internationale Sechstagefahrt (Sixdays) war damals die inoffizielle Motorradgeländesport-Weltmeisterschaft, die zum ersten und auch einzigen Mal in der DDR stattfand: vom 7. bis 12. September 1964 in Erfurt. Dabei galt es, überwiegend im thüringischen Mittelgebirge, über Stock und Stein auf anspruchsvollen Waldpfaden die schnellste Zeit zu fahren. Am ersten Renntag traten insgesamt 226 Fahrer aus 14 Nationen in Erfurt zur 407 Kilometer langen Etappe an. Die Strecke führte auch am Wintersportzentrum Oberhof vorbei. Insgesamt mussten bei den Sixdays 1.322 Kilometer im Gelände sowie 661 Kilometer auf Straßen gefahren und elf Sonderprüfungen absolviert werden.

Im Teilnehmerfeld war auch der 34 Jahre alte Steve McQueen, damals schon ein Weltfilmstar sowie sein Freund Bud Ekins, ein Stuntman aus Kalifornien. Er hatte McQueen unter anderem im 1962 in Süddeutschland gedrehten Film „Gesprengte Ketten“ beim legendären Motorrad-Sprung über einen Holzzaun mit Stacheldraht gedoubelt. Auch Ekins Bruder Dave gehörte zur US-Mannschaft. Außer dem Ostblock waren auch England, Österreich, Schweden, Finnland, Belgien, Holland und Spanien mit guten Teams am Start.

Einmarsch mit der US-Flagge

Mit ihren schweren Geländemaschinen der Marke Triumph aus England, Transporter und einem blauen Sportwagen Marke Jaguar reisten die Amerikaner in der damaligen DDR-Bezirksstadt Erfurt, dem zentralen Start- und Ziel-Ort, an. Untergebracht waren die Fahrer im Hochhaus des damaligen „Pädagogischen Institutes“, welches heute zur Universität gehört. Steve McQueen war ein leidenschaftlicher Auto- und Motorrad-Rennfahrer und ohnehin ein Draufgänger und Frauenliebhaber, der sogar eine internationale Rennsportlizenz besaß. Ein Jahr lang hatte sich der „King of Cool“ auf diesen anstrengenden Sechs-Tage-Ritt, der zum Großteil quer durch den Thüringer Wald führte, trainingsmäßig vorbereitet.

Steve McQueen als Fahnenträger für das Teams aus den USA bei der Eröffnungsfeier in der Thüringenhalle von Erfurt.
Steve McQueen als Fahnenträger für das Teams aus den USA bei der Eröffnungsfeier in der Thüringenhalle von Erfurt. © François Gragnon/La Galerie de

Zahlreiche Pressefotografen waren in Erfurt, einige auch aus dem Westen wie François Gragnon vom Magazin „Paris Match“ aus der französischen Hauptstadt, der den Auftrag hatte, McQueen exklusiv zu begleiten. Ihm gelangen einzigartige Aufnahmen bereits vor und während der Eröffnungsfeier in der Thüringenhalle. Dort marschierte McQueen mit feinem Anzug als Fahnenträger des aus der damaligen Sicht der SED-Oberen Klassenfeindes USA mit seinen Kameraden vor der DDR-Mannschaft in lockerer Atmosphäre ein.

An der Stirnwand der Thüringenhalle hing ein großes Porträt des damaligen DDR-Staatschefs Walter Ulbricht, unter dem der innerdeutsche Sportverkehr seit dem Mauerbau nahezu zum Erliegen gekommen war. Wegen politischen Beschlüssen von bundesdeutschen Sportverbänden gegenüber dem SED-Regime reiste das westdeutsche Team erst gar nicht nach Erfurt, weshalb das mediale Interesse in der Bundesrepublik an den Sixdays dann auch gering war.

Fahrer aus der BRD durften nicht starten

Einige Elite-Fahrer aus Westdeutschland, wie der Nürnberger Zündapp-Spezialist Günter Sengfelder, waren von der DDR-Firma VEB Fahrzeug und Gerätewerk Simson Suhl als Rennbeobachter eingeladen worden und nahmen dies auch wahr. „Für uns Fahrer war die Nichtteilnahme am Rennen schon schockierend, wir hatten gute Maschinen und hätten uns gerne dem Wettbewerb gestellt“, erinnert sich der 83 Jahre alte Sengfelder. „Dass wir im eigenen Land – die DDR hat nach unserer Auffassung zu Deutschland gehört – auf einmal nicht fahren dürfen, war tragisch.“

Steve McQueen mit seiner Triumph TR6 mit Startnummer 278 vor dem Auftakt zu den Sixdays 1964.
Steve McQueen mit seiner Triumph TR6 mit Startnummer 278 vor dem Auftakt zu den Sixdays 1964. © François Gragnon/La Galerie de

Erstaunlicherweise sind bisher keine relevanten Stasi-Unterlagen zum Aufenthalt der amerikanischen Mannschaft um McQueen und den Sixdays in Erfurt aufgefunden worden. Steve McQueen war damals als Filmheld auch in der DDR bekannt. So wurde sogar für kurze Zeit der Kassenschlager „Die glorreichen Sieben“ mit Yul Brynner und Horst Buchholz in einigen ostdeutschen Kinos gezeigt. Doch obwohl er sich bei der Anmeldung zu den Sixdays in Erfurt nur als T. S. (steht für Terrence Steven) McQueen registrieren ließ und die DDR-Medien den berühmten Schauspieler aus den USA während des Rennens kaum erwähnten, das DDR-Fernsehen ignorierte ihn völlig, sprach sich seine Anwesenheit durch den Buschfunk unter den motorsportbegeisterten Fans aus Thüringen und Sachsen dennoch rasch herum.

Recherchen bei Julia Gragnon, der Tochter des Fotografen, in Paris brachten viele weitere, beeindruckende schwarz-weiße sowie farbige Original-Fotos von diesen Sixdays von 1964 in Thüringen wieder zutage. Im 13. Stadtbezirk betreibt Julia Gragnon in der Rue de Poitou die kleine „La Galerie de l’Instant“. Sie rettete vor Jahren die schon nahezu vergessenen Fotos ihres Vaters François Gragnon aus dem Archiv von „Paris Match“ und sorgte in Teilen für deren Wiederveröffentlichung.

Julia Gragnon in ihrer Galerie in Paris mit ihrem McQueen-Buch und Sixdays-Fotos im Hintergrun.
Julia Gragnon in ihrer Galerie in Paris mit ihrem McQueen-Buch und Sixdays-Fotos im Hintergrun. © Thomas Purschke

Originalabzüge von Steve McQueen bei den Sixdays in Thüringen werden in Fankreisen seit Jahren schon fast wie Gold gehandelt. Julia Gragnon erinnert sich: „Immer wieder kamen Besucher in die Galerie, die besonders nach diesen Sixdays-Fotos fragten und alles dazu wissen wollten. Dabei hat mein Vater in seinem Berufsleben auch viele andere Weltstars, etwa bei den Filmfestspielen in Cannes und anderswo abgelichtet. Doch die Nachfrage nach den McQueen-Sixdays-Motiven ist bis heute besonders groß.“

Die Aufnahmen verkaufe sie „in alle Welt, von Australien bis nach Japan“. Auf einigen Bildern ist McQueen zu sehen, wie er nach einem Renntag erschöpft in seiner schmutzigen Rennkleidung auf einer Wiese sitzt. Julia Gragnon, die mit ihrem Vater kurz vor seinem Tod im Herbst 2018 noch mal über dessen unvergessliches Erlebnis, den Trip nach Ostdeutschland 1964, reden konnte, sagt, dass ihr Vater „rund 400 Aufnahmen aus Thüringen mitgebracht“ hat. Auf einem anderen Gragnon-Foto von der Eröffnungsfeier sieht man das Präsidium des Organisationskomitees mit dem Schirmherrn aus Berlin, dem hohen SED-Funktionär Günter Mittag.

Die Maschine ramponiert

Die britischen Triumph-Motorräder erwiesen sich allerdings für das schwere Gelände als viel zu unhandlich. McQueen stürzte mehrmals in den ersten Tagen, wie der Erfurter Sixdays-Fahrer und mehrfache Motocross-DDR-Meister Joachim Helmhold erzählt. „McQueen ist im Jonastal bei Arnstadt vor einer Kurve von der Straße abgekommen und zehn Meter in ein Gebüsch reingebrummt“, erinnert sich der 81-Jährige. „Ich habe kurz angehalten und ihn wieder rausgezogen. Ich fragte ihn, ob er verletzt sei, worauf er sagte, es sei alles okay und sich bedankte.“

Steve McQueen nach einem anstrengenden Wettkampftag entspannt mit einer Zigarette.
Steve McQueen nach einem anstrengenden Wettkampftag entspannt mit einer Zigarette. © François Gragnon/La Galerie de

Mit einigen körperlichen Blessuren und seiner völlig ramponierten 750er Triumph-Maschine mit der Startnummer 278 musste McQueen am dritten Tag das Rennen dennoch aufgeben. Sein Teamkamerad Bud Ekins brach sich im Rennen den linken Fuß. Für den Zeitzeugen Helmhold „war es ein großes Erlebnis, gegen McQueen gefahren zu sein. Starallüren hatte er keine. Er lag abends nach den Renntagen genauso platt im Fahrerlager wie viele andere auch, von Arroganz oder Promibonus keine Spur.“

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Von den 226 gestarteten Fahrern erreichten nach den sechs anstrengenden Wettkampftagen nur 164 das Ziel. Die DDR-Teams mit ihren Berufssportlern konnten ihren Heimvorteil nutzen und die MZ- und Simson-Fahrer mit Werner Salevsky, Bernd Uhlmann, Siegfried Rauhut und Co. gewannen jeweils die Sixdays-Gesamtwertungen.
Was von dem einzigen DDR-Besuch von Steve McQueen im Jahr 1964 bis heute geblieben ist, sind die außergewöhnlichen Fotos. Julia Gragnon hat vor Jahren mit ihrem Vater zusammen dazu ein hochwertiges Foto-Buch mit dem kurzen Titel „Steve“ herausgebracht. McQueen verstarb bereits im November 1980 an einer Krebserkrankung. Im Fahrzeugmuseum in Suhl ist ein Bereich Steve McQueen und den Sixdays gewidmet, wo man auch mehrere Originalmotorräder von damals besichtigen kann.

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