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Der Lausitzring - fast immer zwei Nummern zu groß

Die Rennstrecke ist doppelt so groß wie das Fürstentum Monaco und die größte Sport- und Eventstätte in Ostdeutschland. Stars haben hier ihre Spuren hinterlassen.

Ein Blick von der Haupttribüne des Lausitzrings. Hier ist Platz für 120.000 Zuschauer
Ein Blick von der Haupttribüne des Lausitzrings. Hier ist Platz für 120.000 Zuschauer © kairospress/Thomas Kretschel

Nur mal kurz schauen, geht nicht. Die Tore sind verschlossen – nicht nur vorübergehend wegen Corona, sondern generell. Wer auf den Lausitzring will, muss einen driftigen Grund haben, einen Vordruck unterschreiben und bekommt einen Besucherausweis. Geheimhaltung ist zu einem wichtigen Geschäftsmodell geworden, seit die Dekra die Rennstrecke im November 2017 übernommen hat. Autobauer, die hier ihre Prototypen, Assistenzsysteme oder das autonome Fahren testen, wollen nicht, dass man ihnen zuschaut.

Dabei ist allein die gigantische Anlage absolut sehenswert. Wer es bis ganz nach oben auf die 34 Meter hohe Haupttribüne schafft, hat freie Sicht auf ein Areal, das so groß ist wie 500 Fußballfelder oder doppelt so groß wie das Fürstentum Monaco. 120.000 Zuschauer finden hier Platz. Es ließen sich noch mehr beeindruckende Zahlen finden, die verdeutlichen, was hier vor 21 Jahren aus dem Boden des ehemaligen Tagebaus Meuro gestampft wurde.

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Die Ausmaße und Dimensionen haben auch Mario Kuntzsch fasziniert, der bei der Eröffnung im August 2000 unter den mehr als 100.000 neugierigen Besuchern ist – und sich einen Sonnenbrand holt. Zwei Jahre später fängt der gelernte Kfz-Mechaniker auf der größten Sportstätte in den neuen Bundesländern an zu arbeiten. Als Veranstaltungsleiter hat er alle und alles gesehen – Sieger und Verlierer, Stars aus Sport und Rockmusik. Und folgenschwere Unfälle.

Sie begleiten den Lausitzring in der Anfangszeit, es scheint fast, als läge ein Fluch auf ihm. Michele Alboreto, 1985 Vize-Weltmeister in der Formel 1, verunglückt bei Testfahrten tödlich. Auch ein Streckenposten stirbt kurz nach der Eröffnung. An der Anlage liegt das in beiden Fällen nicht, sondern an technischem und menschlichem Versagen. Trotzdem gerät das Motodrom vor allem dadurch in die Schlagzeilen. Und erst recht am 15. September 2001.

Zwei Jahre nach dem schrecklichen Unfall auf dem Lausitzring, bei dem er beide Beine verliert, steigt Alessandro Zanardi wieder in ein ChampCar und fährt ganz allein sein Rennen zu Ende.
Zwei Jahre nach dem schrecklichen Unfall auf dem Lausitzring, bei dem er beide Beine verliert, steigt Alessandro Zanardi wieder in ein ChampCar und fährt ganz allein sein Rennen zu Ende. © Foto: dpa/Miguel Villagran

Vier Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York, bei dem fast 3.000 Menschen sterben, startet auf dem Lausitzring die amerikanische ChampCar-Serie. PS-Geheul, gefährlicher Motorsport vor Zehntausenden Zuschauern – ob das wirklich sein muss, darüber wird im Vorfeld hitzig gestritten. „Die ganze Veranstaltung stand auf der Kippe, aber auch wir wollten ein Zeichen setzen“, erzählt Kuntzsch. Schließlich wird im Mediencenter eine Kapelle eingerichtet, hinter der Haupttribüne ein Gedenkort gebaut und vor dem Start eine Schweigeminute abgehalten. Doch dann passiert kurz vor dem Ende des Rennens das, was keiner sehen will: Ein Pilot rast nahezu ungebremst in den Rennwagen von Alessandro Zanardi. Die ARD bricht die Live-Übertragung ab, der Italiener wird sieben Mal reanimiert und in die Unfallklinik nach Berlin geflogen. Stundenlang ist unklar, ob er überlebt. „Das war natürlich ein unheimlicher Schock für alle, die das miterleben mussten“, erinnert sich Kuntzsch.

Zanardi verliert bei dem Unfall beide Beine oberhalb der Knie. „Zwei Jahre später kehrt er hierher zurück, ist voller Lebensfreude, fährt die fehlenden 13 Runden und damit sein Rennen zu Ende – und das mit Rundenzeiten, die manch anderen Fahrer ziemlich blass aussehen ließen“, erzählt der 51-Jährige. „Wenn ich daran denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut.“ Natürlich verfolgt Kuntzsch seine von vier Goldmedaillen gekrönte Karriere als Paralympics-Sportler, liest von seinem Unfall im vergangenen Juni, als Zanardi mit dem Handbike mit einem Lkw kollidiert, schwer am Kopf verletzt wird, erneut um sein Leben kämpft. Italienische Medien berichten, dass er inzwischen wieder sprechen könne.

An das Rennen von 2001 erinnert am Lausitzring noch eine Skulptur aus Stein und Metall, der American Memorial Square. Gleich um die Ecke hängt das Boxenschild mit Zanardis Namen, seiner Startnummer und der italienischen Flagge. Es ist schon ein wenig verblasst, was ganz gut zur Situation der Rennstrecke passt. Die ganz großen Events, egal ob Motorsport oder Konzerte, liegen einige Jahre zurück.

Die gewaltigen Dimensionen des Areals sind nur aus der Luft zu erkennen. Foto: SZ/Thomas Lehmann
Die gewaltigen Dimensionen des Areals sind nur aus der Luft zu erkennen. Foto: SZ/Thomas Lehmann © Foto: SZ/Thomas Lehmann
Ein Blick von der Einfahrt in die Boxengasse auf die 25.000 Zuschauer fassende Haupttribüne. Foto: Kretschel
Ein Blick von der Einfahrt in die Boxengasse auf die 25.000 Zuschauer fassende Haupttribüne. Foto: Kretschel © kairospress
Die Rennleitung verfolgt auf einer Wand voll Monitoren jeden Winkel der Strecke. Foto: Th. Kretschel
Die Rennleitung verfolgt auf einer Wand voll Monitoren jeden Winkel der Strecke. Foto: Th. Kretschel © kairospress
Ein Denkmal hinter der Haupttribüne erinnert an die Terror-Opfer von 2001 in den USA. Foto: Th. Kretschel
Ein Denkmal hinter der Haupttribüne erinnert an die Terror-Opfer von 2001 in den USA. Foto: Th. Kretschel © kairospress
Auf einer Tür im Medical Center haben sich Vater (oben) und Sohn Schumacher verewigt. Foto: Th. Kretschel
Auf einer Tür im Medical Center haben sich Vater (oben) und Sohn Schumacher verewigt. Foto: Th. Kretschel © kairospress
Rennleiter Mario Kuntzsch kam kurz nach der eröffnung auf den Lausitzring. Foto: Th. Kretschel
Rennleiter Mario Kuntzsch kam kurz nach der eröffnung auf den Lausitzring. Foto: Th. Kretschel © kairospress
Testfahrten gehören für den Betreiber Dekra zum Kerngeschäft auf dem Lausitzring. Foto: Th. Kretschel
Testfahrten gehören für den Betreiber Dekra zum Kerngeschäft auf dem Lausitzring. Foto: Th. Kretschel © kairospress

Nur Monate nach der Eröffnung gerät der größte Kreditgeber, die Bankgesellschaft Berlin, in finanzielle Schieflage, muss sich laut Senatsbeschluss von allen Beteiligungen trennen, die nicht zum Kerngeschäft gehören – also auch vom Lausitzring. Der meldet Insolvenz an, weil er die Kredite nicht zurückzahlen kann. Damit werden auch nahezu sämtliche Pläne ausgebremst, das Areal auszubauen. Für ein Hotel wurde lediglich das Fundament gegossen, entstehen sollten zudem Restaurants und Diskotheken, ein Freizeit- und ein Gewerbepark. Ein riesiger Turm war geplant mit horizontaler Anzeigetafel und VIP-Plattform sowie eine Beleuchtungsanlage für Nachtrennen. Es blieb bei Skizzen und Entwürfen. Die Träume platzten – genau wie die von der Formel 1.

Dabei war Bernie Ecclestone, bis 2017 allgewaltiger Boss der Motorsport-Königsklasse, tatsächlich auf dem Lausitzring. „Ich glaube, die Stippvisite diente auch dazu, andere Rennstrecken unter Druck zu setzten “, meint Kuntzsch. „Damit wollte er eventuell höhere Forderungen durchboxen.“ Ernsthaftes Interesse habe er wohl nie gehabt. Die Formel 1 in der Lausitz – das bleibt eine Utopie. „Wenn es eine Anfrage gibt, würden wir natürlich für Verhandlungen zur Verfügung stehen. In der Lage dazu sind wir“, sagt er.

Die Zeichen deuten eher in eine andere Richtung. Motorsport hat es in Zeiten der Klimakrise und einem Boom von E-Modellen schwer. Die ChampCar-Serie gibt es längst nicht mehr, auch das Red-Bull-Air-Race, das viele Zuschauer auf den Lausitzring lockte und bei dem Piloten ihre Flugzeuge durch Pylonen schlängelten, wurde 2019 eingestellt, die Superbike-WM war 2017 letztmalig hier. Es rechnet sich nicht.

Ähnlich sieht es bei den Konzerten aus. Zum Drei-Tage-Festival der umstrittenen Band Böhse Onkelz standen 120.000 Fans hinter der Boxengasse. „Als sie bei den ersten Tönen der Band begannen, gleichzeitig zu hüpfen, vibrierten sogar die Hochbauten, das haben wir selbst in der Einsatzzentrale gespürt“, erzählt Kuntzsch. Das war 2005, AC/DC und Herbert Grönemeyer waren schon vorher da. Seitdem machen die großen Namen einen Bogen um den Lausitzring. „Die Veranstalter schreckt sicher auch die Größe unserer Anlage ab“, weiß Kuntzsch. Dabei geht es auch kleiner. Nena spielte 2019 vor 5.000 Fans.

Die australischen Hardrocker von AC/DC spielen 2001 auf der Fläche des Fahrerlagers. 70.000 Fans kommen und sind begeistert.
Die australischen Hardrocker von AC/DC spielen 2001 auf der Fläche des Fahrerlagers. 70.000 Fans kommen und sind begeistert. © Foto: Ronald Bonß

Ein weiterer Punkt ist die Lage. Bis zur nächsten Großstadt Dresden fährt man 40 Minuten, nach Cottbus oder Berlin dauert es noch länger. Dass der Ring im strukturschwachen Südbrandenburg gebaut wurde, hatte einen Grund: Nur hier flossen die 123 Fördermillionen von der EU. Ob das Geld vernünftig angelegt wurde, darüber kann man durchaus streiten. Fakt ist: Die 120.000 Plätze auf den Traversen waren bei keinem Rennen auch nur annähernd ausverkauft. Das in Europa einzigartige Trioval mit den überhöhten Kurven wurde nur von den ChampCars richtig genutzt. Alles wirkt zwei Nummern zu groß. Mindestens.

Die Dekra ist bereits der dritte Betreiber seit der Insolvenz, rund 200 Mitarbeiter arbeiten am Standort, zu dem auch ein 2003 eröffnetes Test- und Technologiezentrum in direkter Nachbarschaft gehört.

Rennen mit Zuschauern gibt es entgegen erster Befürchtungen weiterhin, die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft ist noch immer Dauergast. „In diesem Jahr sind – Stand jetzt – rund 15 öffentliche Motorsportveranstaltungen und andere Events geplant“, erklärt Kuntzsch, „vorausgesetzt, die behördlichen Auflagen lassen dies zu.“ Dann sind auch die Tore geöffnet.

Michael Schumacher hätte viele Fans anlocken können, doch als der siebenmalige Formel-1-Weltmeister nach seinem Ende bei Ferrari und vor seinem Comeback bei Mercedes im April 2008 auf dem Lausitzring fährt, stehen lediglich Testfahrten auf einem Motorrad auf dem Programm. Für Schlagzeilen sorgt das trotzdem, weil Schumacher auf seiner 180 PS starken Honda Fireblade mit dem Vorderrad wegrutscht. Die Bild-Zeitung macht daraus einen Horror-Sturz, dabei ist es halb so schlimm. „Er wollte sich erst nicht untersuchen lassen, doch es ist Vorschrift, dass nach einem Sturz alle Piloten zu einem Check ins Medical Center müssen“, erklärt Kuntzsch.

Auf der Tür zum Röntgen-Raum hinterlässt Schumacher zur Erinnerung seine Unterschrift, acht Jahre später kommt die von seinem Sohn Mick dazu, der seit dieser Saison in der Formel 1 fährt. Dass der 22-Jährige noch einmal auf den Lausitzring zurückkehrt, ist unwahrscheinlich.

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