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Sport

Wie eine Oberlausitzerin wieder um Olympia kämpft

Die Niedercunnersdorferin Julia Preußger hat auf dem Weg nach Peking 2022 einen schweren Rückschlag erlitten. Jetzt hat sie wieder Hoffnung.

Bis Julia Preußger wieder auf Ski durch eine Winterlandschaft laufen kann, dauert es vor dieser Saison länger als sonst. Dass sie derzeit nicht mit der Nationalmannschaft trainiert, hat seinen Grund.
Bis Julia Preußger wieder auf Ski durch eine Winterlandschaft laufen kann, dauert es vor dieser Saison länger als sonst. Dass sie derzeit nicht mit der Nationalmannschaft trainiert, hat seinen Grund. © Archiv: Arvid Müller

Oberwiesenthal. Den 19. Juli 2021 wird Julia Preußger wohl ihr Leben lang nicht vergessen. Einen Tag vor ihrem ersten Hochzeitstag trainierte sie auf Skirollern an ihrem Stützpunkt in Oberwiesenthal. „Dass Wartungsarbeiten auf der Strecke durchgeführt wurden, davon wusste ich nichts. Es gab auch keine Absperrbänder“, sagt die 27-Jährige Skilangläuferin. Dann, ausgerechnet direkt nach einer Kurve nach einer Abfahrt, standen plötzlich zwei Fahrzeuge vor ihr. Um einen Caddy kam sie noch herum, aber dann war da eine Hub-Arbeitsbühne. „Dazu muss man wissen, dass man mit Skirollern kaum bremsen kann. Ich war vielleicht 35 km/h schnell und musst mich entscheiden: frontal gegen die Arbeitsbühne oder rechts auf den Schotter. Das waren die längsten fünf Sekunden meines Lebens!“

Sie fuhr nach rechts auf den Schotter, überschlug sich und spürte sofort den Schmerz – die rechte Schulter. Sie war ausgekugelt. Dass die Bizepssehne buchstäblich nur noch am seidenen Faden hing, kam erst später zutage. Die Rettungskette lief sofort an. Julia Preußger wurde in ein Krankenhaus der Umgebung gebracht, später am Uniklinikum in Dresden operiert.

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Zu all dem körperlichen kam der mentale Schmerz. Sollte das das Ende ihrer Olympiaträume sein? „Ich war total enttäuscht, in jeder Hinsicht total am Boden“, sagt sie. Aber auch: „Ich hatte noch Glück im Unglück. Alles hätte noch viel schlimmer ausgehen können, bis hin zur Querschnittslähmung bei einem Aufprall auf diese Arbeitsbühne.“

Aber Leistungssportler sind anders. Nach der gut verlaufenen Operation fing gemeinsam mit den Trainern das große Rechnen an: Besteht noch eine Chance für Olympia? Das Ergebnis: Ja, auch wenn sie nach diesem Unfall noch einmal deutlich kleiner geworden ist. Herz-Kreislauf-Training auf dem Radergometer war relativ schnell wieder drin, nach fünf, sechs Wochen konnte Julia Preußger wieder joggen. Für die ersten Lehrgänge mit der Nationalmannschaft auf Schnee aber war der Zug schon abgefahren.

Enttäuschende Saison 2020/21

Ob sie hätte daran teilnehmen dürfen, war nach einer enttäuschenden Saison 2020/21 auch so schon nicht sicher. Die für den WSC Oberwiesenthal startende Niedercunnersdorferin hätte sich dafür bei den Leistungsüberprüfungen im Herbst empfehlen müssen. Bei denen war sie in den vergangenen Jahren immer ausgesprochen stark, rannte nicht selten ihren Nationalmannschaftskolleginnen im Crosslauf davon und hielt auf Skirollern mit der Spitze mit. Mit der Übertragung dieser Leistungen auf den Schnee aber wollte es aber in den vergangenen Jahren – nach Bronze bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2013 und Top-Ten-Platzierungen bei U23-Weltmeisterschaften – nie so richtig klappen.

Dafür gibt es mehrere Gründe, vor allem gesundheitliche: Die Oberlausitzerin kugelte sich ihre linke Schulter mehrfach aus, wurde dreimal operiert, die Fortsetzung ihrer Karriere hing am seidenen Faden. Die Schultern werden gerade beim Skilanglauf besonders stark beansprucht. Beim Unfall im Juli hat es nun die andere Schulter erwischt.

Als sie vergangene Saison durchtrainieren konnte und durchstarten wollte, warf sie erst eine Erkältung zur Unzeit (Saisonbeginn) aus der Bahn, und dann fehlten die erhofften Ergebnisse. „Wir haben das analysiert: Ich hatte den Trainingsumfang noch einmal deutlich erhöht, so viel gemacht wie noch nie. Die Werte stimmten. Nach den ersten Rennen, vor allem nach der Tour de Ski, wäre es dann besser gewesen, mich mal rauszunehmen. Im Nachhinein bin ich frustriert darüber, mich diesbezüglich nicht durchgesetzt zu haben. So habe ich mich immer wieder überreden lassen, doch zu starten, konnte aber nie mein volles Leistungsvermögen abrufen“, sagt Julia Preußger rückblickend. Es reichte zu keiner Top-15-Platzierung im Weltcup, mal fehlten als 21. nur wenige Sekunden. Andere Deutsche zogen vorbei.

Der Weg zu Olympia wird lang

Der Kaderstatus als Mitglied der Leistungsgruppe 1a (Nationalmannschaft) war weg. Julia Preußger wurde als Förderkader eingestuft, was zur Folge hatte, sich nun für Nationalmannschaftslehrgänge und Weltcup-Rennen durch Leistungen bei Trainings- oder zweitklassigen Rennen empfehlen zu müssen.

Vor dieser Herausforderung stand die Oberlausitzer Olympiahoffnung also schon vor dem Unfall im Juli. Sie wollte alles in diese Olympiasaison legen, überzeugt davon, dass ihr Potenzial lange noch nicht ausgeschöpft ist. Jetzt, nach dem Unfall, lässt sie ihr Kampfgeist weiter an ihren Traum glauben. Die Skilangläuferin ist wieder in ein „normales“ Training eingestiegen. Es gibt noch ein paar Einschränkungen: Die Oberarmmuskulatur muss immer noch ausgeglichen, die Nackenmuskulatur zum Beispiel wieder aufgebaut werden. Manchmal scherzt beim Schubtraining die Bizepssehne.

Es gibt aber auch Dinge, die der Oberlausitzerin Mut machen: Vor wenigen Tagen konnte sie das erste Schneetraining absolvieren, im Skitunnel in Oberhof – schmerzfrei. „Es ist klar, dass es nicht für eine komplette Weltcup-Saison 2021/22 durchlaufen kann. Ich werde mir also gezielt meine Höhepunkte raussuchen, mich extra darauf vorbereiten und meine Belastung damit viel besser steuern als in der vergangenen Saison“, sagt sie.

Der Saisoneinstieg wird später als vor dem Unfall geplant erfolgen, voraussichtlich im Dezember in Deutschland, beim Deutschlandcup oder beim europäischen Continentalcup und Alpencup (COC). Da müssen die Ergebnisse so gut sein, dass sie für Weltcups nominiert wird. Und dort hätte Julia Preußger wie alle anderen deutschen Skilangläuferinnen dann die Chance, sich mit Top-Ergebnissen doch noch für Olympia zu qualifizieren.

Und wenn das alles nicht klappt? Dann wird Julia Preußger, so sagt sie es heute, überlegen, ob sie mit dem Leistungssport weiter macht. Obwohl: In ihrer Sportart beginnen die besten Jahre eigentlich erst mit Ende 20.

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