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Der Absturz von Skispringer Freitag und was er dazu sagt

Die nächste Enttäuschung für Skispringer Richard Freitag: Platz 17 bei der deutschen Meisterschaft. Jetzt spricht er über seine Formkrise und ein mögliches Karriereende.

Von Michaela Widder
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Die Miene passt zum Allgemeinzustand. Richard Freitag hadert mit seinen Sprüngen. Schafft es der Sachse noch einmal zurück an die Weltspitze?
Die Miene passt zum Allgemeinzustand. Richard Freitag hadert mit seinen Sprüngen. Schafft es der Sachse noch einmal zurück an die Weltspitze? © Archiv: dpa/Daniel Karmann

Oberstdorf. Im Hause Freitag könnte alles in Ordnung sein. Rang zwölf beim Finale des Sommer-Grand-Prix in Klingenthal bedeutet das beste Karriereergebnis und 127 Meter persönliche Rekordweite. Der Platz im Weltcupteam dürfte sicher sein und Olympia ist in Reichweite. Haken an der Sache: Das sind die Erfolge der zehn Jahre jüngeren Schwester Selina. Richard Freitag, der einstige Weltklasse-Skispringer, steckt in einer Formkrise – und das schon seit vielen Monaten. Im deutschen Weltcup-Team ist kein Platz mehr für den Ex-Weltmeister.

„So weit, so gut. Körperlich kann ich nicht klagen“, antwortet er im SZ-Gespräch auf die Frage, wie es ihm geht. Doch das Körperliche ist gerade beim Skispringen nur ein Teil, das Mentale mindestens genauso wichtig. Weil Freitag seit jeher zum Typ Sportler gehört, der viel grübelt, muss man kein Hellseher sein, um zu ahnen, was sich im Moment in seinem Kopf abspielt. „Skispringen ist extrem kopflastig und Lockerheit die höchste Kunst. Das ist der Knackpunkt“, sagt er.

Woher soll die Lockerheit auch kommen, wenn die guten Sprünge schon im Training fehlen? „Die Konstanz ist bisher noch nicht da.“ Was dem Erzgebirgler dazu fehlt, erklärt er so: „Ich brauche mal mehrere gute Sprünge auf der Schanze, die ich dann verinnerlichen muss, um wieder in einen gewissen Automatismus zu kommen.“ Es scheint eine komplexe Angelegenheit zu sein.

Im vorigen Winter gehörte Freitag das erste Mal seit sieben Jahren nicht zum Weltcupteam, seine zwei Kurzauftritte bei der Tournee endeten mit Platz 41 und 27, und in seiner Wahl-Heimat Oberstdorf verpasste er die Weltmeisterschaft. Eine verkorkste Saison.

Freitag erlebte schon einige Rückschläge in seiner Karriere. Er musste bei den Winterspielen in Sotschi 2014 zuschauen, als seine Mannschaftkollegen Gold im Team gewannen. In der Saison 2017/18 kam er als Weltcupführender zur Tournee, stürzte in Innsbruck schwer und musste mit einer Hüftprellung aufgeben. Freitag kämpfte sich schnell zurück und wurde bei seinem Comeback bei der Skiflug-WM Dritter, holte bei Olympia 2018 mit dem Team Silber. Ein Jahr später gewann er mit dem deutschen Quartett den WM-Titel in Oberstdorf. Sein größter Erfolg ist zugleich sein bis dato letzter.

"Ich will diese Saison noch mal angreifen“

Die Krise hält also schon einige Zeit an, er kennt sein Alter und weiß um die Stärke der deutschen Springer. Dass er jetzt mit 30 über ein Karriereende nachdenkt, ist naheliegend. „Wenn die Leistungen mit Beginn des neuen Sommers wieder ausbleiben, überlegt man sich schon, wie es weitergeht“, sagt Freitag, der unter Werner Schuster sieben Weltcupsiege gefeiert hat.

Seit Stefan Horngacher das Amt des Bundestrainers übernommen hat, so scheint es, läuft es nicht mehr bei Ritchi, wie er im Team gerufen wird. Freitag fehle „der letzte Kick“, hatte der Tiroler vergangene Woche erklärt. Warum, das könne er nicht so beurteilen, weil er schon länger nicht mehr mit ihm trainiert habe, so Horngacher. Freitag wird am Stützpunkt in Oberstdorf von Christian Winkler betreut.

Mit der ersten Lehrgangsgruppe hatte er im Sommer nur ein gemeinsames Trainingslager, der Kontakt zum Team ist nicht sehr groß, sagt er. „Ich weiß, wie es ist, wenn man oben mitspielt. Der Sport ist sehr hart, man braucht die Kraft für sich und kann nicht groß nach rechts und links schauen.“ Dennoch fühle er sich „nicht aufs Abstellgleis“ gestellt.

Freitag macht sich nichts vor, er weiß, wie Leistungssport funktioniert. „Die Motivation wird nicht leichter“, gibt der Springer aus Breitenbrunn im Erzgebirge zu. „Der große Unterschied zu früher ist der Faktor Zeit. Wenn man aber zu schnell einen Schritt vor den anderen machen, stolpert man.“ Der einstige Edelflieger, dessen Markenzeichen einige Jahre ein Schnurrbart war, steckt in einem Dilemma.

Schwester Selina springt in Oberhof auf Platz drei

Er will dennoch nichts unversucht lassen und hat beschlossen: „Ich bin körperlich fit, habe viel Erfahrung und will diese Saison noch mal angreifen.“

Wenn der Winter startet, wird Freitag sehr wahrscheinlich im zweitklassigen Continentalcup antreten. Auch den Heim-Weltcup am 11. und 12. Dezember in Klingenthal wird er sich vermutlich vorm Fernseher anschauen. Sein Anspruch ist ein anderer und sein Ziel, noch einmal Spitzenleistungen zu bringen. Das hieße für ihn, beim Weltcup auf der ersten Seite der Ergebnisliste zu stehen.

„Wenn ich den Schritt bis nächsten Januar, Februar nicht schaffe …“ Freitag spricht den Satz nicht zu Ende, obwohl er ihn im Kopf sicher schon formuliert hat. Jedenfalls macht er sich auch Gedanken, die über diesen Winter hinausgehen. Er habe zwei, drei Ideen, eine davon sei, „dem Sport erhalten zu bleiben“. Über Konkretes möchte er noch nicht sprechen.

Die nächste Ernüchterung aber folgte am Wochenende bei den Deutschen Skisprung-Meisterschaften in Oberhof. Mit seinen beiden Sprüngen von der Normalschanze im Kanzlersgrund landete Freitag bei jeweils 92,5 Metern und damit nur auf Rang 17. Dagegen wurde seine zehn Jahre jüngere Schwester Selina beim Sieg von Katharina Althaus mit Weiten von 94,5 und 96 Metern Dritte.