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Japaner, die anders aussehen

Große Botschaften gibt es auch diesmal bei Olympia. Eine ist für die Gastgeber interessant wie heikel.

Naomi Osaka gilt als einer aussichtsreichsten japanischen Medaillenkandidaten bei den Olympischen Spielen in Tokio
Naomi Osaka gilt als einer aussichtsreichsten japanischen Medaillenkandidaten bei den Olympischen Spielen in Tokio © Paul White/AP/dpa - Montage: SZ-Bildstelle

Von Felix Lill

Tokio. Olympische Spiele sind viel mehr als nur die größte Sportveranstaltung der Welt. Das betonen das IOC und das lokale Organisationskomitee jedes Mal – ganz egal, wo die Spiele stattfinden. Damit auch Sportmuffel empfinden können, was es heißt, „Feuer und Flamme“ zu sein, denken sich die Veranstalter im Vorfeld möglichst große Ideale aus, die sie dann zum Motto der Spiele erklären. Für Tokio gibt es sogar gleich drei solcher Devisen: „Sein persönliches Bestes erreichen“, „Etwas Bleibendes für die Zukunft schaffen“ und „Einheit in Vielfalt“.

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Während das erste Motto die Zuschauer zu persönlichem Ehrgeiz inspirieren soll, betont das zweite, dass die eigens für Olympia errichteten Spielstätten auch in der Zukunft stehen werden.

Besonders interessant – und heikel – ist das dritte Motto. Die Organisatoren erläutern es auf ihrer Website so: „Respekt und Akzeptanz der Unterschiede in Sachen Ethnizität, Farbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Sprache, Religion, politischer oder anderer Meinung, nationaler oder sozialer Herkunft, Besitz, Geburt, Status sowie des Niveaus der Fähigkeiten ermöglicht, dass der Frieden erhalten bleibt und die Gesellschaft weiter blüht.“ Hierfür wolle „Tokyo 2020“ fruchtbaren Boden bieten.

Zunächst klingt das wie die typisch hochtrabenden Versprechen, die der Profisport heutzutage immer wieder gibt, um sich über das eigentliche Spiel hinaus Relevanz zu verschaffen. Im Kontext Japans liest sich der lange Satz allerdings auch wie eine Mahnung. „Einheit in Vielfalt“ ist bisher nämlich kein Leitspruch, der im ostasiatischen Land besonders ausgelebt wird. Ein herkömmliches Selbstbild Japans ist das der „homogenen Gesellschaft“, in der eher Gemeinsamkeiten betont werden.

Auch deshalb hielt es die konservative Regierung bis heute nicht für nötig, ein Antidiskriminierungsgesetz auf den Weg zu bringen. Zudem ist Japan restriktiv in Bezug auf Einwanderung. Kaum zwei Prozent der Bevölkerung hat einen ausländischen Pass. So spüren diejenigen, die optisch dem Bild einer „homogenen Gesellschaft“ zu widersprechen scheinen, auch besonders oft Diskriminierung.

Die Olympischen Spiele sollen nun einen Blick auf die Welt anbieten, der Diversität als etwas Normales und Positives sieht. Inmitten der Pandemie wird das natürlich schwierig, da ausländische Besucher nun nicht ins Land dürfen. Aber einen Diversifizierungsschub könnte „Tokyo 2020“ dennoch bringen: Durch japanische Sportler, die in den Augen vieler Japaner nicht japanisch aussehen.

Tatsächlich gehören einige Athleten mit Migrationshintergrund zu den vielversprechendsten, die für Japan an den Start gehen. Allen voran ist da die Tennisspielerin Naomi Osaka, Tochter einer japanischen Mutter und eines haitianischen Vaters, die zudem in den USA aufwuchs und besser Englisch spricht als Japanisch. Oder der halbghanaische Sprinter Abdul Hakim Sani Brown, der für Japan bereits U 18-Weltmeister über 100 und 200 Meter wurde. Oder Rui Hachimura, der erste Japaner in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA, dessen Vater aus Benin kommt und der die Nationalmannschaft anführen wird. Selbst in der Nationalsportart Judo zählt mit Mashu Baker ein Halbamerikaner zu Japans Medaillenhoffnungen.

Sie alle könnten nun zu Nationalhelden werden. Skeptiker warnen aber vor zu viel Optimismus. Diejenigen in Japan, die weiterhin die Homogenitätserzählung mögen, dürften sich nur durch Siege überzeugen lassen. Und das sind nicht wenige.

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Unser Kolumnist, geboren 1985 in Hamburg, ist freier Autor und lebt seit 2012 in Tokio. Zur demografischen Alterung und intergenerationalen Solidarität in Japan und Deutschland hat er promoviert. An Japan liebt Lill nicht nur das Essen, sondern auch den niedrigen Geräuschpegel im Alltag, sogar in Tokio. An dieser Stelle berichtet er nun wöchentlich bis zum geplanten Olympiastart am 23. Juli über den schwierigen Weg bis zu „Tokyo 2020+1.“

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