merken
PLUS Sport

Plötzlich Olympia-Favoritin

Seit zwei Jahren ist die Meißnerin Andrea Herzog für Tokio qualifiziert. Die Zeit hat sie genutzt – und auch gebraucht.

Ihr größter Triumph: 2019 krönte sich Slalom-Kanutin Andrea Herzog zur zweitjüngsten Weltmeisterin aller Zeiten.
Ihr größter Triumph: 2019 krönte sich Slalom-Kanutin Andrea Herzog zur zweitjüngsten Weltmeisterin aller Zeiten. © Thomas Lohnes

Für andere wäre die ewige Warterei vielleicht quälend lang gewesen, für Andrea Herzog nicht. Die 21-Jährige hatte sich als einer der ersten deutschen Athleten überhaupt das Ticket für die Olympischen Sommerspiele gesichert. Seit ihrem überraschenden WM-Sieg 2019 im Canadier-Einer ist die Slalomkanutin für Tokio gesetzt. Daran hat sich auch mit der Verschiebung der Spiele vom vergangenen in dieses Jahr nichts geändert, nur das Warten ist damit noch mal 365 Tage länger.

Sie selbst stört das nicht. „Die Verschiebung um ein Jahr“, sagt die Athletin vom Leipziger KC, „hat mir schon sehr gutgetan“. Denn nach ihrem einigermaßen unerwarteten WM-Sieg, ihr bislang größter Triumph, ist auf sie unglaublich viel eingestürzt. Herzog zählt auf: „Ich habe mein Abi fertiggemacht (mit 1,1/Anm. d. R.), bin in die Sportfördergruppe der Bundeswehr aufgenommen worden, bin Weltmeisterin geworden, habe mich für Olympia qualifiziert. Das sind sehr viele Dinge gewesen.“ Als Eliteschülerin des Sports wurde sie auch noch geehrt.

Anzeige
premolab testet die Eislöwen
premolab testet die Eislöwen

Mit premolab haben die Dresdner Eislöwen einen zuverlässigen Partner für Corona-PCR-Tests für sich gewinnen können.

Den Trubel steckt sie gelassen weg

Das eine Jahr dennoch unfreiwilliger Pause von großen Wettkämpfen hat Herzog gebraucht und genutzt, um die Eindrücke zu verarbeiten, sacken zu lassen – und die Rolle als Top-Favoritin anzunehmen. Im Wildwasser-Kanal von Tokio zählt sie jetzt zum engeren Favoritenkreis, immerhin tritt sie bei der olympischen Premiere im Einer-Canadier der Frauen als Weltmeisterin an.

Ihre Eltern werden dann fehlen. Im März 2020 hatten sie bereits ihre Reise nach Japan gebucht, dann durchkreuzte die weltweite Pandemie alle Planungen. Und diesmal sind ausländische Fans bei Olympia verboten, wenn überhaupt Zuschauer an die Wettkampfstätten dürfen.

Herzog steckt das alles für ihr immer noch junges Alter sehr gelassen weg. Zumindest wirkt es nach außen so. Die 21-Jährige aus dem kleinen Gröbern, einem Ortsteil von Niederau bei Meißen, fokussiert sich voll und ganz auf das, was sie am besten kann: Die schnellsten Wege durch wilde, unberechenbare Wasserfluten finden und sich dabei wie eine Schlange um Tor-Hindernisse zu winden. Die zweifache Junioren-Weltmeisterin passt sich scheinbar mühelos allen Unwägbarkeiten an. „Glatt gelaufen ist bei uns in der Vorbereitung nicht gerade sehr viel“, erklärt sie schmunzelnd. Alle Lehrgänge auf der Tokio-Strecke – geplant waren vier bis fünf – wurden abgesagt und Planungen immer wieder über den Haufen geworfen.

„Wir wollten im Februar nach Australien, weil wir da immer sind. Das ging nicht. Wir sind nach La Reunion ausgewichen, für uns völlig neu“, erzählt sie und kann die Aufzählung mühelos fortsetzen. „Ein Vorbereitungswettkampf wollten wir im italienischen Ivrea bestreiten, aber auf der Strecke lief kein Wasser. Wir mussten viel gucken und umplanen. Es gab schon Wochen, in denen ich gar nicht wusste, was wir jetzt als Nächstes machen. Man hat gelernt, spontan zu sein und dass nicht immer alles so klappt, wie man sich das wünscht“, sagt Herzog, die die Zeit der Ungewissheit auch genutzt hat, um ihren Fahrstil zu optimieren. „Bei uns im Canadier ist es ja so, dass man meist nur auf einer Seite paddelt. Ich bin beispielsweise viele Jahre nur mit der rechten Schlagseite gefahren. Vor etwa drei Jahren begann ich damit, die Paddelseite zu wechseln. Das ist ungefähr so, als wenn ein Rechtshänder plötzlich mit links schreiben würde“, erklärt Herzog.

Diese Fertigkeit hat sie verfeinert. „Ich merke, dass es mir leichter fällt, wenn ich das Paddel wechseln kann, ich vertrage damit auch die Belastung schneller und besser“, so Herzog. Für die Unvorhersehbarkeiten im strömenden Wasser fühlt sie sich noch besser gewappnet. „Es hat mich sicherer, aber auch schneller gemacht in vielen Situationen. Es geht mir um die Möglichkeit, das so machen zu können. Ich will bei Olympia sagen können: Ich fahre die Variante, die für mich sicherer und am schnellsten ist“, sagt Herzog, die ihre Karriere bei der SG Kanu Meißen startete.

Dem Druck, um ein Tokio-Ticket kämpfen zu müssen, war Herzog nicht ausgesetzt. „Für mich war es befreiend, so zeitig zu wissen, dass ich dabei bin. Man weiß ja, dass man bei Olympia am Start steht und dort sein Bestes abliefern möchte. Der Anreiz ist groß genug, trotzdem sehr hart zu trainieren“, stellt sie fest. Das größte Ziel sei es, eine Leistung abzuliefern, mit der sie selbst zufrieden ist. Denn „ich kann nicht beeinflussen, wie die anderen fahren“.

Für die nötige Wettkampfroutine startet die Wahl-Leipzigerin demnächst bei den Weltcups in Prag (11. bis 13. Juni) und im heimischen Kanupark Markkleeberg (18. bis 20. Juni). Am 6. Juli reist das deutsche Kanuslalom-Team bereits nach Tokio, um zweieinhalb Wochen auf der Olympiastrecke trainieren zu können.

Die Corona-Impfung ist erledigt

Dass sie dort 2019 die Pre-Olympics als Dritte beendete, muss nichts bedeuten. Die Strecke wird erst kurz vor dem Olympia-Wettkampf mit den Toren abgesteckt. „Bei uns spielt Glück eine Rolle. Alle Wildwasserkanäle sind verschieden. Es gibt halt Strecken, auf denen man besser klarkommt“, sagt sie und will tun, was in ihrer Macht liegt: optimal vorbereitet sein.

Dazu gehört auch die Corona-Impfung. Ihren zweiten Piks hat sie sich über das Angebot des Deutschen Olympischen Sportbundes am Donnerstag geholt. „Ich war an dem Tag auch erschöpft und müde. Aber das ist nichts im Gegensatz zu dem, was man bei einer Infektion durchmachen müsste“, sagt Herzog.

Auch für die Zeit nach Tokio hat sie schon konkrete Pläne: zunächst die WM in Bratislava und dann ein Studium. „Ich merke, dass mir der Ausgleich etwas fehlt, um auch vom Training ein bisschen abschalten zu können. Deswegen habe ich mir vorgenommen, nach Olympia in Abstimmung mit der Bundeswehr ein Studium für Ernährungswissenschaften zu beginnen“, sagt Herzog. Vorher aber will sie unbedingt zu Olympia, lange genug hat das Warten jetzt gedauert.

Mehr zum Thema Sport