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Die älteste lebende Olympiasiegerin wird 100

Agnes Keleti feiert Geburtstag. Das Leben der in Budapest geborenen Jüdin war und ist bewegend – weit über den Sport hinaus.

Erst verhinderte der Krieg, dann eine Verletzung ein früheres Olympiadebüt von Agnes Keleti. Die Ungarin holte dennoch fünfmal Gold und fünf weitere Olympiamedaillen.
Erst verhinderte der Krieg, dann eine Verletzung ein früheres Olympiadebüt von Agnes Keleti. Die Ungarin holte dennoch fünfmal Gold und fünf weitere Olympiamedaillen. © dpa/Laszlo Balogh

Von Andreas Frank

Budapest. Ein Jahrhundert, ein Leben! Wenn Agnes Keleti am Samstag ihren 100. Geburtstag feiert, lässt sie immer noch diesen augenzwinkernden Humor erkennen, der sie ein Leben lang auszeichnete. „Ich fühle mich jung, weil ich nicht in den Spiegel schaue. Das ist mein Trick“, sagt die in Budapest geborene einstige Ausnahmeturnerin, mittlerweile die älteste noch lebende Olympiasiegerin.

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Gesegnet durch ein langes Leben – das ist für die Ungarin bis heute das größte Geschenk. Und weitaus bedeutender als ihre fünf Goldmedaillen, die sie zur bislang erfolgreichsten jüdischen Sportlerin in der olympischen Geschichte machen. Überboten nur durch Schwimmer Mark Spitz bei den Männern, der sogar neunmal Olympiasieger war.

Dabei war das Leben Keletis in den Wirren des Zweiten Weltkriegs in großer Gefahr. Nach der Besetzung Ungarns durch Nazi-Deutschland 1944 entging die damals 22-Jährige dem Konzentrationslager nur dadurch, dass sie die Identität eines nicht-jüdischen Mädchens annehmen und unerkannt als Dienstmagd auf einem Bauernhof arbeiten konnte.

Medaillen kommen erst mit über 30

„Ich sah dem Mädchen, das Piroschka hieß, schon ähnlich. Aber ich musste auch so sprechen, wie sie gesprochen hatte, und das war schwer“, erinnert sich Keleti. Sie blieb unerkannt und am Leben. Auch ihre Mutter und die einzige Schwester überlebten; sie wurden vom schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg gerettet. Doch ihr Vater und weitere Verwandte starben in Auschwitz auf grausame Art und Weise.

Keletis geplantes Olympiadebüt 1948 in London verhinderte eine Verletzung. Bei den Spielen von Helsinki 1952 und Melbourne 1956 dominierte sie mit bereits über 30 Jahren die olympischen Kunstturn-Wettbewerbe mit insgesamt fünf Gold-, drei Silber- und zwei Bronzemedaillen.

Und weil sich die Horrormeldungen aus der Heimat über den ungarischen Volksaufstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht häuften, reihte sich die hochdekorierte Athletin in eine Gruppe von 40 Olympiateilnehmern aus Ungarn ein, die in Australien nach dem Ende der Spiele um politisches Asyl baten.

Rückkehr nach Budapest vor fünf Jahren

Ihren endgültigen Frieden fand Keleti erst ein Jahr später, als sie sich in Israel niederließ, heiratete und zwei Kinder bekam. Ihre Wettkampfkarriere war vorbei, aber sie arbeitete mit großem Engagement 29 Jahre lang als Trainerin. „Ich habe mich selbst hart angetrieben“, sagte sie 2019 auf die Frage nach dem Geheimnis ihres Erfolgs. „Ich habe die Mädchen, die ich unterrichtet habe, auch hart angetrieben“, fügte sie hinzu. „Das ist der einzige Weg, um Leistung zu bekommen. Nett und mütterlich zu sein, das reicht nicht.“

Keletis Begeisterung für das Kunstturnen speiste sich allerdings nicht ausschließlich aus der großen Begabung für diese kompositorisch so herausfordernde Sportart. „Ich habe auch geturnt, weil ich etwas von der Welt sehen und viel über mich lesen wollte“, sagte sie in einem AFP-Interview. All das war ihr über viele Jahrzehnte hinweg in reichem Maße vergönnt.

2016 kehrte sie nach Budapest zurück, um bei ihrem Sohn Raphael sein zu können. In der ungarischen Hauptstadt hatte sie 2019 noch einmal einen großen öffentlichen Auftritt, als sie die Europäischen Makkabi-Spiele eröffnete. (sid, mit SZ)

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