merken
PLUS Sport

Warum sich ein Olympionike nicht impfen lässt

Die deutsche Mannschaft in Tokio besteht zu 95 Prozent aus geimpften Sportlern und Betreuern. Der Dresdner Karl Bebendorf ist eine Ausnahme - und hat gute Gründe.

Der Dresdner Leichtathlet Karl Bebendorf verzichtet auf das Impfangebot des DOSB.
Der Dresdner Leichtathlet Karl Bebendorf verzichtet auf das Impfangebot des DOSB. © Ronald Bonß

Dresden. Fest steht jetzt schon: Karl Bebendorf fliegt als krasser Außenseiter zu den Olympischen Spielen nach Tokio. Das aber gleich in doppelter Hinsicht. Der mittlerweile dreifache deutsche Meister über 3.000 Meter Hindernis ist in seiner Disziplin weltweit betrachtet ein Nobody. Bei der WM 2019 ist er im Vorlauf gescheitert. Nun, das muss nicht so bleiben.

Doch der Leichtathlet vom Dresdner SC fährt auch als einer der ganz wenigen ungeimpften Deutschen nach Japan. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat einschließlich Athleten, Trainern und sonstigen Betreuern für die Olympischen Spiele und die Paralympics seit Mai Impfangebote für 1.100 Personen unterbreitet – mit dem Impfstoff von Johnson&Johnson.

Anzeige
Mit uns können Sie voll durchstarten
Mit uns können Sie voll durchstarten

Wer sportliche Erfolge erzielen will, sollte bestens ausgestattet sein. Im Görlitzer Muskelkater wartet Equipment zum Durchstarten.

Sicherheitshalber wurden sogar 1.400 Impfdosen bereitgestellt, die aber nicht alle abgerufen wurden. „Unser Team wird mit einer Impfquote von 95 Prozent in Tokio antreten“, sagte DOSB-Sprecher Michael Schirp auf SZ-Anfrage.

"Das gereicht mir nicht zum Nachteil"

Die Dachorganisation des deutschen Sports hatte sich zuvor intensiv mit zwei führenden Medizinern beraten: Bernd Wolfarth, Leiter der Sportmedizin an der Charité Berlin sowie Barbara Gärtner, Leiterin im Institut für Medizinische Mikrobilogie und Hygiene (IMMH) am Uniklinikum Saarland. Gärtner zählt außerdem zur Beratergruppe des Robert-Koch-Instituts.

„Beide haben eindeutig eine Impfung gegen das Corona-Virus empfohlen, aber es ist eine Empfehlung“, verdeutlicht Schirp. Auf die knapp 55 nichtgeimpften Athleten oder Betreuer im deutschen Tokio-Team habe man deshalb keinen Einfluss genommen.

Das bestätigt auch Karl Bebendorf. „Der Verband brauchte von mir nur so etwas wie eine Datenschutzerklärung, dass er den japanischen Behörden Auskunft geben kann“, sagte er. Zudem informierte sich der 25-Jährige bei der Verbandsärztin des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV).

„Sie meinte, da ich die Krankheit schon hatte, ist das ein Stück weit unbedenklicher. Sie sieht das ganz entspannt. Das gereicht mir nicht zum Nachteil“, sagt der Dresdner.

Restriktionen in Tokio für alle gleich

In der Tat muss der DOSB dem IOC oder den Gastgebern nicht namentlich mitteilen, wer geimpft oder nicht geimpft einreist. „Den Organisatoren ist egal, ob wir Geimpfte, Genesene oder Nichtgeimpfte sind. Jeder wird in Tokio nach denselben Standards behandelt“, erklärt Sprecher Schirp. Für DOSB-Angestellte gab es hingegen die klare Ansage: Wer nach Tokio will, muss sich impfen lassen. „Ich wollte mich impfen lassen, wäre nicht ohne Impfung gefahren“, sagt Schirp – als Privatperson.

Ohnehin sind die Restriktionen für alle Tokio-Reisenden gleich – ob mit oder ohne Impfung. „Das ist vor Ort ein Überprüfungsregime, was man in Deutschland so noch nicht erlebt hat“, erklärt Schirp. Jeder Athlet und Betreuer muss bereits 14 Tage vorher täglich seine Temperatur in eine App für alle Olympioniken eintragen.

„Zudem gibt es einen PCR-Test innerhalb von 96 Stunden vor dem Abflug und einen zweiten 72 Stunden vor Abflug – in dafür ausgewählten Testzentren, die vorgeschrieben sind“, sagt der DOSB-Mann. „Allein das Prozedere am Flughafen mit Überprüfung der Einreise dauert zwischen zweieinhalb und vier Stunden.“

Außerdem führt Bebendorf durchaus nachvollziehbare Gründe für seinen Verzicht auf den Piks an. Der Hindernisläufer infizierte sich im Dezember 2020 mit dem Virus, hatte einen leichten Verlauf mit grippeähnlichen Symptomen sowie dem kurzzeitigen Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn. Bis Juni galt er als von Corona Genesener – und hätte sich bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht impfen lassen dürfen.

Risiko der Nebenwirkung nicht eingehen

Danach war dem Dresdner eine Spritze schlichtweg zu heikel. Er befand sich mitten im Qualifikationsmodus für Olympia. Da für die direkte Norm von 8:22,00 für den 1,85 Meter großen Läufer kein entsprechendes Rennen in Aussicht stand, entschieden sein Trainer Dietmar Jarosch und er, sich über die Weltrangliste bei entsprechenden Meetings zu qualifizieren. Eine Punktlandung.

Die 45 Punktbesten der Weltrangliste erhielten eine Einladung für Tokio – Bebendorf als Nummer 44. „Ich habe von vielen Athleten etwas von Nebenwirkungen mitbekommen, das Risiko wollte ich nicht eingehen“, sagt er.

Weiterführende Artikel

Schnelles Olympia-Ende für Dresdner Bebendorf

Schnelles Olympia-Ende für Dresdner Bebendorf

Der DSC-Läufer ging im Vorlauf "gnadenlos zugrunde". An der Nicht-Impfung lag es nicht, wie er sagt. Trotzdem sieht er sich auf dem richtigen Weg.

Kaum noch Wartezeiten beim Impfen

Kaum noch Wartezeiten beim Impfen

Eine Terminvereinbarung fürs Impfzentrum Pirna ist nicht mehr nötig. Auch 14-Jährige können schon geimpft werden.

Dresdens Sportschüler und ihre Olympiahelden

Dresdens Sportschüler und ihre Olympiahelden

Tina Punzel und Karl Bebendorf haben vor Jahren an der Eliteschule des Sports in Dresden gelernt, nun starten sie in Tokio. Knapp 200 Schüler finden das inspirierend.

Dresdner Olympia-Träume werden wahr

Dresdner Olympia-Träume werden wahr

Tokio, er kommt: DSC-Läufer Karl Bebendorf ist bei Olympia dabei, das ist nun offiziell. Genauso, dass einige prominente Namen im Aufgebot fehlen.

Auf einen möglichen Antikörpertest verzichtete der DSC-Starter. „Der wäre lediglich für mein Gewissen, in Tokio will davon keiner etwas wissen. Ich fühle mich sicher, das ist das Wichtigste. Wer gibt mir die Garantie, dass ich mich mit Impfung nicht mehr anstecken kann? Die gibt es nicht“, stellt Bebendorf fest.

Die jüngsten positiven Fälle im olympischen Dorf bestätigen ihn. „Ich weiß, dass mein Körper clean ist. Wir sind auf Bestformkurs, so fühlt sich das an“, sagt Bebendorf – und muss das nun auch im Vorlauf beweisen.

Mehr zum Thema Sport