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„Gewisse Sachen muss man geschehen lassen“

Speerwerfer Johannes Vetter gilt als Olympia-Favorit und Weltrekordmann. Er selbst kann und will nicht widersprechen.

Läuft gerade bei Johannes Vetter. Entsprechend gut gelaunt ist der gebürtige Dresdner.
Läuft gerade bei Johannes Vetter. Entsprechend gut gelaunt ist der gebürtige Dresdner. © Uwe Anspach/dpa

Der Mann liefert Weltklasseleistungen im Akkord. Speerwerfer Johannes Vetter ist in seiner Disziplin mit großem Abstand derzeit das Maß aller Dinge. Dem gebürtigen Dresdner wird spätestens seit vergangenem Jahr, als ihm mit 97,76 Metern der zweitweiteste Wurf der Geschichte mit dem neuen Gerät gelang, nichts weniger als der Olympiasieg zugetraut – sowie als Erstem ein Wurf über 100 Meter. Mit 94,20 Meter führt der 28-Jährige von der LG Offenburg die Weltrangliste an und legte zuletzt in Dessau 93,20 Meter nach.

Im Interview mit der Sächsische.de spricht Vetter über seine Verfassung und eine mögliche Olympia-Absage.

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Herr Vetter, wo erwische ich Sie denn gerade?

An einem trainingsfreien Tag. Den muss man hin und wieder mal einstreuen, wenn man bei Wettkämpfen performen will.

In der Vorsaison blieben Sie ungeschlagen, und daran knüpfen Sie derzeit nahtlos an. 14 Siege nacheinander stehen jetzt zu Buche. Macht Ihnen Ihre Übermacht manchmal selbst Angst?

Darauf haben wir ja gezielt hingearbeitet. Man kann sich über alles den Kopf zerbrechen, die Frage ist: Hilft einem das oder kostet das nur zu viel Energie und Lebensqualität? Unser Plan geht bisher auf, das freut uns alle, da sind wir im gesamten Team stolz drauf. Jetzt geht es vor allem darum, die Wettkämpfe reibungslos und gesund über die Bühne zu bekommen.

Wie sieht Ihre weitere Planung bis zu Olympia Ende Juli in Tokio aus?

Ich starte jetzt an diesem Wochenende bei der Team-EM, danach bei der deutschen Meisterschaft. Dann geht es weiter mit drei Wettbewerben in Finnland, dann kommt Luzern, am 12. Juli noch Diamond League in London. Und dann sind die Spiele.

Sie haben zuletzt zwei Wettkämpfe nach vielen Reisekilometern in 48 Stunden absolviert und jeweils mit absoluten Weltklasseweiten gewonnen. Setzen Sie sich gezielt unter Druck?

Nein, ich muss natürlich ein bisschen auf den Mehrwert der Meetings schauen. Das ist zum ersten eine finanzielle Einnahmequelle, zum zweiten sind die Wettkämpfe das beste Training. Da lernt man am besten, mit Drucksituationen umzugehen. Ich liebe die Herausforderung, ob im Wettkampf oder in der Vorbereitung, der Reiserei. Damit kommt vielleicht nicht jeder klar, aber es hat sich jetzt die letzten Jahre gut eingespielt, das ist nichts Neues.

Einige Experten und teilweise auch die Konkurrenz meint, dass Sie bei optimalen Bedingungen bereits den Weltrekord von 98,48 Meter verbessert hätten. Was sagen Sie?

Es kommt auch auf die Tagesform an. Ich stehe nicht jeden Morgen auf und sage: Heute werfe ich über 90 Meter. Das fällt mir auch mal etwas schwerer. Es gab aber bisher keinen Wettkampftag, von dem ich sagen konnte: Heute passt wirklich alles. Ich mag den Reiz daran, dass etwas auch mal nicht so stimmen kann. Daraus lerne ich am meisten. Es ist gut zu wissen, dass man mit verschiedenen Bedingungen wie Wind, Regen, Kälte oder Hitze zurechtkommt. Das gibt mir enorm viel Selbstbewusstsein.

Lassen Sie uns mal im Konjunktiv reden: Würden Sie in Tokio lieber nur als der Top-Favorit an den Start gehen oder gerne auch als Weltrekordler?

Ich mag den Konjunktiv nicht so. Dementsprechend mache ich mir darüber keine Gedanken. Ich genieße, dass es für mich gut läuft. Ich habe viel Spaß daran, wie ich die Wettkämpfe gestalten, dass ich auf so einem hohen Level performen kann. Dass ich mich weiter gut fühle, dass ich gesund bin. Dafür bin ich sehr dankbar. Gewisse Sachen muss man geschehen lassen, die passieren einfach.

Starten Sie aufgrund Ihrer Siegesserie und ihrer überragenden Verfassung in Tokio mit dem Anspruch: Wer Olympiasieger werden will, muss an mir vorbei?

Das liegt irgendwie auf der Hand. Nach den Vorstellungen im Vorjahr und in dieser Saison ist das so.

Ihre Vorsaison lief nahezu perfekt. Haben Sie deshalb im Training einfach so weitergearbeitet oder Details geändert?

Eher Ersteres. Wir haben viel Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr mitgenommen, wo ich auch angekündigt habe: Ich absolviere diese Saison aus dem Aspekt, dass ich das Olympiajahr in einem ganz anderen Bewusstsein angehen kann. Der Plan ging bisher super aus. Ich habe Erfahrungswerte, technische Aspekte mitgenommen. Das spiegelt sich jetzt auch in der Stabilität der weiten Würfe wider. Stand jetzt. Weiteres hohes Augenmerk legen wir auf die Gesunderhaltung: Physiotherapie, Osteopathie, Kommunikation in unserem Team, damit alle wissen, wie geht es dem Jojo (Spitzname von Vetter/Anm. d..R.), wo sind kleinere Baustellen, worauf müssen wir achten? Da sind alle hundert Prozent involviert, motiviert und extrem professionell.

Wo sind Ihre Baustellen? Sie bewegen sich ja in absoluten Grenzbereichen.

Ja, in diesen Grenzbereichen tauchen immer wieder ein paar kleine Sachen auf. Ein fester Muskel oder eine kleine Fehlstellung in der Statik des Rückens – das ist ganz normal. Mir tut jetzt nichts weh. Wir packen die Schlange direkt beim Kopf, sind immer ein paar Schritte voraus, machen prophylaktisch schon sehr viel.

Bereitet es Ihnen Sorgen, dass in Japan der Zuspruch für Olympia unter Corona-Bedingungen immer mehr sinkt?

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Johannes Vetter aus Dresden überragt auch bei der Mannschafts-EM in seiner Disziplin. Doch bereits nach dem zweiten Durchgang meldet sich der Oberschenkel.

Ich tue im Moment gut daran, mich auf meine eigene Leistung zu konzentrieren. Was in Japan passiert, darauf kann ich keinen Einfluss nehmen. Ich habe Verständnis dafür, dass die Japaner vorsichtig sind und der Unmut gegen die Spiele wächst. Die Metropolregion Tokio umfasst 37 Millionen Einwohner, jetzt kommen 10.000 bis 12.000 Athleten dazu. Das ist prozentual ein verschwindend geringer Anteil. Die Japaner haben eine relativ geringe Impfquote, soweit ich weiß. Wir können davon ausgehen, dass viele Sportler geimpft sind. Ich bin jetzt seit exakt zwei Wochen durchgeimpft, darüber bin ich sehr glücklich und dankbar.

Das Interview führte Alexander Hiller.

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