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Olympia – sind wir stark genug?

Die Spiele in Tokio sind anders. Sieger und Verlierer gibt es dennoch. Fragen an Ulf Tippelt, Direktor der deutschen Medaillenschmiede IAT in Leipzig.

Die Mannschaft aus Deutschland läuft bei der Eröffnungsfeier mit den Fahnenträgern Beachvolleyballspielerin Laura Ludwig und Wasserspringer Patrick Hausding ins Stadion ein.
Die Mannschaft aus Deutschland läuft bei der Eröffnungsfeier mit den Fahnenträgern Beachvolleyballspielerin Laura Ludwig und Wasserspringer Patrick Hausding ins Stadion ein. © Morry Gash/AP/dpa

Herr Tippelt, das IAT erforscht, wie Sportler in Deutschland mehr Leistung erbringen können und gibt Trainingsempfehlungen. Können Sie uns erklären: Warum holen die deutschen Olympioniken bei den Sommerspielen stabil 40 Medaillen – und nicht mehr?

Es ist uns Deutschen ja eigen, dass wir zur Perfektion neigen. Und das ist bezogen auf den Sport auch gut so. Zumal der Blick weiter zurück zeigt, dass wir schon mal erfolgreicher waren: In Sydney 2000 waren es 56 Medaillen. Der Anspruch ist unverändert: Deutschland will sich unter den besten sechs Nationen in der Welt behaupten, das ist zuletzt immer gelungen. Aber man muss zukünftig mehr dafür tun.

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Im Zuge der Chemnitzer Turnaffäre mit Vorwürfen von Athletinnen gegen Trainerin Gabriele Frehse wurde klar: Die Härte, die früher im Leitungssport üblich war, ist für viele junge Menschen nicht mehr tragbar. Wie kann man wieder mehr für den Leistungssport begeistern?

Die erste und entscheidende Frage ist: Welche Rolle spielt Sport in Deutschland in der Gesellschaft? Da hat uns die Pandemie wieder einmal gezeigt, dass diese Rolle offenbar nicht so groß ist. Bei den Maßnahmen zur Bewältigung der Corona-Pandemie fand ich die Einordnung von Sport mit seinen großen präventiven Wirkungen mindestens bedenklich. Die zweite Frage ist die nach der Bedeutung des Leistungssports. Welche Rolle spielen sportliche Erfolge für die Gesellschaft? Was wollen wir mit Leistungssport erreichen? Wo sehen wir uns im internationalen Vergleich? Das ist eine zwingend notwendige gesellschaftliche Diskussion, die noch nicht geführt ist. Und die dritte Frage ist die nach der Leistungssportreform, welche sich bislang vorrangig mit Bürokratie aufhält statt Leistung zu optimieren.

Es bleibt die Frage: Wie hart kann und darf Leistungssport sein?

Grundsätzlich gilt: Spitzenleistungen sind nur mit einem langfristigen Trainingsaufbau möglich. Dazu gehören Phasen, in denen die Athletinnen und Athleten immer wieder auch Grenzen überwinden müssen. Dafür braucht es Trainer, die dazu animieren und das nötige Handwerkszeug vermitteln. Anders sind Spitzenleistungen nicht zu erreichen. Also muss man die Frage diskutieren: Was ist uns das wert und mit welchen Methoden ist es akzeptabel? Womit wir wieder bei der Frage nach der Rolle von Leistungssport sind.

Ulf Tippelt (58) ist gebürtiger Ebersbacher und seit 2015 Direktor des IAT in Leipzig.
Ulf Tippelt (58) ist gebürtiger Ebersbacher und seit 2015 Direktor des IAT in Leipzig. © Archiv: Robert Michael

Müssen sich die Trainingsmethoden ändern?

Es muss darum gehen, den Spaß an der Leistung zu wecken. Natürlich tut das bei allem Spaß auch manchmal weh. Wie gesagt: Im Leistungssport geht es darum, Grenzen zu überwinden. Aber das ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Wir haben diese Diskussionen auch international. Bezogen auf die Trainingsmethodik und die notwendigen Härten, dem Sich-Überwinden, gehört es für mich dazu, dass die Trainer eine entsprechende methodische, pädagogische, psychologische Schulung haben. Sie müssen aber auch mit der Generation junger Leistungssportler klarkommen. Manche können mit Härte gut umgehen und haben trotzdem Spaß am Training, andere sind sensibler. Darauf muss man die Trainingsarbeit individuell ausrichten.

Ist Leistungssport für junge Menschen noch cool?

Ich bin schon im vorgerückten Alter, sage aber dennoch: Leistungssport ist absolut cool. Gerade weil es bei jungen Leuten, der Trend ist zum Beispiel in den USA oder England noch stärker ausgeprägt, mehr denn je um Typen geht. Und solche werden durch Leistungssport ganz besonders geformt. Topathleten sind in den allermeisten Fällen einzigartige Charaktere. Ich möchte ein Beispiel aus Dresden nennen: den Kanuten Tom Liebscher. Ich habe ihn 2010 kennengelernt bei den ersten Olympischen Jugendspielen in Singapur, die ich als Chef de Mission begleitet habe. Damals habe ich Tom als eher zurückhaltenden, seinen Weg suchenden Jungen wahrgenommen, jetzt ist er Olympiasieger und hat sich auch abseits des Sports zu einer starken Persönlichkeit entwickelt mit klaren Vorstellungen vom Leben.

Der Dresdner Kanute Tom Liebscher zählt zu den großen Medaillenhoffnungen. Schon 2016 wurde er Olympiasieger mit dem Kajak-Vierer.
Der Dresdner Kanute Tom Liebscher zählt zu den großen Medaillenhoffnungen. Schon 2016 wurde er Olympiasieger mit dem Kajak-Vierer. © Matthias Rietschel

In der Leistungssportwelt geben immer öfter Kleinigkeiten den Ausschlag über Sieg und Niederlage – da hilft auch der bestgeformte Charakter nichts.

Genau darin sehen wir als IAT unsere Aufgabe: mit wissenschaftlichen Möglichkeiten und Methoden die zwei, drei entscheidenden Prozent herauszukitzeln. Wir wollen das Training der Athletinnen und Athleten und ihre Vorbereitung auf Wettkämpfe durch wissenschaftliche Erkenntnisse so gut wie möglich unterstützen, um Leistung zu optimieren. In der Weltspitze machen diese zwei bis drei Prozent den Unterschied aus zwischen Medaillenrängen und Platz zehn.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf den Leistungssport? Wird es Spätfolgen geben, die womöglich erst bei den nächsten Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris oder noch später sichtbar werden?

Diese Spätfolgen wird es geben, auch wenn sie momentan nicht exakt zu belegen sind. Gerade im Nachwuchsbereich gab es viele Sportarten, die überhaupt keine Wettkämpfe hatten und keine Sichtungsmaßnahmen. Nachwuchstalente hatten bestenfalls ein bisschen Training oder Trainingsersatz. Das alles wird Auswirkungen haben. Viele Kinder, die wahnsinnig großes Talent haben, sind vielleicht gar nicht zum Sport gekommen – weil sie weder in der Schule ordentlichen Sportunterricht hatten, noch den Zugang zum Verein fanden. Aber auch da ist Deutschland nicht allein, das ist ein Problem in der ganzen Welt.

Es wurde viel diskutiert über Olympia und Tokio. Was überwiegt bei Ihnen, Vorfreude oder Ungewissheit?

Ganz klar die Vorfreude. Das hängt auch damit zusammen, dass wir sehr viele deutsche Athleten, die in Tokio am Start sind, am IAT ganzjährig begleiten. Bei allen haben wir gespürt: Sie sind heiß auf Olympia, auch wenn die Bedingungen besondere sind: keine Zuschauer, viele Restriktionen, dazu die regelmäßigen Corona-Tests. Aber alle sind froh, dass die Spiele stattfinden.

Die Stimmung im deutschen Sport ist also trotz fehlender Zuschauer die: Schön, dass es Olympia in Tokio gibt! Oder?

Bei den Athletinnen und Athleten ist es ganz klar diese Position. Ich habe keinen gehört, der noch wie im vergangenen Jahr gesagt hat, es sei unverantwortlich, Olympische Spiele durchzuführen. Wir verlassen uns darauf, dass es die Organisatoren so sicher machen, dass der Sport problemlos durchgeführt werden kann. Auch wenn damit das Flair, was Olympia so einzigartig macht, diesmal leider nicht aufkommen wird.

Welche Erwartungen haben Sie an Tokio und Olympia?

Was die Organisation der Spiele angeht, bin ich gespannt, wie man das unter den Corona-Bedingungen hinkriegt – denn es gibt kein vergleichbares Sportevent dieser Art. Auch keine Fußballmeisterschaft ist mit der Vielzahl der Nationen und der Vielzahl der Sportarten zu vergleichen. Olympia ist das Größte. Die andere Erwartungshaltung ist die an die sportliche Leistung.

Was dürfen wir denn in den nächsten zwei Wochen sportlich von „unseren“ Athleten erwarten?

Alle Athleten, die in Tokio antreten, sind heiß darauf, ihre beste Leistung abzurufen. Und ich gehe auch davon aus, dass sich die meisten Sportler in Deutschland trotz der Pandemie sehr gut vorbereiten konnten. Was dann für Ergebnisse möglich sein werden – üblicherweise redet man ja vor Olympischen Spielen auch immer über Medaillenerwartungen – ist so unklar wie nie zuvor. Viele Vorbereitungswettkämpfe und Vergleichsmöglichkeiten haben nicht stattgefunden. Und ein weiterer Punkt spielt für mich eine Rolle, um Topleistungen zu erzielen: die Emotionen. Da bin ich gespannt, wie stark der Einfluss fehlender Zuschauer ist.

Die Medaillenerwartungen steht bei Olympia immer ganz besonders im Mittelpunkt. In Rio 2016 gab es für Deutschland 42, in London 2012 waren es 44, in Peking 2008 41 Medaillen. Und diesmal?

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Sämtliche Prognosen haben wir in diesem Jahr hintenangestellt. Wir wollen und können aus genannten Gründen diesmal dazu keine Aussagen treffen. Die internationale Vergleichbarkeit fehlt. Was ich für die vom IAT betreuten Sportarten sagen kann: Die deutschen Athletinnen und Athleten sind mit einem sehr guten Leistungsstand in Tokio am Start. Und wenn sie diese Leistung abrufen, werden wir in zahlreichen Sportarten auch Erfolge sehen. Davon bin ich überzeugt.

Das Interview führte Tino Meyer.

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