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Dresdner Wasserspringer: Gewinner auch ohne Medaille

Martin Wolfram springt bei Olympia nach vielen Rückschlägen und Verletzungen erneut unter die besten Acht und sagt, dass es um mehr geht als nur um Medaillen.

Nach dem Finale erklärt Martin Wolfram seinen Olympia-Rücktritt.
Nach dem Finale erklärt Martin Wolfram seinen Olympia-Rücktritt. © dpa/Swen Pförtner

Das Mittagessen ließ er stehen, die Aufregung war einfach zu groß. Ein Energieriegel nahm der Körper gerade noch auf, mehr nicht. Das reichte für einen siebenten Platz im Finale vom Dreimeter-Brett. Damit landete Martin Wolfram auf dem gleichen Rang wie seine Dresdner Trainingskollegin Tina Punzel am Sonntag. Seine Reaktion danach war jedoch eine völlig andere, weil auch seine Geschichte eine komplett andere ist.

Während Punzel vorher im Synchronwettbewerb über Bronze jubeln konnte und die Einzelentscheidung mehr eine Zugabe und ein gelungener Abschluss ihrer Tokio-Reise war, ist für Wolfram schon das Überstehen von Vorkampf und Halbfinale ein großer Erfolg – und eine Belohnung. Im Finale läuft dann nicht alles nach Plan, mit fehlerfreien Sprüngen hätte es womöglich zu Platz vier oder fünf gereicht, doch das, sagt er, „ist mir ehrlich gesagt völlig egal. Nach allem, was ich erlebt habe und was ich durchstehen musste, ist Platz sieben ein unglaublich tolles Ergebnis.“

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Durchstehen – das trifft es ganz gut. Bei seiner Olympia-Premiere 2012 in London kugelt er sich im Finale vom Turm die Schulter aus, springt trotzdem unter Schmerzen weiter und wird Achter. Nach zwei Operationen feiert er bei der EM 2015 in Rostock ein Comeback, bei dem er reihenweise die Höchstnote 10 erhält und Gold gewinnt. Wolfram gilt spätestens jetzt als einer der weltbesten Turmspringer. Doch ein Jahr später bei den Spielen in Rio de Janeiro hat er wieder Probleme mit der Schulter und wird Fünfter.

Erneut muss er operiert werden, die Ärzte der Berliner Charité raten ihm dringend, nicht mehr aus zehn Metern Höhe zu springen. „Ich habe lange gebraucht, um das zu akzeptieren“, erinnert er sich. Aufgeben ist jedoch keine Option für ihn. Also versucht er sich vom Dreimeter-Brett, weil da beim Eintauchen nicht so große Kräfte wirken. Für diese Disziplin ist er eigentlich zu klein und leicht, er kann das Brett beim Abspringen nicht so durchbiegen wie seine Konkurrenten. Dadurch fliegt Wolfram nicht so hoch und hat weniger Zeit für Salti und Schrauben.

Höchste Anspannung bis in die Zehenspitzen: Martin Wolfram zeigt im Finale, dass er auch ein guter Brettspringer ist.
Höchste Anspannung bis in die Zehenspitzen: Martin Wolfram zeigt im Finale, dass er auch ein guter Brettspringer ist. © dpa/Swen Pförtner

Trotzdem will er unbedingt ein drittes Mal zu Olympia. Als er sich im Januar 2020 erneut die Schulter auskugelt, ist der Traum endgültig geplatzt – glaubt er. Dann kommt Corona, die Verschiebung der Tokio-Spiele ist für ihn ein Glücksfall. Erneut kämpft er sich zurück, beim Weltcup im Mai gewinnt er sensationell und qualifiziert sich ein drittes Mal für Olympia. Kurz danach gewinnt er auch noch EM-Bronze. Für manchen gehörte er damit zum Favoritenkreis, er selbst ordnet sich da nicht ein. „Ein drittes Mal das Finale zu erreichen, wäre schon ein großer Erfolg“, sagt er kurz vor dem Abflug nach Tokio.

Am Dienstagmorgen ist Wolfram rundum zufrieden, aber nicht nur das. „Wenn ich höre oder sehe, wie die anderen Springer mich respektieren und mir gratulieren, bedeutet mir das sehr viel. Es zeigt mir auch, dass es um mehr geht als nur um Medaillen. Ich habe es geschafft, anderen eine Inspiration zu sein, die ebenfalls mit Rückschlägen umgehen müssen. Das macht mich schon ein bisschen stolz.“

Wie lange macht Wolfram noch weiter?

Es klingt fast wie der Schlusssatz einer Karriere, die ohne die ganzen Verletzungen ganz sicher eine noch reicher dekorierte geworden wäre. Dieses Kriterium, das hat Wolfram gelernt, ist jedoch nicht das einzig glücklich machende. Dreimal ist er bei Olympia unter den Top 8 gelandet. „Ich kann zufrieden sagen, dass ich auch ohne Medaille ein Olympiagewinner bin. Das lasse ich mir von niemandem nehmen“, erklärt der 29-Jährige.Doch ist nun tatsächlich Schluss? Mit Olympia ja, die Spiele 2024 in Paris will er nicht mehr angehen. „Aber ich werde auf jeden Fall noch weitermachen“, betont er. Wie lange, das steht noch nicht fest. „Das wichtigste Kriterium für die Entscheidung ist: Was sagt mein Körper, wie schnell kann ich regenerieren“, meint er.

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In Tokio nahm er sich nach seinem letzten Olympiafinale erst mal Zeit für etwas ganz anderes: „Ich freue mich jetzt auf richtig fettes, ungesundes Zeug wie Pizza oder Burger.“ Der Magen war wieder bereit.

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