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Wie Sachsens Top-Athleten auf Olympia schauen

Die Sommerspiele in Tokio sollen diesmal unbedingt stattfinden, sagen die sächsischen Olympioniken. Doch sie haben auch Bedenken und Forderungen.

Die Olympia-Vorfreude wollen sich zumindest die Organisatoren nicht nehmen lassen. Eine Installation der Olympischen Ringe wird 100 Tage vor den Spielen in Tokio auf dem Gipfel des Mt. Takao enthüllt.
Die Olympia-Vorfreude wollen sich zumindest die Organisatoren nicht nehmen lassen. Eine Installation der Olympischen Ringe wird 100 Tage vor den Spielen in Tokio auf dem Gipfel des Mt. Takao enthüllt. © dpa/kyodo

Dresden. Der Präsident kann sich nicht entscheiden. „Wir wollen alle unser Bestes geben und erfolgreich sein – aber nicht um jeden Preis“, sagt Alfons Hörmann, Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes, mit Blick auf die Olympischen Sommerspiele. Am 23. Juli soll die bedeutendste Sportveranstaltung in Tokio beginnen – ein Jahr nach dem ursprünglichen Termin.

Doch Hörmann lässt 100 Tage vor der Eröffnungsfeier durchaus Zweifel durchblicken, ob Olympia inmitten der aktuellen Corona-Lage stattfinden sollte. Schließlich wütet die Pandemie weiter, schlimmer noch als vor einem Jahr. Andererseits betont Deutschlands oberster Sportfunktionär: „Die Vorbereitungen sind gelaufen, das Geld ist investiert, es wäre ewig schade, das Weltsportfest nun nicht umzusetzen.“

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Noch mehr hin- und hergerissen sind diejenigen, auf die es bei Olympia ankommt: die Sportler.

Vorfreude kommt kaum auf

Noch 100 Tage ... Bedeuten für Christina Schwanitz gut drei Monate weiteres Hoffen, Bangen und auch Misstrauen. „Olympia ohne Publikum, ohne olympisches Dorf und all das, was dazugehört – das werden sicher keine schönen Olympischen Spiele“, sagt die 35-jährige Kugelstoßerin. Seit Jahren gehört die gebürtige Dresdnerin zur Weltspitze, gewann 2015 den WM-Titel und will sich nun den großen Traum von der Olympiamedaille erfüllen, nachdem sie 2016 Platz sechs belegte. „Seit fünf Jahren trainiere ich auf diesen Höhepunkt hin, Tokio war der Grund, warum ich nach der Geburt meiner Kinder wieder mit dem Leistungssport begonnen habe“, erklärt Schwanitz, die sich gerade im Trainingslager in Kienbaum befindet, und stellt schließlich fest: „Ehrlich gesagt, kann ich die Gefahr überhaupt nicht einschätzen.“

So oder ähnlich geht es wohl den meisten Sportlern, zumindest den sächsischen Top-Athleten. Einige haben sogar schon die Qualifikationsnorm erreicht, Tina Punzel zum Beispiel. Im Gegensatz zu den beiden anderen Dresdner Wasserspringern Martin Wolfram und Saskia Oettinghaus ist sie quasi gesetzt. Wenn es gut läuft, könnte Punzel bei Olympia in drei Disziplinen antreten: im Einzel- und Synchron-Wettbewerb vom Dreimeter-Brett sowie im Turm-Synchron. Bisher hat die 25-Jährige für das Einzel einen Startplatz sicher. „Vorfreude auf Olympia kommt bei mir aber noch nicht so auf“, sagt Punzel.

Die Ungewissheit, ob nicht doch noch alles abgesagt wird, stecke immer im Hinterkopf, sagt sie. Und selbst wenn alles nach Plan läuft: „Es werden sicher nicht die Spiele, die man kennt.“ Sie kann das gut vergleichen, weil sie vor fünf Jahren in Rio de Janeiro ihre olympische Premiere erlebte. „Da waren meine Eltern und mein Bruder dabei – und ich als Zuschauerin bei anderen Wettkämpfen. Ich habe den ganzen Trubel also mitgemacht“, sagt sie.

Diesmal wird all das nicht möglich sein. „Trotzdem versuche ich, positiv zu denken. Es bleibt der Höhepunkt im Jahr.“ Für die Wasserspringer ist es dank der TV-Übertragung eine der wenigen Möglichkeiten, ins Rampenlicht zu springen.

Sachsens Olympiahoffnungen

Kugelstoßerin
Christina Schwanitz
Kugelstoßerin Christina Schwanitz © Darko Vojinovic/AP/dpa
Hindernisläufer
Karl Bebendorf
Hindernisläufer Karl Bebendorf © Archiv: Ronald Bonß
Wasserspringerin
Tina Punzel
Wasserspringerin Tina Punzel © kairospress
Ruderer
Karl Schulze
Ruderer Karl Schulze © Robert Michael
Kanute
Tom Liebscher
Kanute Tom Liebscher © Robert Michael
Schwimmerin
Leonie Kullmann
Schwimmerin Leonie Kullmann © dpa/Uwe Anspach
Kugelstoßer
David Storl
Kugelstoßer David Storl © dpa/Bern Thissen
Schütze
Christian Reitz
Schütze Christian Reitz © imago sportfotodienst

Bei Leonie Kullmann ist die Lage ähnlich, nicht nur was die öffentliche Wahrnehmung betrifft. Die Schwimmerin muss am Wochenende in Berlin ihr Tokio-Ticket lösen, dann steht der letzte Qualifikationswettkampf an. „Bis jetzt habe ich einen Fuß in der Tür“ – so beschreibt sie die Ausgangslange. Über 400 Meter Freistil hat sie die geforderte Norm unterboten und liegt in der deutschen Rangliste auf Platz zwei. Zwei Schwimmer dürfen pro Nation auch starten. Überholen kann sie eigentlich nur noch Sarah Köhler. Die Freundin von Doppel-Weltmeister Florian Wellbrock liegt in der Rangliste an dritter Stelle, könnte sich bei Olympia aber auf die 800 und 1.500 Meter konzentrieren. Kullmann will dennoch sicher gehen.

Dazu müsste sie in Berlin über 200 Meter unter den schnellsten Vier landen, um für die Staffel nominiert zu werden. „Ich werde wohl meine fünf Jahre alte Bestzeit unterbieten müssen“, sagt sie. 2016 erlebte sie ihre ersten Spiele, Kullmann war 16 und die jüngste deutsche Schwimmerin. Mit der Staffel wurde sie Zwölfte.

Diesmal, das ahnt sie schon jetzt, wird alles anders. „In Tokio gibt es durch die Pandemie viele Einschränkungen“, glaubt sie. Die müssten nicht ganz so streng sein, wenn alle Sportler vorher geimpft werden. Kullmann ist bei diesem Thema unentschieden. „Wenn es die Möglichkeit gäbe, wäre es natürlich schön, weil es die Risiken minimiert“, findet die 21-Jährige. „Auf der anderen Seite sollten wir Athleten uns auch nicht vordrängeln.“

Diesen Aspekt nennt auch Schwanitz und sieht die deutschen Top-Athleten „moralisch in Verantwortung genommen“, wie sie es ausdrückt. „Wir müssen entscheiden, ob wir uns impfen lassen oder nicht. Das ist eine sehr schwere Frage“, sagt Schwanitz. Rein sportlich betrachtet ist für sie trotz allem eines klar: „Theoretisch hätten wir schon längst geimpft sein müssen. Denn jeder zeigt andere Impfreaktionen, und einen längeren Trainingsausfall kann sich jetzt keiner mehr leisten.“

Vorbereitung hat das höhere Risiko

Viel mehr Tempo in der heiklen I-Frage fordert auch Kanute Tom Liebscher. „Viele bekannte Nationen sind geimpft, so wie Russland und China. Auch Ungarn hat es verkündet. Je östlicher das Land oder sagen wir, je unterschiedlicher die Strukturen dort sind, desto schneller wurden die Leute geimpft. Das beschäftigt uns schon“, sagt der Olympiasieger von 2016.

Ruderer Karl Schulze, 2012 und 2016 Olympiasieger im Doppelvierer, glaubt zumindest nicht an eine Impfpflicht, „weil man das jetzt zeitlich kaum mehr schafft“. Dass einige Nationen ihre Olympia-Athleten bereits geimpft haben, weiß er. „Dort spielt der Sport eine ganz andere Rolle als in Deutschland. Wahrscheinlich werden die Mehrzahl der Aktiven geimpft sein, das wird dann eine Art Herdenimmunität innerhalb der olympischen Blase garantieren“, sagt Schulze. Aufgrund seiner Anstellung in der Sportfördergruppe der Bundespolizei hätte er die Impfung bereits bekommen können, was organisatorisch aber bislang nicht klappte.

Vor Olympia will er das unbedingt erledigt wissen. Die Spiele selbst schätzt er als „eine sehr, sehr sichere Veranstaltung“ ein. „Das größere Risiko ist, dass wir für die Vorbereitung durch die Welt reisen müssen. Das Risiko ist jetzt am höchsten“, sagt Schulze, der seit dem Vorjahr mit seiner Familie wieder in Dresden wohnt und regelmäßig zum Stützpunkt Hamburg pendelt.

Auch Liebscher will sich impfen lassen. „Sofort! Ich habe vergangenen Sonntag geguckt, da waren 17.000 freie Termine. Ich hätte mich da direkt angestellt, gar kein Ding. Wann wir dann endlich dran sind, darum müssen andere kämpfen“, erklärt der 27-Jährige – und meint den DOSB mit Präsident Hörmann.

Einen Rückschlag in Form einer längeren Quarantäne kann sich Liebscher aus eigener Sicht sportlich nicht mehr erlauben. „Das wäre schon eine Challenge für mich“, sagt der Dresdner, der sich im Oktober bei einer Rafting-Tour im Trainingslager fünf Querfortsätze in der Brustwirbelsäule brach und verspätet mit der Olympia-Vorbereitung beginnen konnte.

Große Flexibilität und Spontanität gefragt

Noch eine Trainingspause kann auch Kugelstoßer David Storl nicht gebrauchen, im März musste er wegen einer Corona-Infektion aussetzen. Der Verlauf ist sehr mild gewesen, und doch hat den Leipziger etwas massiv gestört. In der Quarantäne sei ihm „erst mal so richtig bewusst“ geworden, wie weit dadurch „dem Betrug Tür und Tor“ geöffnet werde.

Schließlich darf einem Doping-Kontrolleur durch die angeordnete häusliche Isolation für eine Kontrolle nicht die Tür geöffnet werden. Die Quarantäne sei deshalb das beste Alibi zum Betrügen. Storl, der es persönlich als „großes Desaster“ empfindet, dass er für die Quarantäne-Zeit selbst „nicht glaubwürdig“ sei, wünscht sich in der Pandemie mehr technische Hilfsmittel im Kampf gegen Doping. „Man könnte in einem Videotelefonat zeigen, wie man live in einen Becher uriniert“, sagte er. Das könne abschreckende Wirkung haben.

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In den nächsten 100 Tagen wird sich das auf keinen Fall umsetzen lassen, so viel steht fest. Genauso wie die Erkenntnis der Athleten, in den nächsten Wochen und Monaten auf alles vorbereitet sein zu müssen. „In Zeiten mit Corona ist große Flexibilität und Spontanität gefragt“, sagt Schwanitz, die ungeachtet aller Diskussionen versucht, sich allein auf das Sportliche zu konzentrieren. Für den Tag X – Stand jetzt ist das bei ihr das Kugelstoßfinale am 1. August in Tokio – will sie in Top-Form sein.

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