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Was wird jetzt aus Olympia, Herr Präsident?

Weltmeister Johannes Vetter aus Dresden fordert im SZ-Gespräch endlich Informationen – und bekommt prompt erste Antworten von Thomas Bach.

Eine Installation vor dem neuen Nationalstadion, Hauptschauplatz der Spiele vom 23. Juli bis 8. August 2021 in Tokio, zeigt die olympischen Ringe. Wie sind die Spiele in der Corona-Pandemie umzusetzen?
Eine Installation vor dem neuen Nationalstadion, Hauptschauplatz der Spiele vom 23. Juli bis 8. August 2021 in Tokio, zeigt die olympischen Ringe. Wie sind die Spiele in der Corona-Pandemie umzusetzen? © dpa/kyodo

Dresden. Die Reaktion kommt sofort. Das hatte selbst Johannes Vetter so nicht erwartet. Der Speerwurf-Weltmeister aus Dresden hatte in einem exklusiven Gespräch mit der Sächsischen Zeitung die Entscheider des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) aufgefordert, konkrete Pläne für die Sommerspiele 2021 in Tokio vorzustellen. „Wir haben in diesem Jahr in der Leichtathletik und anderen Sportarten gesehen, wie sportliche Events unter Corona aussehen können“, hatte der 27-jährige Vetter gesagt.

Die Aufforderung nimmt Thomas Bach an, lässt über einen Pressesprecher nach einer Live-Schalte auf Instagram anfragen. Und so treffen sich Vetter und der IOC-Präsident zum virtuellen Gedankenaustausch. Die SZ fasst die wesentlichen Themen des einstündigen Gesprächs zusammen.

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Werden die Olympischen Spiele 2021 in Tokio überhaupt stattfinden?

„Wie ist die Prognose, wie schaut es aus?“, will Vetter wissen, der sich mit dem IOC-Präsidenten und Olympiasieger im Fechten mit der Mannschaft von 1976 vertrauensvoll duzt. „Wir können sehr zuversichtlich sein, wir arbeiten voll auf den 23. Juli nächsten Jahres hin“, sagt Bach. „Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten gesehen: Man kann große Sportveranstaltungen organisieren, selbst zu einem Zeitpunkt, zu dem noch keine Impfstoffe bereitstehen“, erklärt er. Das IOC entwerfe Konzepte für die verschiedenen Szenarien. Die Japaner seien dabei hervorragende Partner, lobt der IOC-Chef. Die Regierung arbeite wie das IOC mit einer Task Force und werde voraussichtlich im Dezember einen Zwischenbericht vorlegen, wie sie es anpacken will.

Über Instagram diskutieren IOC-Präsident Thomas Bach (oben) und Speerwerfer Johannes Vetter die Pläne für die Olympischen Spiele 2021 in Tokio.
Über Instagram diskutieren IOC-Präsident Thomas Bach (oben) und Speerwerfer Johannes Vetter die Pläne für die Olympischen Spiele 2021 in Tokio. © SZ/teamdeutschland/insta-live

Welche Szenarien favorisiert das IOC derzeit für die Sommerspiele?

„Das ist die Eine-Million-Euro-Frage“, antwortet Bach und bittet zehn Monate vor der geplanten Eröffnung vor allem um Geduld – auch angesichts der sehr dynamischen Entwicklung weltweit. „Wir versuchen, uns vorzustellen: Was wird uns in zehn Monaten alles zur Verfügung stehen?“ Auch das kann heute noch niemand seriös vorhersagen. Aber das IOC arbeitet an Szenarien mit sozialer Distanz sowie Maskenpflicht und wirft auch die Frage auf, ob Stadien und Hallen ganz gefüllt werden können, nur halb – oder im schlimmsten Fall leer bleiben müssen.

Auch die Einreise der weltweiten Athleten ist ein Problempunkt. „Wir können nicht nur auf die Lage in Japan gucken, sondern müssen auf die Lage in 206 Nationen schauen. Das ist deshalb wichtig, um sichere und vergleichbare Bedingungen schaffen zu können“, erklärt Bach. „Es ist derzeit unmöglich zu sagen, was dabei herauskommt“, wirbt er um Verständnis. Offen ist, wie das Zusammenleben im olympischen Dorf funktionieren soll, ob die Mensa geöffnet wird „oder ob es abgepackte Mahlzeiten sein müssen“.

Im Gespräch wird deutlich: Der mächtigste Mann des Sports spielt auf Zeit – und muss das tun. Man wisse derzeit nicht, welche Maßnahmen morgen gelten. „Deshalb kann man von uns fairerweise nicht erwarten, dass wir sagen: In zehn Monaten wird das genau so und so sein.“

Speerwerfer Johannes Vetter fordert vom Internationalen Olympischen Komitee noch mehr Engagement für die Sommerspiele 2021 in Tokio.
Speerwerfer Johannes Vetter fordert vom Internationalen Olympischen Komitee noch mehr Engagement für die Sommerspiele 2021 in Tokio. © dpa/Hendrik Schmidt

Wie wahrscheinlich sind Corona-Tests der Sportler vor und während Olympia?

Dieses Prozedere ist wohl unumgänglich, wobei Bach von der Weltgesundheitsorganisation WHO positive Zeichen für einen zeitnah entwickelten Impfstoff erhält. „Wir werden von Woche zu Woche zuversichtlicher.“ Das IOC arbeitet mit mehreren Labors zusammen, von denen sich einige in der letzten Phase der klinischen Tests befinden. „Es wird mit 30.000 bis 40.000 Probanden gearbeitet. Voraussichtlich nicht nur eines der Laboratorien wird gegen Ende des Jahres einen Antrag auf eine beschleunigte Zulassung stellen“, signalisiert Bach. Und was die Tests betrifft, sagt er direkt zu Vetter: „Die sind sehr wahrscheinlich, schon in deinem Interesse.“

Was passiert mit Athleten, die in Tokio positiv auf Corona getestet werden?

Das interessiert Vetter ganz persönlich. Der Olympia-Vierte von 2016 selbst und viele Experten halten den Speerwerfer der LG Offenburg nach neun Siegen in dieser von der Corona-Pandemie geprägten Saison für einen potenziellen Goldkandidaten. Zuletzt hat er mit 97,76 Metern einen neuen deutschen Rekord aufgestellt. Es war der zweitweiteste Wurf seit der Einführung des neuen Geräts im Jahr 1986.

„Ich bin gut drauf, zeige keine Symptome – was passiert da?“, will Vetter wissen. Bach antwortet „ganz ungeschützt mit meiner persönlichen Meinung“. Der IOC-Chef glaubt, dass es dafür von Sportart zu Sportart möglicherweise unterschiedliche Regelungen geben könnte. „In einer Kontaktsportart müsste das anders sein als in einer Individualsportart, in der der einzelne Athlet gewissermaßen in einer Bubble sein kann.“ Ob und wie man solche „Blasen“ sicherstellen könnte, muss Bach derzeit offenlassen.

Thomas Bach lehnt einen Ausschluss einzelner Nationen von den Spielen 2021 in Tokio aufgrund der Corona-Lage in den jeweiligen Ländern ab.
Thomas Bach lehnt einen Ausschluss einzelner Nationen von den Spielen 2021 in Tokio aufgrund der Corona-Lage in den jeweiligen Ländern ab. © dpa/Jean-Christophe Bott

Kann das IOC Nationen wegen Corona-Fällen ausladen?

Das ist offenbar kein Thema. „Man soll einen Athleten nie für etwas bestrafen, für das er keine Verantwortung trägt. Wenn Athleten negativ getestet werden und sie sich dem geforderten Test-Prozedere unterwerfen wie alle anderen auch, dann muss man für diese Sportler die Möglichkeit der Teilnahme schaffen“, sagt Bach.

Ist der Zeitplan vom 23. Juli bis zum 8. August noch variabel?

Nein, der Zeitplan ist fix. „Alles andere ist unmöglich zu machen“, sagt Bach und verweist auf den sonstigen internationalen Wettbewerbskalender. Auch die knapp 60.000 Helfer sind zeitlich gebunden. „Von Fernsehübertragungen mal ganz abgesehen. Wir müssen eben über andere Möglichkeiten nachdenken, wie man die Spiele im olympischen Dorf entzerren kann“, sagt Bach. Was er genau damit meint, erläutert er nicht.

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Genauso unbeantwortet bleibt die Frage nach einem möglichen Komplettausfall der Sommerspiele. Die Folgen wären verheerend – für Athleten wie Vetter, die um ihre Chance gebracht würden, genauso wie finanziell für das IOC. Ursprünglich ging das Organisationskomitee in Tokio von Kosten in Höhe von 11,5 Milliarden Euro aus. Allerdings gibt es keine Angaben, welche Folgen die Verschiebung der Sommerspiele um ein Jahr hat. Für das IOC geht es vor allem darum, die Verträge mit exklusiven Sponsoren und den Inhabern von Fernseh-Rechten zu erfüllen. Der TV-Vertrag mit dem amerikanischen Sender NBC wurde bis 2032 verlängert – für einen Gegenwert von etwa 6,6 Milliarden Euro. Sollten die Spiele abgesagt werden, drohen möglicherweise milliardenschwere Klagen.

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