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Olympia, muss das diesen Sommer wirklich sein?

Auf die Frage, die derzeit die Sportwelt beschäftigt, gibt es selbst in Tokio keine offizielle Antwort. Höchste Zeit also für eine Mini-Umfrage vor Ort.

Die Olympischen Sommerspiele Tokio 2020 sollen coronabedingt vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 in Tokio stattfinden - wenn sie denn stattfinden.
Die Olympischen Sommerspiele Tokio 2020 sollen coronabedingt vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 in Tokio stattfinden - wenn sie denn stattfinden. © Montage: SZ-Bildstelle

Von Felix Lill

Nach längerer Sendepause meldet sich ein Tokioter Freund. „Wer weiß das schon …“, schreibt er und schickt ein achselzuckendes Emoji hinterher. Auf meine Frage davor hatte er eine deutlichere Antwort. Ich: „Freust du dich auf Olympia diesen Sommer?“ Er: „In normalen Zeiten hätte ich Ja gesagt. Aber in der Pandemie finde ich das unpassend.“ Daraufhin wollte ich wissen, ob er glaube, dass die Organisatoren dies auch noch so sehen und die Spiele absagen werden. Es folgte die lange Unschlüssigkeit. Eine Prognose traute er sich nicht.

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Dabei ist genau das doch die Frage, die im Moment nicht nur ganz Japan interessiert, sondern die gesamte Sportwelt: Wird es im Sommer 2021 wirklich die Olympischen Spiele geben, die es schon 2020 nicht geben konnte? Dafür spricht das längst investierte Geld, das man in Japan nicht umsonst ausgegeben haben will. Allerdings spricht Geld auch dagegen, denn die einjährige Verschiebung kostet mehrere zusätzliche Milliarden Euro. Und außerdem ist die Pandemie immer noch da.

Aus diesem Gemisch ergibt sich ein erschütterndes Meinungsbild: Laut diversen Umfragen wollen seit einem Jahr zwischen zwei Drittel und 80 Prozent der Menschen in Japan diesen Sommer kein Olympia in Tokio. „Aber was die Menschen denken, ist in Japan kein guter Indikator dafür, was am Ende passieren wird“, warnte mich ein Politikprofessor vor eiligen Schlussfolgerungen. Die Entscheidungsträger hörten eher auf gut organisierte Lobbys als aufs Volk.

Die Kritik an Olympia ist längst in jeden Winkel der japanischen Gesellschaft vorgedrungen. Glaubt also wirklich noch einer, dass die größte Sportveranstaltung der Welt einfach so stattfinden kann? Erhebungen dazu sind nicht zu finden. Und weil Glücksspiel in Japan verboten ist, gibt es auch keine Wettanbieter, die Quoten errechnen. Zeit also für eine – nicht repräsentative – Mini-Umfrage im Tokioter Freundeskreis. Über Line, die in Japan üblichste Messaging-App, schicke ich diese Frage raus: Wird Olympia stattfinden?

„Ich befürchte, sie ziehen es mit Zwang durch“, schreibt eine Freundin. Sie ist Ende 30. „Einige Bekannte von mir tippen auf die Absage. Aber ich glaub’ nicht dran“, sagt ein älterer Mann. Ein anderer begründet seinen Pessimismus mit Fukushima. „Nach dem Atomdesaster war das ganze Land gegen Atomkraft. Aber die Regierung hat trotzdem keinen Ausstieg gemacht. Deswegen wird auch Olympia nicht abgesagt werden.“ Kurzum, unter zehn befragten Personen erwartet keiner, dass Olympia ausfallen wird – doch alle hoffen es.

Und die Organisatoren? Haben immer wieder beteuert, wie wichtig die Unterstützung der Bevölkerung für den Erfolg der Spiele sei. Auf meine Frage, ob dann nicht ein Referendum über die Austragung angebracht wäre, wollten sie nicht eingehen. Stattdessen betonte Toshiro Muto, CEO des Organisationskomitees, dieser Tage noch einmal: „Wir werden nicht aufgeben.“

Wobei der Fackellauf nun erstmals abgelehnt wurde. Wegen Infektionsgefahren will eine Insel der im fernen Südwesten gelegenen Präfektur Okinawa nicht, dass der olympische Tross Anfang Mai vorbeikommt. Damit aber auch die Spiele ausfallen, müsste wohl die Regierung von Tokio das gleiche sagen. Als Gastgeberstadt, die sich einst für das Austragungsrecht beworben hat, ist das bis auf Weiteres höchst unwahrscheinlich. Allerdings: Aufgrund der Infektionslage befindet sich Tokio seit einigen Tagen erneut im Ausnahmezustand.

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Unser Kolumnist, geboren 1985 in Hamburg, ist freier Autor und lebt seit 2012 in Tokio. Zur demografischen Alterung und intergenerationalen Solidarität in Japan und Deutschland hat er promoviert. An Japan liebt Lill nicht nur das Essen, sondern auch den niedrigen Geräuschpegel im Alltag, sogar in Tokio. An dieser Stelle berichtet er nun wöchentlich bis zum geplanten Olympiastart am 23. Juli über den schwierigen Weg bis zu „Tokyo 2020+1.“

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