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So erlebte das gequälte Pferd den Olympia-Skandal

Im olympischen Fünfkampf verweigert ein Pferd die Zusammenarbeit. Die Reiterin reagiert mit Schlägen. Jetzt spricht der Hengst im fiktiven Interview.

Das Pferd Saint Boy verweigert Annika Schleu beim Springreiten im Modernen Fünfkampf das Hindernis. Im fiktiven Interview vergleicht der Hengst die Situation mit dem Ponyreiten auf dem Weihnachtsmarkt.
Das Pferd Saint Boy verweigert Annika Schleu beim Springreiten im Modernen Fünfkampf das Hindernis. Im fiktiven Interview vergleicht der Hengst die Situation mit dem Ponyreiten auf dem Weihnachtsmarkt. © dpa/Marijan Murat

Shiga. Es war der vielleicht größte Skandal bei den Olympischen Spielen in Tokio. Saint Boy verweigert der auf Goldkurs liegenden Annika Schleu im Modernen Fünfkampf beim Springreiten die Zusammenarbeit. Die Reiterin drischt in der Folge mit der Gerte auf ihr Pferd ein, angefeuert von ihrer Trainerin Kim Raisner („Hau drauf!“), die auch selbst Hand an das Tier legt. Reiterin und Trainerin sehen sich dem Vorwurf der Tierquälerei ausgesetzt. Raisner wird von Olympia ausgeschlossen.

Das Geschehen wurde seitdem aus vielerlei Sicht kommentiert. Im Interview mit der Zeit wehrt sich Schleu nun gegen den Vorwurf der Tierquälerei: „Ich habe das Pferd nicht extrem hart behandelt. Ich hatte eine Gerte dabei, die vorher kontrolliert wurde. Genauso wie die Sporen. Ich bin mir wirklich keiner Tierquälerei bewusst.“

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Aber wie hat eigentlich Saint Boy das alles erlebt? Ein fiktives Interview mit dem Hengst, der mittlerweile wieder zu Hause in seinem Gestüt in der japanischen Provinz Shiga ist.

Hallo Saint Boy. Wie geht es Ihnen?

Danke, gut. Das Ganze war für mich nicht nur schmerzhaft, sondern auch aufregend. Ich erhole mich gerade von dem ganzen Wirbel. Gefreut hat es mich, als ich von einem Stallburschen gehört habe, dass sich viele Menschen auf der Welt nach den Vorfällen bei Olympia Sorgen um mich gemacht haben. Und ich bin natürlich erleichtert, dass Nachrichten, ich würde bestraft oder gar eingeschläfert werden, völlig aus der Luft gegriffen sind.

Wie beurteilen Sie mit einigen Tagen Abstand die Geschehnisse bei der Vielseitigkeitsprüfung?

Ich finde, ich habe alles richtig gemacht. Zwar endete das Ganze für Annika Schleu, die zu dieser Zeit im Modernen Fünfkampf auf Goldkurs lag, tragisch. Aber sie hat ja auch einen gehörigen Teil dazu beigetragen, dass die Situation eskalierte. Vielleicht hätte ich dann ein wenig gelassener reagieren und nicht auch noch in ein Hindernis laufen sollen. Dabei habe ich mir auch noch ein bisschen weh getan.

Warum wollten Sie eigentlich mit Annika Schleu nicht über die Hindernisse?

Es ist wirklich kein Spaß, mehrmals durch einen Springparcours zu müssen, und das mit Reiterinnen und Reitern, die man vorher noch nie gesehen hat. Das ist wie beim Ponyreiten auf dem Weihnachtsmarkt: Ein Kind schreit wie am Spieß, ein anderes will Cowboy spielen und beim Dritten will sich am liebsten der Vater mit aufs Pony setzen. Ich wollte einfach mal zeigen, dass es auf Dauer so nicht geht. Ich hatte ja schon zuvor bei einer anderen Reiterin deutlich gemacht, dass ich an diesem Tag nicht über die Hindernisse will. Und grundsätzlich: Natürlich ist es für ein Pferd generell schöner, locker um ein Hindernis herumzutraben, als darüberzuspringen.

Die deutsche Fünfkämpferin Annika Schleu lag vor dem Springreiten in Führung, als ihr Pferd Saint Boy beim Springreiten mehrfach verweigerte. Danach gab es vor allem Kritik am Umgang mit dem Pferd.
Die deutsche Fünfkämpferin Annika Schleu lag vor dem Springreiten in Führung, als ihr Pferd Saint Boy beim Springreiten mehrfach verweigerte. Danach gab es vor allem Kritik am Umgang mit dem Pferd. © dpa/Marijan Murat

Was sagen Sie zum Verhalten von Annika Schleu und ihrer Trainerin Kim Raisner?

Es war halt ein klassischer Interessenkonflikt. Frau Schleu wollte – leider nicht allein, sondern auf und mit mir – übers Hindernis. Und ich wollte das nicht. Was dann passierte, geht allerdings gar nicht.

Sie meinen die Schläge?

Was sonst? Dass mich eine Trainerin mit der Faust schlägt und dann auch die Reiterin lautstark auffordert, mich zu schlagen, was diese auch ausgiebig tut, war natürlich ein Skandal. Konfliktlösung durch Gewalt ist keine Konfliktlösung.

Wie ließe sich so etwas vermeiden?

Wir Vielseitigkeitspferde – ich wurde im Übrigen nie gefragt, ob ich eines sein will – haben es generell nicht leicht. Wie schon gesagt, wir lernen unsere Reiter erst ganz kurz vor dem Wettbewerb kennen. Stellen Sie sich vor, Sie müssten direkt nach einem Fünf-Minuten-Speeddating mit jemand vier Wochen in den Urlaub fahren . . .

Wie ließe sich dieses Problem lösen?

Ganz einfach: ein fest zugeteiltes Pferd für jede Reiterin und jeden Reiter. Ich habe mich in Tokio auf dem Abreiteplatz mal mit der Stute Dalera, dem Pferd von Dressur-Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl, unterhalten. Die geht zu Hause fast jeden Tag abends noch mal in den Stall und redet und kuschelt mit ihren Pferden. Bei so einer Behandlung gehst du dann auch voll motiviert in einen Wettbewerb.

Dalera, ein zufriedenes Pferd?

Na ja, ein bisschen sauer und beleidigt war sie schon auch. Verständlich. Schließlich hat sie ihre Reiterin zu zwei Goldmedaillen getragen. Dalera bekommt dafür lediglich ein Schleifchen angeheftet, während ihre Reiterin die Medaille umgehängt bekommt. Das ist doch ein bisschen so, als würde nicht die Siegerin im Hochsprung Gold bekommen, sondern ihre Trainerin.

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