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Sport

Pressestimmen zur Olympia-Eröffnung

Den Japanern fällt es "schwer, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen". Sie empfinden die Corona-Spiele als "schwere Last", auch im Ausland kommt keine Euphorie auf.

Das Olympische Feuer wurde von der japanische Tennisspielerin Naomi Osaka entzündet.
Das Olympische Feuer wurde von der japanische Tennisspielerin Naomi Osaka entzündet. © dpa

Tokio. Am Morgen danach brannte das Feuer im Olympiastadion noch immer. Das Coronavirus kann die Spiele bedrohen, es kann sie bis zur Unkenntlichkeit entstellen, doch das Flackern der Flamme bleibt. Nur: Der Funke "Hoffnung", den IOC-Präsident Thomas Bach bei der Eröffnungsfeier am Freitag beschworen hatte, sprang nicht auf die Gastgeber über. Mainichi Shimbun schrieb von einer "schweren Last für die Menschen" in Tokio, "das Licht am Ende des Tunnels" sei kaum zu erkennen, kommentierte die auflagenstarke Zeitung.

Auch im Ausland war von Erleichterung oder gar Aufbruchstimmung vor den ersten Wettbewerben keine Spur. Für die Washington Post rang sich Japan gerade einmal "ein gezwungenes Lächeln" ab, "die Feier war eher ein Wimmern als ein Knall." Und selbst, wenn diese Spiele nicht zum Superspreader-Event werden, befürchtet die New York Times, "wird es schwierig, dem Corona-Schatten zu entkommen."

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Und prompt gab es Ärger: Einige Athletinnen und Athleten verstießen gegen die Regeln des Playbooks und schlenderten vor der an den Fernsehern versammelten Weltöffentlichkeit ohne Maske durchs Stadion. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) warnte, es werde bei "eklatanten" Vergehen eingreifen, was auch immer "eklatant" und "eingreifen" bedeutet, es klang wie eine Drohung.

Die deutschen Teilnehmer singen Hymne nur leise

Die deutsche Mannschaft hatte sich brav an die Bestimmungen gehalten und sogar auf ein liebgewonnenes Ritual verzichtet. Anders als in Rio schmetterte das Team die Nationalhymne nicht lautstark durch die Arena, "diesmal haben wir sie leiser in die Maske gesungen", erzählte Dirk Schimmelpfennig, Chef de Mission in Tokio und lobte seine Sportler: Die Mannschaft habe die Einschränkungen gut angenommen, "wir hatten tolle Fahnenträger und eine gute Stimmung."

Das lag aber nicht an der schwermütigen Show, auch wenn die zumindest zum Ende schwungvoller wurde. Wie es Laura Ludwig denn fand, wurde die Fahnenträgerin nach ihrem Auftaktmatch im Beachvolleyball im Shiokaze Park gefragt. "Keine Ahnung", antwortete die Rio-Olympiasiegerin, "ich bin reingelaufen, fand's geil, und bin wieder rausgelaufen." Wichtiger als die Aufführung war für die Athletinnen und Athleten ohnehin die Organisation - und die war Spitze.

"Der DOSB hat sich größte Mühe gegeben, dass wir so schnell wir möglich ins Dorf zurückkommen. Das war alles sehr gut organisiert - vor allem auch von den Japanern", sagte Ludwig. Schnell hin, schnell wieder zurück, richtig viel Lust auf ein Fest hatte kaum jemand im schmucken Olympiastadion, Gäste waren ja auch nicht erwünscht bis auf die Medienvertreter und VIP's.

Dazu passt auch das Fazit, dass der britische Guardian zog: "Zeit, dass die Show beginnt. Die Eröffnungszeremonie hatte einen traurigen Charakter, aber vielleicht bescheren uns diese 'verfluchten Spiele' viele Momente der Erleuchtung." Solange das Feuer über Tokio brennt, ist die Hoffnung noch nicht gänzlich verloren. (sid)

Internationale Pressestimmen:

JAPAN

Mainichi Shimbun: "IOC Monopoly. Es waren keine Zuschauer im Stadion mit einer Kapazität von 68.000 Zuschauern und es fehlte an Spannung. Die Dinge verliefen nach einem vom IOC erzwungenen Szenario. Die Veranstaltung fand statt, mit allen Risiken einer Ausweitung der Infektion. Es ist schwer, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen, von dem Bach gesprochen hat. Die aufgeblähten Olympischen Spiele werden zu einem Ereignis, das den Menschen eine schwere Last auferlegt. Kann das olympische Feuer, das nach 57 Jahren in Tokio wieder entzündet wurde, die Welt vereinen? Oder wird es eine Quelle von Spaltungen sein?"

Nikkei Business Daily: "Die Gastgeberstadt Tokio bleibt im Ausnahmezustand. Die oberste Priorität dieses außergewöhnlichen Festes ist, dass es ohne weitere Ausbreitung von Infektionen sicher abgehalten wird."

Asahi Shimbun: "Die Spiele wurden mit Tokio im Ausnahmezustand eröffnet und die Zahl der Neuinfektionen in Japan steigt weiter an. Das Ideal der 'Olympiade des Wiederaufbaus', das das Organisationskomitee hochhielt, ist verblasst. Der Sinn von Festlichkeiten ist begrenzt. Die Spiele wurden angesichts des öffentlichen Widerstands eröffnet."

USA

Washington Post: "Japan bekommt ein gezwungenes Lächeln hin, aber olympische Freude ist Mangelware. Die Feier war eher ein Wimmern als ein Knall. Ebenfalls hörbar war einer der Soundtracks dieser schwierigen Spiele: Demonstranten, die das gesamte Event verwünschten."

New York Times: "Die Olympischen Spiele werden vor einem Meer aus leeren Sitzen eröffnet. Die Organisatoren versuchten offensichtlich, die Botschaft der Spiele weg von der Pandemie und den Skandalen hin zu schmerzstillenden Themen wie Frieden und globaler Harmonie zu lenken. Doch selbst wenn diese Spiele kein Superspreader-Event werden, wird es schwierig, dem Corona-Schatten zu entkommen."

USA Today: "Die Zeremonie war wie erwartet zweckmäßig, sie dauerte sehr lange, die Reden hätten kürzer sein sollen. Aber dass sie überhaupt stattfand, war bemerkenswert. Die Sommerspiele haben offiziell begonnen. Das ist ein Satz, von dem viele dachten, dass er nie geschrieben würde."

ENGLAND

Times: "Hoffnung trifft Feindseligkeit bei der Eröffnung der spaltenden Spiele. Für diejenigen in Tokio, die diese Wettbewerbe begrüßen, muss es sich angefühlt haben wie Tanzen ohne Musik. Für den Rest eher wie ein illegaler Rave. Die Spiele sind eröffnet, aber viele in Japan zählen schon jetzt die Tage bis zur Schlussfeier."

Daily Mirror: "Es war eine nackte Zeremonie, wie es auch nackte Spiele werden, und es gab kein Entkommen vor einem unangenehmen Gefühl. Aber nun, da die Flamme brennt, geht es nur noch um die Sportler. Diese Spiele werfen einen dunklen Schatten, aber die Sportler werden hell brennen."

The Guardian: "Olympia hat begonnen, wohl oder übel: Zeit, dass die Show beginnt. Die Eröffnungszeremonie hatte einen traurigen Charakter, aber vielleicht bescheren uns diese 'verfluchten Spiele' viele Momente der Erleuchtung."

ITALIEN

Gazzetta dello Sport: "Die olympische Fackel verjagt den Albtraum des Virus. Wir dürfen diese Zeremonie ohne Zuschauer nicht vergessen, denn sie symbolisiert den Willen zum Neubeginn."

Corriere dello Sport: "Die Eröffnungszeremonie ist eine Ode an das Leben, an den festen Willen zum Neustart nach den harten Pandemie-Zeiten. Farben und Lebensfreude: Diese Olympischen Spiele wollen für Japan eine Renaissance sein."

Tuttosport: "Die große Schönheit: Farben, Stil und Freude. Die Olympischen Spiele haben begonnen, die Zweifel und die Diskussionen vor dem Start sind vergessen. Japan glaubt an diese Spiele und wir auch."

Corriere della Sera: "Das Lied der Olympischen Spiele: Tokio vereint die Welt mit einer schlichten, aber stimmungsvollen Zeremonie und einer Hommage an die Opfer in München 1972, wie es Israel seit 50 Jahren fordert. Es ist wunderbar, wieder vereint zu sein."

La Repubblica: "Die große olympische Show hat begonnen. Mit dieser Eröffnungszeremonie entsendet die Welt ein Zeichen des Neubeginns. Schade, dass die Zeremonie nicht beeindruckend ist. Sie ist zu lang und zu stark bemüht, die moderne Sensibilität zu respektieren."

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