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Gespenst von 1940 in Tokio

Olympia soll an 1964 anknüpfen, als Japan den Wiederaufbau nach dem Krieg feiert. Es gibt aber auch andere Parallelen.

Die Olympischen Sommerspiele Tokio 2020 sollen coronabedingt vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 in Tokio stattfinden - wenn sie denn stattfinden.
Die Olympischen Sommerspiele Tokio 2020 sollen coronabedingt vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 in Tokio stattfinden - wenn sie denn stattfinden. ©  Montage: SZ-Bildstelle

Von Felix Lill

Tokio. Die Ausstellungen, die in den letzten Jahren in den Museen von Tokio eröffnet wurden, lassen keine Zweifel zu. Die Spiele von 1964 reichen bis in die Gegenwart. Besonders deutlich zeigt dies die Ausstellung des Japanischen Olympischen Komitees: 19 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, der für Japan mit verheerenden Luftangriffen auch über Tokio sowie den Atombomben über Hiroshima und Nagasaki geendet hatte, meldete sich das Land als erstarkte Nation zurück.

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Dank der Spiele 1964, so erzählt es das Olympiamuseum, verfügte Japan plötzlich über den Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen, über neue Hotels und einen hochmodernen Flughafen nahe der Tokioter Innenstadt. Die Straßen waren nicht mehr eng wie früher, sondern großzügig angelegt für die Massenmobilität. Tokio, voller Stolz erste asiatische Gastgeberstadt, war eine moderne Metropole geworden.

Das Showakan, das Museum für die Regentschaft von Kaiser Hirohito von 1926 bis 1989, stellt die Geschichte ganz ähnlich dar. Demnach sei schon das Erlangen des Austragungsrechts ein riesiger nationaler Erfolg gewesen, der Japans Wiederauferstehung einläutete. Und das Edo Hakubutsukan, das sich auf die Stadthistorie des einst Edo genannten Tokio konzentriert, hat gleich mehrere Ausstellungen dem Thema Olympia gewidmet. Zuletzt mit Parallelen zwischen 1964 und 2020 – denn die Gemeinsamkeiten gehen so weit, dass sich sogar die Route des Fackellaufs stark ähnelt. Es ist also eine Geschichte, die sehr gerne und immer wieder erzählt wird.

Ein fragwürdiger Zusammenhang

Wie damals haben auch die Organisatoren heute die Tokioter Spiele zu jenen des Wiederaufbaus erklärt: 1964 von der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs, jetzt nach der Dreifachkatstrophe aus Erdbeben, Tsunami und nuklearer Reaktorkatastrophe im Nordosten Japans im Jahr 2011.

Doch wie 1964 ist der Zusammenhang zwischen Olympia und wirtschaftlichem sowie infrastrukturellem Aufschwung höchst fragwürdig. Denn das Land wäre sicher auch ohne Sportgroßereignis aufgebaut worden. Aber für solche Einwände ist in staatstragenden Museen und Erklärungen von Offiziellen wenig Platz. So wurde nun selbst die Corona-Pandemie in eine Chance umgewandelt. Premierminister Yoshihide Suga versprach Anfang des Jahres: „Die Spiele von Tokio werden den Sieg über das Virus erklären.“ Dabei drängt sich gerade durch die Pandemie eine andere Parallele auf als die zu 1964.

Das Land sollte bereits ein Vierteljahrhundert früher Olympia-Gastgeber sein. Schon für 1940 hatte Tokio das Austragungsrecht gewonnen. Weil Japan aber kurze Zeit später gegen China in den Krieg zog, wollte die Kavallerie ihre Pferde nicht mehr für den Sport abstellen. Und die Rüstungsindustrie brauchte das für den Stadionbau gedachte Metall in der Waffenherstellung. So verzichtete man kurzerhand. Historiker sprechen seitdem von „maboroshi no orinpikku“: Phantom-Olympia.

Eine verfluchte Serie?

Seit Beginn der Pandemie spuken diese abgesagten Spiele nun wie ein böser Geist durchs Land – auch wenn es in den Museen anderes zu sehen gibt. Japans Vizepremier, der für sein lockeres Mundwerk bekannte Taro Aso, hat die Angst der Veranstalter allerdings schon laut ausgesprochen: „Alle 40 Jahre sind die Olympischen Spiele verflucht“, klagte er. 1940 die abgesagten Spiele, 1980 der Olympiaboykott von Moskau, und 2020 fand Olympia nicht statt. Was nun mit den Spielen 2020+1 wird? Die Frage bleibt vorerst unbeantwortet.

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Unser Kolumnist, geboren 1985 in Hamburg, ist freier Autor und lebt seit 2012 in Tokio. Zur demografischen Alterung und intergenerationalen Solidarität in Japan und Deutschland hat er promoviert. An Japan liebt Lill nicht nur das Essen, sondern auch den niedrigen Geräuschpegel im Alltag, sogar in Tokio. An dieser Stelle berichtet er nun regelmäßig bis zum geplanten Olympiastart am 23. Juli über den schwierigen Weg bis zu „Tokyo 2020+1.“

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